Journalismus und Gesellschaftskritik

Hugo Bettauer und Die Stadt ohne Juden
Im Oktober 2015 machte ein Filmsammler auf einem Pariser Flohmarkt eine sensationelle Entdeckung: er fand die vollständige Kopie eines Filmes, der bis dato als verschollen gegolten hatte – Eines Filmes, dessen Buchautor und Regisseur nur einige Monate nach der Uraufführung im Jahr 1924 von einem Nationalsozialisten erschossen worden war. Der Autor hieß Hugo Bettauer, der Film Die Stadt ohne Juden.

Hugo Bettauer – ein Opfer des Populismus
Hugo Bettauer war Romanschriftsteller, Feuilletonist und Zeitschriftenherausgeber. 1872 als Sohn jüdischer Eltern in Baden bei Wien geboren, besuchte er in Wien das Gymnasium, wo Karl Kraus sein Klassenkamerad war. Mit achtzehn trat er aus der jüdischen Gemeinde aus und konvertierte zum Protestantismus. Nach dem Tod der Mutter ging er nach Amerika, dann als Zeitungsredakteur nach Berlin und Hamburg und wieder zurück in die USA, wo er als Journalist tätig war. Bettauer schrieb für das New Yorker Morgen-Journal Gegenwartsromane, deren Handlung im Milieu der deutschen und österreichischen Emigranten angesiedelt war.  1908 kehrte er als amerikanischer Staatsbürger nach Österreich zurück und nahm ihn Wien seine journalistische Tätigkeit auf. Wegen seiner Vorliebe, Skandale aufzudecken, war Bettauer immer wieder Zielscheibe harter Kritik.

1920 erschien seine erste Buchveröffentlichung mit dem Titel Faustrecht, es folgte eine Reihe von Wiener Kriminal- und Sittenromanen, die die Lebenswirklichkeit der jungen Republik spiegelten und den Autor zu einem der beliebtesten und erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit machten. Das Wien der Gegenwart war Bettauers Thema, er beschrieb auf vortreffliche und sarkastische Weise Neureiche und Kriegsgewinnler, Parvenus und gestrandete Existenzen. Bettauer zeichnete ein messerscharfes Gesellschaftsbild der Zeit, er galt als der „Autor des kleinen Mannes“. Seine Romane erschienen als Fortsetzungen in seinen Zeitschriften. Er schrieb sie ähnlich einer Kolumne meist von einen Tag auf den nächsten und wusste oft erst während des Schreibens, wie sich die Handlung entwickeln sollte. Das zeugt von einem unheimlich regen Geist und einem treffsicheren Gespür für jede Aktualität. Selbst, wenn Schriftsteller und Kritiker die Nase über ihn rümpfen, Bettauer hatte eine vortreffliche Beobachtungsgabe und war äußerst sprachgewandt. Die Sujets seiner Romane schrien geradezu nach einer Verfilmung. So wandten sich Regisseure an ihn, der berühmteste war wohl Georg Wilhelm Pabst, der Bettauers Roman Die freudlose Gasse 1925 verfilmte. Die Handlung spielt in Wien, auch die Dreharbeiten fanden in Wien statt, in den Hauptrollen Asta Nielsen und Werner Krauss.
Zuvor waren aber schon einige andere Bettauer Romane verfilmt worden, auch der Roman Die Stadt ohne Juden, der 1922 erschienen war.

Die Stadt ohne Juden. Ein Gedankenexperiment als Versuch der Vermittlung
Die Handlung von Die Stadt ohne Juden. Der Roman von übermorgen (1922)  ist schnell erzählt: Österreich steht vor dem wirtschaftlichen Ruin. Die Schuld daran wird den Juden zugeschrieben. Also beschließt das Parlament, die Ausweisung aller Juden. Doch das verschlechtert die Situation Österreichs noch viel mehr, weswegen man die Juden wieder zur Rückkehr überredet.

