Der Sport in den 1920er Jahren

Vielfach vollzog sich eine Entwicklung vom Amateur- zum Profisport. Die Sportler begannen sich zu organisieren, Sport-Promoter machten sich auf die Suche nach neuen Talenten. Sport wurde zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor.

Österreich
In den Zeitungen wurde immer sehr ausführlich über Fußballspiele berichtet und bald wurden die Spiele auch im neuen Medium Radio übertragen. Die RAVAG-Reporter berichteten darüber von Beginn an, 1923 nahm der erste Probesender den Betrieb auf und 1930 gab es bereits 400.000 zahlende Abonnenten. Sportreporter und Sportfotografen waren sehr populär. Pionier der Sportphotographie in Österreich war Lothar Rübelt.

Der Sport und somit auch die Sportler waren so beliebt, dass die Herrenmode sich Anleihen beim Sport nahm, vor allem bei der Golf- und Tennismode.
Durch die Schwimmvereine lernten immer mehr Menschen schwimmen. Auch Bodybuilding gab es, nur hieß dieser Sport damals „Stemmen“.
In den 20er Jahren wurde ein neues Sportgerät erfunden: das Rhönrad. Es bestand aus zwei Reifen, die durch sechs Sprossen miteinander verbunden waren: zwei Spreizsprossen, zwei Griffsprossen und zwei Brettsprossen.

In den 20er Jahren gab es in Österreich sehr schneereiche Winter, vor allem 1924, als auf dem Anninger eine Rodelbahn gebaut wurde, auf der bis 1933 Rennen gefahren wurden.
Schifahren war ein Sport, den man nicht im Verein betrieb. Oft war es möglich vom Haus weg mit den Schiern zu gehen, da die Straßen bei Schneefall nicht geräumt wurden wie heute. Ziele waren der Eichkogel, das Hagenauertal, der Liechtenstein, die Seewiese oder der Gießhübl. Als Schischuhe verwendete man festere Straßenschuhe, in die man hinten ein paar „Tscheanken“ gab, damit die Bindung nicht hinunterrutschte. Wenn auch Mädchen das Schifahren ausprobieren wollten, liehen sie sich die Schi von Freunden und Knickerbocker vom Bruder.

In den USA war Football der prominenteste Sport, Tennis- und Golfmeisterschaften erfreuten sich großer Beliebtheit. Ruderregatten wurden organisiert. Sportveranstaltungen zogen mehr Publikum an als alles andere.

Bademode
Durch die Schwimmvereine lernten immer mehr Menschen schwimmen. Stadtbäder wurden errichtet, Menschen in Badekleidung waren ein vertrautes Bild. Die Bademode erregte vielfach die Gemüter. Die umständlichen, dunklen Badekleider der Damen, ein Relikt aus der Kaiserzeit, wurden durch Badetrikots abgelöst. Der Schnitt wurde recht verwegen, die Damen zeigten wie die Herren ihre Knie. Zudem wurden die Badeanzüge heller und bunter. Ab 1928 kamen in den Vereinigten Staaten die ersten zweiteiligen Badeanzüge auf.

Erstmals traten sehr knappe Badehosen für Männer auf, sogenannte Dreiecksbadehosen, die vielfach als skandalös betrachtet wurden. Ältere und konservativere Herren bevorzugten Herrenbadeanzüge.
Freilich war die neue Bademode nicht überall zu sehen. Ältere Damen und die Vielen, die sich die neuen Modelle nicht leisten konnten, trugen als „Badeanzüge“ so genannte „Turnerhosen“. Das waren schwarze Hosen aus einem Stoff namens „Kloth“ und schwarze Klothschürzen, die mit einer Sicherheitsnadel am Rücken zusammengehalten wurden. Wenn sie im Wasser waren, sahen die Frauen aus, als hingen sie an schwarzen Ballons, weil sich diese Badekleidung so aufblähte. Es gab auch Badeanzüge aus Baumwolle mit einem Röckchen dran, die aber für Viele unerschwinglich waren.
Als Schwimmhilfen verwendete man Petroleumkanister, Schweinsblasen und selbst genähte Schwimmreifen mit einem Einsatz, der mit Schichtseife imprägniert war.

SIEGE – REKORDE – WETTKÄMPFE 1920–1929
1920

  • Der amerikanische Nationalheld George Herman („Babe“) Ruth (1895–1948) wechselt für die bis dahin höchste Ablösesumme im Baseball von 125.000 Dollar von den Boston Red Sox zu den New York Yankees
  • Offizielle Eröffnung der VII. Olympischen Spiele in Antwerpen, die bis zum 12. September dauern. Die Sportler kommen aus 29 Staaten, Vertreter der ehemaligen Mittelmächte sind nicht eingeladen
  • Österreich gewinnt im Fußball gegen Deutschland mit 3:2


1921

    • In Monte Carlo beginnen die ersten olympischen Spiele der Frauen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) schließt Frauen weiterhin von den Olympischen Spielen aus
    • In einem als „Boxkampf des Jahrhunderts“ bezeichneten Kampf verteidigt der Amerikaner Jack Dempsey seinen Weltmeistertitel im Schwergewicht gegen den Franzosen Georges Carpentier vor 120.000 Zuschauern durch einen K. O. in der vierten Runde.
    • In Les Mans wird nach Ende des Ersten Weltkriegs der erste Große Preis des französischen Automobilclubs ausgetragen