Die Pro- und Kontra-Redner meldeten sich zu Wort. Die Sozialdemokraten sprachen gegen das Gesetz. Als aber ihr Führer Weitherz in ruhigen und sachlichen Worten seiner Entrüstung Ausdruck gab und den Gesetzentwurf als ein Dokument menschlicher Schmach bezeichnete, entstand ein furchtbarer Tumult, die Galerie warf mit Schlüsseln und Papierknäueln nach den Sozialdemokraten, es kam zu einer Prügelei, und die kleine Opposition verließ unter Protest den Saal. Der christlichsoziale Abgeordnete Pfarrer Zweibacher pries Dr. Schwertfeger als modernen Apostel, der würdig sei, dereinst heilig gesprochen zu werden, die großdeutschen Abgeordneten Wondratschek und Jiratschek aber beleuchteten das Gesetz lediglich vom Rassenstandpunkt, und Jiratschek, der stark mit böhmischen Akzent sprach, schluchzte vor Ergriffenheit und schloß mit den Worten:
»Wotan weilt unter uns!«
(Hugo Bettauer. Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen)

Für den Leser von heute mit dem Wissen um Holocaust und Deportationen ist die Herangehensweise an den Roman sowie dessen Verfilmung schwierig. Was Bettauer als satirisch überzeichnete Utopie gezeichnet hat, offenbart sich für den Leser der Gegenwart wie eine unheimliche Prophezeiung,die viele Details dessen, was in den 30er Jahren wirklich geschehen sollte, vorwegnahm. Es ist nur bedingt möglich, sich in diesem konkreten Fall auf den humoristisch-satirischen Charakter einzulassen, der Bettauers Schriften prägt.
In einer Zeitungsglosse beschrieb Bettauer im Juli 1922 die Inspiration, die ihn auf dieses Thema brachte:

Als ich einmal einen jener Orte aufsuchte, an denen man sich nicht länger aufzuhalten pflegt, als unbedingt notwendig ist, sah ich nebst anderen erbaulichen Inschriften auf den Wänden auch mehrfach die kategorische Aufforderung prangen „Hinaus mit den Juden!“ Dieser Sehnsuchtsschrei eines sicher sonst ganz braven Mannes, den man ja auch in den Plakaten unter dem lieblichen Hakenkreuz findet (und) auf der Elektrischen oft genug hört (…), regte meine Phantasie zu spielerischen Gedanken darüber an, wie dieses Wien sich wohl entwickeln würde, wenn die Juden tatsächlich einmal der höflichen Aufforderung folgten und die Stadt verließen.

Für die Verfilmung im Jahr 1924 durch den jungen Wiener Regisseur Karl Breslauer musste das Buch „politisch entschärft“ werden, um die innenpolitischen Konflikte nicht noch mehr aufzuheizen. So wurde es umfassend umgearbeitet. In wichtigen Rollen waren Johannes Riemann, Eugen Neufeld und Hans Moser zu sehen. Schon die Dreharbeiten erregten großes Interesse, die sich in der umfangreichen Berichterstattung in der Wiener Presse äußerte.  Im Juli kam es zu Uraufführung. Die Kinosäle waren überfüllt, größere Skandale blieben aus. Dennoch gab es lebhafte Proteste und Störaktionen von jungen Nationalsozialisten, die Stinkbomben in die Kinosäle warfen.

Mit Bissigkeit schilderte Bettauer die judenfeindliche Gesinnung seiner Zeit. Antisemitismus war zu einer Alltagserscheinung geworden, vielfach gar nicht hinterfragt und unreflektiert und wurde als „naturgegebene Zeiterscheinung“ hingenommen. Antisemitismus hatte schließlich in den 20er Jahren eine bereits über 100 Jahre alte, traurige „Tradition“. Von Politikern und politischen Aktivisten wurde ausgenutzt, ja der Judenhass durch aggressive Reden noch geschürt. Mit seinem Roman wollte Bettauer zwischen den verschiedenen Gesinnungen vermitteln, was ihm leider misslang. Alle fühlten sich indigniert. Es war und blieb das einzige Mal, dass sich Bettauer auf kritische Weise mit dem Antisemitismus auseinandersetzte.

Der Bettauer-Skandal und seine Folgen
Im Februar 1924 brachte Bettauer ein Wochenblatt heraus: Er & Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik. Er setzte sich für Scheidungsrecht, Schwangerschaftsabbruch und Straffreiheit für Homosexualität ein und nahm auf sehr aufgeklärte Weise zu gesellschaftlich brisanten Fragen der Zeit Stellung, wie Mieterschutz, Erotik außerhalb der Ehe und die Gleichberechtigung der Frau. Die Zeitschrift war keineswegs ein „Schmutzblatt“, sondern sah sich vielmehr als ein Medium der Aufklärung, in dem sogar Fachärzte Fragen beantworteten. Bettauer verwehrte sich gegen jede Scheinmoral und Unterdrückung. Nach der fünften Ausgabe der Zeitschrift wurde er angeklagt: „Vergehen gegen die öffentliche Sittlichkeit“ und „Vergehen gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung“ waren die Vorwürfe. Wegen der Kontaktanzeigen, die Bettauer in seiner Zeitschrift unter der Rubrik „Menschen, die einander suchen“ drucken lässt, wurde ihm auch noch „gewerbsmäßige Kuppelei“ vorgeworfen. Hier zwei Beispiele für Kontaktanzeige in Bettauers Wochenblatt:
Junger Beamter möchte wohlhabende Dame kennen lernen! Unter „Stierkämpfer“ 1048 an die Exped