1922

    • Die Wienerin Herma Planck-Szabó wird in Stockholm Weltmeisterin im Eiskunstlauf
    • Johnny Weissmüller stellt in Alameda (Kalifornien) in genau 58,6 Sekunden einen neuen Weltrekord über 100 Meter Freistil-Schwimmen auf
    • In Brooksland (USA) findet ein Autorennen statt, das Gegenstand der ersten Sport-Rundfunkreportage wird.
    • In Paris finden die ersten Frauen-Weltspiele der Leichtathletik statt
    • Der finnische Sportler Paavo Nurmi läuft mit 14:35,4 Minuten einen neuen Weltrekord über 5.000 Meter


1923

    • Fritz Kachler (Österreich) wird in Wien zum dritten Mal Weltmeister im Eiskunstlauf, Herma Planck-Szabó zum zweiten Mal
    • Das Wembley-Stadion in London wird mit dem Cupfinale zwischen West Ham United und den Bolton Wanderers eröffnet.
    • In Le Mans findet das erste 24-Stunden-Rennen statt


1924

    • In Chamonix (Frankreich) fand die Internationale Woche des Sports statt, die vom IOC nachträglich (im Jahr 1926) zu den ersten Olympischen Winterspielen erklärt wurde. Österreich gewinnt 2 Goldmedaillen: Eiskunstlauf der Damen (Herma Planck-Szabó) und Eiskunstlauf der Paare (Helene Engelmann und Alfred Berger) sowie eine Silbermedaille: Eiskunstlauf der Herren (Willy Böckl)
    • Herma Planck-Szabó (Österreich) wird in Oslo zum dritten Mal Weltmeisterin im Eiskunstlauf
    • Helene Engelmann und Alfred Berger (Österreich) werden in Manchester Weltmeister im Eiskunstlauf der Paare
    • In dem Wintersportort Chamonix in Frankreich wurde der Internationale Skiverband gegründet
    • In Paris begannen die VIII. Olympischen Spiele der Neuzeit. Österreich: 3 silber-, 1 Bronzemedaille, alle in Schwerathletik. Federgewicht: 2. Andreas Stadler; Leichtgewicht: 2. Anton Zwerzina; Schwergewicht: 2. Franz Aigner; Halbschwergewicht: 3. Leopold Friedrich
    • Einen friedlichen, einen sportlichen Zweck hatte die sogenannte Hitzeschlacht von Colombes. Dieses Querfeldeinrennen fand innerhalb der VIII. Olympischen Spiele in Paris statt. Nur 15 von 38 Teilnehmern schafften bei 45 Grad Celsius den Zieleinlauf. Der Finne Paavo Nurmi gewann die Goldmedaille.


1925

    • Herma Planck-Szabó (Österreich) wird in Davos zum vierten Mal Weltmeisterin im Eiskunstlauf. Planck-Szábo und Ludwig Wrede (Österreich) werden Weltmeister im Eiskunstlauf der Paare
    • Der amerikanische Sportler Johnny Weissmuller schwimmt mit 2:15,2 Minuten einen neuen Weltrekord über 200 m Freistil
    • Die Mannschaft der USA gewann zum sechsten Mal hintereinander den Tennis-Davis-Cup
    • Den Weltrekord über 400 m Freistil wird von dem schwedischen Schwimmer Arne Borg in Stockholm auf 4:50 min verbessert
    • Gene Tunney gewinnt die Boxweltmeisterschaft in Philadelphia


1926

    • Herma Planck-Szabó (Österreich) wird in Stockholm zum fünften Mal Weltmeisterin im Eiskunstlauf


1927

    • Willy Böckl (Österreich) wird in Davos Weltmeister im Eiskunstlauf
    • Herma Planck-Szábo und Ludwig Wrede (Österreich) werden Weltmeister im Eiskunstlauf der Paare
    • Der Deutsche Max Schmeling wird Europameister im Halbschwergewicht
    • Der amerikanische Sportler Johnny Weissmuller schwimmt mit 10:22,2 min. einen Weltrekord über 800 m Freistil.


1928

    • Tischtennisweltmeister im Herrendoppel werden die Österreicher Liebster und Thum, im Damendoppel Flamm und die Amerikanerin Mednyanszky
    • Die II. Olympischen Winterspiele finden in St. Moritz (Schweiz) statt. Österreich gewinnt 3 Silbermededaillen: Willy Böckl (Eiskunstlauf), Fritzi Burger (Eiskunstlauf), Lilly Scholz und Otto Kaiser (Eiskunstlauf-Paarlauf) und eine Bronzemedaille (Melitta Brunner und Ludwig Wrede im Eiskunst-Paarlauf)
    • Willy Böckl (Österreich) wird in Berlin Weltmeister im Eiskunstlauf
    • Erstes Arlberg-Kandahar-Rennen in St. Anton am Arlberg
    • Auf der Opel-Rennstrecke in Rüsselsheim wird der erste Rennwagen mit Raketenantrieb getestet. Das Auto beschleunigt in acht Sekunden auf 100 km/h
    • In Amsterdam werden die IX. Olympischen Sommerspiele eröffnet. Unter den knapp 3.000 Teilnehmern sind 288 Frauen, die erstmals auch in der Leichtathletik antreten. Der finnische Langstreckenläufer Paavo Nurmi stellt in drei Läufen in Berlin neue Weltrekorde auf: über 15 km, über 10 Meilen und im Einstundenlauf.
    • Österreich gewinnt 1 Goldmedaille in Schwerathletik (Franz Andrysek, Federgewicht), 1 Silbermedaille (Hans Haas, Leichtgewicht) und eine Bronzemedaille (Leo Losert und Viktor Flesch, Rudern: Doppelzweier)
    • Richard Halliburton durchschwimmt als erster Mensch den Panamakanal in seiner gesamten Länge

    • 1929

        • Lilly Scholz und Otto Kaiser (Österreich) werden in Budapest Weltmeister im Eiskunstlauf der Paare

      Quellen:
      Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006
      Kleindel: Österreich. Daten. Zahlen. Fakten. Salzburg: Andreas& Müller, 2007
      Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
      LEMO – Lebendiges Museum Online
      Was War Wann. Geschichte von oooo bis gestern

Fünf Frauen

Josephine Baker (1906–1975), Tänzerin
Josephine Baker war eine US-amerikanische Varieté-Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin. Als Chorus-Girl in New York von einem deutschen Talentsucher entdeckt, wurde sie von ihm nach Paris und Berlin vermittelt, wo ihre Weltkarriere begann. 1925 hatte sie im Pariser Théâtre des Champs-Elysées  mit La Revue Nègre Premiere. So eroberte sie im Sturm das Pariser Publikum, dem zum ersten Mal der Charleston präsentiert wurde. Auftritte in Brüssel und Berlin folgten. 1926 und 1927 war sie bereits der Star des Varieté Folies Bergère in Paris. 1926 trat sie zum ersten Mal in Berlin auf.

„Ihr Popo, mit Respekt zu vermelden, ist ein schokoladener Grieß-Flammerie an Beweglichkeit“, schrieb 1926 die Kulturzeitschrift „Der Querschnitt“.

Josephine Baker konnte ihren Po so meisterhaft in Bewegung setzen, dass den Zusehern der Atem stockte. Über Nacht wurde sie zum ersten schwarzen Superstar. Auf der Bühne meist nur mit einem Mullschurz oder Federn bedeckt, galt sie als die nackte Wilde und bediente die Sucht der Zuseher nach Ekstase. Sie wurde zum größten Sexsymbol der Zeit und lebte ihre eigene Sexualität ungezügelt aus, mit Männern und Frauen.

„Dieser Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit“, urteilte der französische Schriftsteller Pierre de Régnier.
Und der deutschnationale Journalist Adolf Stein mokierte sich über „dieses ganze Höllengelichter aus dem Urwald“: „Die Füße trillern wie verrückt. Der Bauch zuckt im Vierundsechzigsteltempo und schnappt nach den Hüften. Der federgeschmückte Steiß hat sich selbständig gemacht und rotiert rasend wie Feuerwerk“.

Rasenden Applaus erntete die Tänzerin besonders nach dem Pas de deux mit ihrem Tanzpartner Joe Alex dem „wilden Tanz“ (Danse Sauvage), in dem sie zu Trommelklängen einen hocherotischen Tanz vorführten. Auffällig oft wurde Josephine Baker von Journalisten mit Tieren verglichen, ob Schlange, Giraffe, Känguru, Ente oder Kolibri, immer wurde sie mit dem Animalischen und Exotischen assoziiert. Sie schien an die Sehnsüchte der europäischen Männer nach Sex und Zügellosigkeit, nach Urwald und wilder Sinnlichkeit zu appellieren.
Während Josephine Baker in den USA unter Rassenvorurteilen zu leiden hatte, wurde sie in Frankreich zur erfolgreichsten US-amerikanischen Unterhalterin. Josephine Baker machte moderne Jazztänze populär. Ihr Bananenröckchen bestehend aus 16 goldenen Bananen aus Plüsch, das sie in Revuen von Luis Kenarchand trug, wurde weltberühmt. Josephine Baker erhielt wegen ihrer aufsehenerregenden Kostüme Auftrittsverbote in Wien, Prag, Budapest und München. Umso interessanter und populärer wurde sie.
Ihre große Europatournee Ende der 20er Jahre wurde leider von überwiegend rassistischen Protesten überschattet. Zur „Buße für schwere Vorstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker“ wurden in der Wiener Paulanerkirche drei Tage lang Sondergottesdienste abgehalten. Durch Demonstrationen in Wien, Stinkbomben in Budapest und Knallkörper in Zagreb äußerten aufgebrachte Moralapostel ihren Unmut.