Mein frohsinniger Lebensmut ist zuviel für mich allein. Laßt ihn mich mit einem lieben herz- und leibgesunden Mädel teilen. Schreibt unter „Bucephalos 1098! An die Exped.

In der Folge fand eine regelrechte Hetze gegen Bettauer statt, Lynchjustiz wird gefordert. Beschimpfungen wie „Schlammwühler“, „perverses Kloakentier“, „geiles Untier“, „Schweinehund“, „Industrieritter der Erotik“ oder „gewerbsmäßiger Pornograph“ werden immer häufiger. Er wird zum Feindbild für Frauen- und Elternvereine, Antisemiten, Nationalsozialisten und Christlich-Soziale. Bettauer wird das Image des perversen Sittenverderbers verpasst. Inzwischen gab er ein neues Wochenblatt heraus: Bettauers Wochenschrift. Probleme des Lebens. Beim Prozess im September wird Bettauer von allen Anklagepunkten freigesprochen.
Bettauers Beliebtheit bei seinen treuen Lesern geht auch darauf zurück, dass man ihn als Seelentröster sah. Er leistete eigentlich Sozialarbeit, indem zweimal die Woche Sprechstunden, eine Art „Seelenordination“, in seiner Redaktion abhielt.
Auch am 10. März 1925 war jemand für ein Gespräch in seinem „Sprechzimmer“ angemeldet: der 21jährige Zahntechniker Otto Rothstock. Mit einem fingierten Brief verschaffte sich Rothstock Zutritt zu Bettauers Büro, während dieser den Brief entgegennahm und den jungen Mann aufforderte, ihm zu folgen, sperrte jener heimlich die Tür zu. Und während Bettauer den Brief las, zog Rothstock eine Pistole, rief „Passen Sie auf, Herr Doktor!“ und schoss fünf Mal auf ihn. Mehr Schüsse hatte er nicht. Bettauer konnte noch aus dem Raum fliehen, brach aber sogleich blutüberströmt zusammen. Während er um sein Leben kämpfte, schloss sich Rothstock in Bettauers Büro ein und zerriss alles, was ihm in die Finger kam. Er verharrte dort, bis er von der Polizei abgeholt wurde. Hugo Bettauer wurde schwerverletzt, aber noch lebend in das AKH gebracht. Erst 16 Tage später erlag er seinen Verletzungen. Rothstock wurde wegen Mordes angeklagt, bei der Verhandlung gab er als Tatmotiv an, dass er seine Altersgenossen von sittenverderbenden Typen wie Bettauer schützen wollte. Ein prominenter Nationalsozialist übernahm kostenlos seine Verteidigung. Obwohl Rothstock einstimmig des Mordes und des illegalen Waffebesitzes für schuldig erklärt wurde, zweifelten die Geschworenen an seiner Zurechnungsfähigkeit und wurde freigesprochen. Er wurde in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und 1927 wieder als freier Mann entlassen. Bettauers Wochenschrift wurde eingestellt.
So hat die immer aggressiver werdende Rhetorik kompromissloser Politiker, die letztendlich ihren Beitrag zum Ende der ersten Republik leisten sollte, wieder einmal ein Todesopfer gefordert: einen Mann, der von vielen intelligenten und kritischen Zeitgenossen hoch geschätzt wurde, wie folgender Entwurf zu Bettauers Nachruf von Robert Musil bezeugen kann:

Wir betrauern in dem Dahingeschiedenen einen Mann von vorzüglichen Gaben des Herzens.(…) Impulsiv, empfänglich, hatte er die Gabe, das auszusprechen, was tausende fühlten…es leitete ihn die ehrliche Überzeugung, zu bessern. Und er fiel für die vornehmste Aufgabe seines Berufs: das auszusprechen, was man für richtig hält.

Quellen:
Hugo Bettauer. Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen (verfügbar auf Spiegel online)
Murray Hall: Hugo Bettauer. In: Elektrische Schatten. Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte. Wien: Filmarchiv Austria, 1999