Maria Lazar (1895–1948), Pseudonym Esther Grenen, Schriftstellerin, Übersetzerin, Journalistin
„Ruth wußte nicht, daß Mutters Leben nur Enttäuschung war, die nie eingestanden werden durfte. Und daß Mutter so grenzenlos arm war, weil sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen.“ (Die Vergiftung)

Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Nägel durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und nimmer herunterfallen. So hing er in allen Kirchen, und die Menschen beteten um schönes Wetter und Glück bei ihren Geschäften. Ach, wie arm war er. Für alle hatte er sterben müssen, und keiner liebte ihn.“  (Die Vergiftung)

Maria Lazar stammte aus einer jüdischen, zum Katholizismus konvertierten großbürgerlichen Familie. Ihr literarisches Werk ist geprägt von ihrer kritischen Haltung gegenüber der bürgerlichen Lebenswelt. Ihre prominenteste Charaktereigenschaft war ein unbezähmbarer Drang nach absoluter persönlicher Freiheit. Verlogenheit und konventionelle Lüge waren ihr zutiefst zuwider.
Maria Lazar besuchte ein modernes Wiener Mädchengymnasium, die vergleichsweise fortschrittliche Schule der Genia Schwarzwald, die die Schülerinnen z.B. mit dem Werk Arnold Schönbergs und den Grundlagen der Psychoanalyse vertraut machte. An dieser Schule unterrichteten u. a. Oskar Kokoschka und Alfred Loos. Im Salon der Schwarzwalds traf sie Schriftsteller wie Elias Canetti, Egon Friedell und Robert Musil.
Als sie 16 Jahre alt war, fertigte Oskar Kokoschka ein Portrait von Maria Lazar an, das berühmte Bild Dame mit Papagei. Ganz gegen die Modelyrik der Zeit, die hauptsächlich aus patriotischem Schwulst und blutrünstigen Kriegsgedichten bestand, verfasste sie Antikriegsgedichte und formschöne und schnörkellose Verse.
Mit 20 schrieb sie ihren ersten Roman, der Anfang 1920 bei einem Verlag erschien, der sich besonders um junge österreichische Autoren expressionistischer Literatur bemühte. Ihr Roman „Die Vergiftung“ ist zweifellos von einer expressionistischen Sprache geprägt.
Maria Lazar arbeitete in den 20er Jahren als Schriftstellerin und Journalistin in Wien. Heute ist sie weitgehend vergessen und hat nie den Platz in der Literaturgeschichte erhalten, der ihr für die Qualität ihrer Arbeiten zustehen würde. An der Kritik ihrer zeitgenössischen Schriftsteller kann man ablesen, wie stark die Voreingenommenheit gegenüber weiblichen Autoren war.
Maria Lazar übertrug als erste F. Scott Fitzgeralds 1925 erschienen weltberühmten Roman „The Great Gatsby“ ins Deutsche. Ihre Übersetzung wurde 1928 in Berlin herausgegeben.

Johanna Margarete Feigl-Zellner (1900–1994), Bildende Künstlerin, Karikaturistin
Johanna Margarete Feigl- Zellner war eine der ersten Studentinnen, die an der Wiener Akademie der bildenden Künste studieren durfte, Frauen stand die Akademie nämlich erst ab 1920 für das Studium offen. Sie war Mitarbeiterin der Satirezeitschrift „Die Muskete“, die es bereits in der Monarchie, seit 1905, gab. Die Muskete erschien wöchentlich bis 1927, Margarete Feigl-Zellner fertigte treffsichere und ironische Zeichnungen an, die frei von jeder gefälligen Manier vor allem die bürgerlich-volkstümlichen Typen der Nachkriegszeit karikierten. Vorerst in Offizierskreisen geschätzt, wurde sie in der 20er Jahren von einem wesentlich breiteren Publikum gelesen.

Luise Fleck (geb. Veltée, 1873–1950), Regisseurin, Produzentin
Luise Fleck war Tochter des Feuerwerkers und Gründers des Wiener Stadtpanoptikum Louis Veltée und der aus Lyon stammenden Adeligen Nina Veltée. Bereits im Kindesalter wurde Luise in den väterlichen Betrieb eingebunden und arbeitete an der Kasse des Stadtpanoptikums.
Luise Fleck heiratete den Wiener Fotografen Anton Kolm. Gemeinsam mit ihm sowie dem Kameramann und Regisseur Jakob Fleck gründete sie 1910 die Erste österreichische Kinofilm-Industrie, wobei das nur durch die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern möglich war. Zunächst fertigt die Filmgesellschaft kurze Dokumentationen aus Wien und verschiedenen Teilen der Monarchie an. Die große Schwierigkeit dabei bestand darin, dass sie sich gegen die französische Konkurrenz durchsetzen musste, die vor und während des Ersten Weltkriegs den österreichischen Markt beherrschte. Während der Kriegsjahre führte Luise Kolm Regie in pro-Habsburgischen Propagandafilmen. Mit Herz und Hand fürs Vaterland (1915) und Mit Gott für Kaiser und Reich (1916) und Der Doppelselbstmord (1918).

Luise Fleck war die erste österreichische Regisseurin. Während sich Anton Kolm um die finanziellen Belange der Firma kümmerte, war Luise für die kreative und handwerkliche Arbeit zuständig. Sie klebte Filme, fertigte Zwischentitel an, führte Regie und war Produktionsleiterin. Luise Fleck arbeitete intuitiv und hatte ein gutes Gespür für den Publikumsgeschmack der Zeit. Sie war auch für die Inhalte zuständig. Sozialkritische Dramen und die Thematisierung von Klassenkonflikten unterschied ihre Filme von den Standardproduktionen ihrer Zeit. Das bevorzugte Genre der Flecks waren Musikfilme und Filme mit Wien-Bezug.
1919 gründete Luise Kolm mit Anton Kolm die Vita Film, die sich allerdings nur fünf Jahre halten konnte.
In den Jahren 1919 entstanden Literaturverfilmungen: Die Ahnfrau und Lumpazivagabundus
Als Anton Kolm 1922 an Krebs verstarb, heiratete Luise ihren langjährigen Partner und Co-Regisseur Jakob Fleck. Zu diesem Zeitpunkt hatte Luise Kolm als Regisseurin oder Co-Regisseurin schon über 45 Filme gedreht. Jakob und Luise Fleck waren in den 20er Jahren als „Regieehepaar“ bekannt. 1926 zogen sie nach Berlin und arbeiteten für verschiedene Produktionsgesellschaften, auch für die Ufa. Sie drehten in Berlin 30–40 Filme. Bis 1933 lebten die Flecks mit ihrem Sohn Walter in Berlin.

Filmografie der 20 Jahre:
1919/20: Lasset die Kleinen zu mir kommen (Produktion), Durch Wahrheit zu Narren (Regie, Produktion), Der tanzende Tod (Regie, Produktion), Freut euch des Lebens (Regie, Produktion)
1920: Großstadtgift (Regie), Der Fluch der Vererbung (Produktion), Verschneit (Regie, Produktion), Doktor Ruhland (Produktion), Wildfeuer (Produktion), Der Leiermann (Regie, Produktion), Winterstürme (Produktion), Eva, die Sünde (Regie, Drehbuch, Produktion)
1921: Revanche (Regie)
1921/22: Olga Frohgemut (Regie, Produktion)
1923: Frühlingserwachen (Regie)
1924: Die Tochter der Frau Lasarc (Regie)
1926: Der Meineidbauer (Regie)
1926: Der Pfarrer von Kirchfeld (Regie)
1926/27: Liebelei (Regie)
1927: Der Bettelstudent (Regie), Ein Mädel aus dem Volke (Regie), Das Fürstenkind (Regie), Der Orlow (Regie), Der fröhliche Weinberg (Regie)
1927/28: Die Geliebte seiner Hoheit (Regie)
1928: Der Zarewitsch (Regie), Die kleine Sklavin (Regie), Die lustigen Vagabunden (Regie), Die Yacht der sieben Sünden (Regie), Die schönste Frau von Paris (Regie)
1929: Das Recht auf Liebe (Regie), Der Leutnant ihrer Majestät (Regie), Mädchen am Kreuz (Regie)
1929/30: Der Fleck auf der Ehr´(Regie), Die Warschauer Zitadelle (Regie)

Lise Meitner (1878–1968), Kernphysikerin
Die gebürtige Wienerin war eine bedeutende österreichischen Kernphysikerin. Sie studierte Physik, Mathematik und Philosophie auf der Universität Wien, ihr wichtigster Lehrer war Ludwig Boltzmann. Schon früh beschäftigte sie sich mit Fragen der Radioaktivität. Eine Bewerbung bei Marie Curie in Paris blieb erfolglos. Nach ihrer Promotion arbeitete sie am Institut für Theoretische Physik in Wien, um dann zur weiteren Ausbildung nach Berlin zu gehen. Dort traf sie den Chemiker Otto Hahn. Mit ihm sollte sie die nächsten 30 Jahre zusammenarbeiten. Zunächst musste sie ihren Arbeitsplatz auf der Friedrich-Wilhelms-Universität durch den Hintereingang betreten, weil Frauen erst ab 1909 auf preußischen Universitäten studieren durften. Die Vorlesungs- und Experimentierräume waren für sie bis zu diesem Jahr tabu.
Nachdem Otto Hahn im selben Jahr den radioaktiven Rückstoß entdeckt hatte, fand er in der Folge gemeinsam mit Lise Meitner verschiedene radioaktive Nuklide. Von da an war Lise Meitner keine Unbekannte mehr und lernte auch Albert Einstein und Marie Curie kennen. In der 1910er Jahren war sie (inoffizielle) Assistentin bei Max Planck. 1922 habilitierte Lise Meitner und arbeitete als Dozentin. 1926 wurde sie außerordentliche Professorin für experimentelle Kernphysik an der Berliner Universität und war somit die erste weibliche Professorin für Physik.
Lise Meitner definierte die Eigenschaften der Gamma- und Beta-Strahlen, prägte den Ausdruck „Kernspaltung“ und führte ihn in die Atomphysik ein. Gemeinsam mit Otto Hahn, Gustav Hertz, James Frank, Fritz Haber und Albert Einstein gehört sie der internationalen Spitzenliga der PhysikerInnen und ChemikerInnen an. Das in den 20er Jahren noch weitgehend unerforschte Gebiet der Atomphysik hatte die höchste Anziehungskraft auf die WissenschafterInnen der Zeit.

Quellen:
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Die goldenen Zwanziger. Schein und Sein – Erläuterungen eines Zeitalters
Wikipedia, Varieté
Katja Iken, Josephine Baker in Berlin, Spiegel online vom 13.01.2016
Filmportal, Luise Fleck, zitiert aus Gabriele Hansch/Gerlinde Waz: Filmpionierinnen in Deutschland. Ein Beitrag zur Filmgeschichte. Berlin 1998 (unveröff.)

Mode

Schuhmode
Auch die Schuhmode brachte viel Neues mit sich. Dadurch, dass die Kleider kürzer wurden, fielen die Schuhe auf besondere Weise auf. Hohe Absätze und Riemchen zierten Schuhe aus Materialien wie Schlangen- oder Krokodilleder sowie Samt und Satin. Straß, Perlen sowie Gold- und Siberapplikationen rückten die neuen Modell in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Zu Abendkleidern, die übrigens wiederum durchaus feminin waren, trugen die Damen gerne Sandalen mit hohen Absätzen. Auch Pumps mit T-förmigen Riemchen, Spangenpumps oder Pumps mit Knöchelriemen hatten hohe Absätze. Zehenfreie Sandalen kamen auf und rot- und orangefarbene Nägel machten die Zehen zu einem besonderen Blickfang.
Außerdem erfreuten sich funktionale und bequeme Schuhe wie Schnürschuhe mit soliden Absätzen und Oxford- Halbschuhe mit mittelhohen großer Beliebtheit. Ab Mitte der 20er waren Pumps mit hohem Schaft und Stiefeletten zum Knöpfen oder Schnüren in Mode.

Das Makeup
In den frühen 20er Jahren verwendeten die Damen zur Mattierung des Gesichts meist creme- oder elfenbeinfarbene Gesichtspuder. Ab der Mitte der 20er griff man auf Töne zurück, die eher dem Naturfarbton entsprachen oder nur eine Spur heller waren. Das Wagenrouge war zunächst rosé oder himbeerfarben, später aber auch orange.
Die Lippen schminkte man dunkelrot, rotbraun, pflaume und orange, gegen Ende der 20er auch rosé, himbeerfarben und mittelrot. Dabei wurden die Lippen folgendermaßen übermalt:  in der Breite etwas verschmälert, dafür aber überhöht, sozusagen wie ein Kussmund geformt.
Beim Augenmakeup dominierten dunkle Farbtöne. Das ganze Auge wurde mit einem schwarzen Stift umrandet und die Ränder leicht verwischt. Der Lidschatten war dunkelgrau, türkis oder grün. Die Wimpern wurden schwarz getuscht. Die Augenbraunen waren dünn und nach unten gezogen, man verwendete dafür einen dunklen Augenstift.
Die Fingernägel wurden nur in der Mitte lackiert, der Halbmond und die Nagelspitzen blieben unlackiert.

Kindermode
Die Kleider der Mädchen wurden ebenfalls kürzer. Sie waren knielang gefertigt und aus zartem Stoff. Die Farbe Weiß war überall zu sehen, ebenso wurden auch Stoffe mit Blumen verarbeitet. Mädchen zogen statt der schwarzen Strümpfe nun weiße Socken oder Strümpfe an. Die Buben trugen lange Hosen, deren Stoff ebenfalls nicht mehr so schwer und dunkel war wie in den Anfängen des Jahrhunderts. Aus den Matrosen ähnlichen Jacken wurden schicke Blazer und Jacketts in meist hellen, freundlichen Farben.

Strickmode
In den 20er Jahren wurde das Stricken neu entdeckt. Man trug gerne Pullover mit V-Ausschnitt oder Rollkragen, einfarbig oder gemustert. Gestrickte Kleidung hat einerseits den Vorteil, dass sie nicht gebügelt werden muss, anderseits kann man die Kleidungsstücke, wenn sie nicht mehr passen oder fehlerhaft sind, auftrennen und die Wolle neu verwenden.
Wer sich oder seinen Kindern keinen teuren Mantel kaufen konnte, strickte der Tochter eine Weste oder einen Pullover und dem Sohn eine Jacke. Notfalls konnte man auch mehrere Strickjacken oder Pullover übereinander tragen.

Bademode
Die Bademode der 20er Jahre erregte vielfach die Gemüter. Zunächst löste das moderne Badetrikot die umständlichen, dunklen Badekleider der Monarchie ab. Der Schnitt wurde recht verwegen, die Damen zeigten wie die Herren ihre Knie. Zudem wurden die Badeanzüge heller und bunter. Ab 1928 kamen in den Vereinigten Staaten die ersten zweiteiligen Badeanzüge auf.
Erstmals traten sehr knappe Badehosen für Männer auf, sogenannte Dreiecksbadehosen, die vielfach als skandalös betrachtet wurden. Ältere und konservativere Herren bevorzugten Herrenbadeanzüge.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is´ heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006
Mode der 20er Jahre. Mode, Styles und Trends: Die Mode der 1920er Jahre
Wikipedia: Goldene Zwanziger
Was War Wann. Geschichte von 0000 bis gestern: Die Mode der 20er Jahre Kleidchen – Hängekleidchen passend zum Charleston
Wikipedia: Badebekleidung
Makeup Museum
Glamour Daze: The History of 1920s Makeup

Die Welt des Kindes

Die Bekleidung der Arbeiterkinder
Kinder von Arbeitern oder Arbeitslosen waren sehr einfach gekleidet, Kindermode war nur für besser Verdienende erschwinglich. Die Babies wurden in Wickeltücher eingehüllt, leider war es auch durchaus üblich, sie recht eng zu „wickeln“, so, dass sie kaum Bewegungsfreiheit hatten. Kleinkinder trugen eine Art Kittel, den die Mütter meist aus ihren alten Röcken selbst nähten. Diese Kittel wurden sowohl von Mädchen als auch von Buben getragen und an die jüngeren Geschwister weitergegeben. Je älter der Kittel wurde, desto mehr Flicken bekam er. Buben erhielten ihre erste kurze Hose oft erst, wenn sie in die Schule kamen.
Unter den Kitteln und Röcken trugen Kleinkinder, zumindest im Sommer, meist keine Unterwäsche. So sparte man sich einerseits das Waschen, andererseits gewöhnten sich die Kinder so schneller daran, die Toilette, den so genannten „Abort“ zu benutzen.
Sonntags oder zu besonderen Anlässen, wie z.B. bei einem Termin beim Fotografen, zogen Mädchen ihr Sonntagskleid an, während Buben den „zeitlosen“ Matrosenanzug trugen.

Unterhosen trugen die Kinder der Arbeiter, aber auch Bauernkinder erst, wenn sie in die Schule kamen. Diese Unterwäsche wurde aus einem groben Stoff namens „Kloth“ genäht. Praktisch waren so genannte „Schnellfeuerhosen“, das waren Kinderhosen mit herunterklappbarem Hinterteil.
Sowohl Mädchen als auch Buben trugen Strümpfe. Das war auch notwendig, denn Kinder hatten keine langen Hosen. Für Mädchen wäre es ohnehin sehr unschicklich gewesen, überhaupt Hosen zu tragen, sie trugen Röcke oder Kleider. Darüber zogen sie noch eine Schürze, um die Kleidung zu schützen. Außerdem man sollte ihnen ansehen, dass sie auch schon „fleißige Hausfrauen“ waren oder werden sollten.  Die Buben trugen kurze Hosen, erst wenn sie älter wurden oder für besondere Anlässe bekamen sie ihre erste lange Hose oder Knickerbocker geschenkt.

Weil Stoffe und Kleidung teuer waren, erhielten viele Kinder ihre Kleidung meist zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt. Wenn man sich gar keine Kleidung leisten konnte, wurde den Kindern entweder von der Gemeinde oder von gemeinnützigen Vereinen Kleider, Schürzen und Hosen zugeteilt. Aber auch den verschiedenen politischen Parteien war es ein besonderes Anliegen, die Ärmsten der Armen mit Kleidung zu versorgen, nicht zuletzt, weil Wohltätigkeit Wählerstimmen bringen konnte.
Sobald die Kinder in die Pubertät kamen, bekamen sie neue Kleidung: Mädchen erhielten ein neues Kleid und Burschen die erste lange Hose oder den ersten Anzug, wenn sie z.B. 15 Jahre alt wurden oder anlässlich ihrer Firmung bzw. Konfirmation.

Schuhe waren die teuersten Kleidungsstücke und wurden, um sie zu schonen, von armen Kindern nur im Winter getragen. In der Volksschule stellte das meist kein Problem dar, aber, wenn die Kinder in die Bürgerschule kamen, mussten sie dort Schuhe tragen. Dennoch zogen die Kinder die Schuhe zumindest auf dem Heimweg aus, um Sohlen zu sparen.
Wenn man geschickt war und Leder bzw. Leinen zur Verfügung hatte, konnte man seinen Kindern die Schuhe selbst anfertigen.

Schule
Vor allem Kinder, die auf dem Land lebten, hatten oft einen Schulweg, der länger als eine halbe Stunde dauerte und selbstverständlich zu Fuß zu bewältigen war. Die Straße war nicht überall gepflastert. Die Kinder mussten im Sommer oft im Staub oder bei Regen im Schlamm gehen und das nicht selten ohne Schuhe. Denn viele Kinder kamen aus armen Familien. Im Winter konnten manche sogar wochenlang nicht in die Schule gehen, weil sie keine Schuhe oder warme Kleidung hatten.
So wurden Schuhe oftmals nur bis April getragen, um sie vor Abnutzung zu schonen. Sogar wenn die Pfützen noch zugefroren waren, gingen Kinder schon barfuß in die Schule. Der Boden in der Schule war meist mit Öl eingelassen. So mussten sich die Kinder abends die schmutzigen und öligen Füße mit kaltem Brunnenwasser und Schmierseife sauber schrubben.
Manchmal blieb die Schule geschlossen, weil es nicht genug Kohle zum Heizen gab. Es wurden dann statt der Zentralheizung einige Öfen aufgestellt und nur wenige Klassen beheizt. Im Winter 1929 war es besonders kalt und die Schule musste, zur Freude der Kinder, für drei Wochen geschlossen werden.

Schulreformen
Der sozialdemokratische Politiker und Pädagoge Otto Glöckel hatte bereits 1917 ein Schul- und Erziehungsreformprogramm entwickelt. Er forderte die Freiheit der Schule, die Trennung von Kirche und Schule, die Einheitsschule, die Förderung aller Begabungen, die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lernmittel. Außerdem erstrebte er eine zeitgemäße Gestaltung der Methodik im Sinne einer kindgemäßen Lebens- und Arbeitsschule und die Überwindung der Bürokratie im Schulwesen. Auch die vorgeschriebene Teilnahme am Religionsunterricht wurde abgeschafft. In den 20er Jahren konnte er immer mehr Reformen durchsetzen, besonders in Wien, wo Glöckel jahrelang Stadtschulratspräsident war. Unter seiner Organisation wurde das gesamte Wiener Pflicht-, Mittel- und Fortbildungsschulwesens neugestaltet.
Bundesweit sah das Reichsvolksschulgesetz nach der Volksschule den Besuch der dreijährigen Bürgerschule vor. 1927 wurde das Haupt- und Mittelschulgesetz erlassen, das die Bürgerschule durch die vierjährige Hauptschule ersetzte. Neben den öffentlichen Schulen gab es Schulen, in denen man Schulgeld bezahlen musste.

Kinderspiele
Schon um 1900 gab es vereinzelt wohltätige Organisationen und Arbeitgeber, die Spielplätze finanzierten, um Krankheit und „antisoziales“ Verhalten in der Arbeiterklasse zu bekämpfen. Doch erst die Sozialpolitik des „Roten Wien“ setzte neue Maßstäbe, die den Schwerpunkt auf die Kinder- und Jugendfürsorge legten. Ab 1919 entstanden Kindergärten, Horte und Kinderspielplätze – oft in den Gemeindebauten, die flächendeckend in allen Wiener Bezirken errichtet wurden.
Da viele Menschen in sehr beengten Verhältnissen in kleinen Wohnungen lebten, spielte sich das Leben ihrer Kinder meist auf der Straße ab. Zwar hatte man auch Gärten, aber das waren für gewöhnlich Nutzgärten, die nicht immer genug Platz zum Spielen ließen. Doch immerhin konnte man in so manchem Garten auf Bäume klettern oder in den Büschen „Versteckerl“ spielen.
In kleineren Gemeinden, Kleinstädten und auf dem Land gab es keine Kinderspielplätze. Die meisten Kinder spielten auf der Straße. Dort entzogen sie sich den kontrollierenden Blicken der Eltern und konnten sich frei fühlen. Und sie liefen nicht Gefahr, für irgendwelche Hausarbeiten eingespannt zu werden. Auf der Straße war es für die Kinder in Mödling in den 20er Jahren noch lange nicht so gefährlich wie heute. Automobile gab es noch sehr wenige,. Der Verkehr beschränkte sich meist auf Lieferfahrzeuge wie den Würstelwagen, den Ankerwagen oder den Bierkutscher. Auch der „Mülliwagen“ war nicht so häufig unterwegs wie die Müllabfuhr heute. Das Wichtigste aber war, dass sie sich die Kinder mit anderen Kindern treffen konnten.

Die gemeinsamen Spiele der Kinder waren je nach Geschlecht, Alter oder Wohngegend, verschieden. Spielsachen konnten sich viele nicht leisten, und so gab es eine große Auswahl an Spielen, für die man keine brauchte, z. B.  „Vater, Vater, leih ma d´Scher“, „Nachrennerl“ (=„Fangerl“), „Versteckerl“, „Tempelhupfen“, „Stoff verkaufen“ oder „Vögel verkaufen“.
Mit Reifen von alten Fahrrädern oder Kinderwägen spielte man „Reifentreiben“. Alte Kinderwägen konnte man zu „Rennwägen“, so genannten „Gicks“ umbauen. Zwei Kinder waren die Pferde und eines war der „Jockey“ und schon fand ein Wettrennen statt! Geschickte Väter bastelten ihren Kindern Tretautos aus Gerümpel und Abfallprodukten.

Einen Fußball hatten die Buben immer zu Verfügung, wenn auch als „Fetzenlaberl“. Aus Stoff- oder Lederresten konnte man sich so schon einen ganz passablen Fußball basteln. Große Bereiche der Städte waren noch nicht verbaut, so gab es statt vieler Häuser große Felder und Wiesen, wo die Kinder Völkerball oder Fußball spielen konnten.
Viele Straßen waren nicht an das Kanalnetz angeschlossen und wenn es regnete, lief das Wasser beiderseits der Straße durch die Straßengräben. Dort konnte man ganz wunderbar  mit dem Waschtrog „Schifferl fahren“.
„Aunipecken“ hieß es, wenn man mit Kugeln spielte. Auch „Kugel scheiben“ sagte man dazu. Meist spielten Buben dieses Spiel, aber auch Mädchen konnten sich beteiligen. Die Kugeln (Murmeln) gab es in verschiedenen Qualitäten und so hatten sie unterschiedlichen Tauschwert. „Lahmbatzn“ hießen die Kugeln aus Ton. Eine metallene Kugel z.B  „kostete“ 50 Tonkugeln,  eine Glaskugel konnte man gegen 25 Tonkugeln tauschen. Die Kugeln wurden in einem alten Strumpf aufbewahrt. Die Spielregeln wurden von den älteren Kindern an die jüngeren weitergegeben.

Zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekamen die Kinder einfache Spielsachen geschenkt wie z.B. Wolferl, Diabolo, Jojo oder Bälle. Das „Wolferl“ oder „Stoßbudl“ war eine Art kleiner Flipper aus Holz.
Kinder des so genannten „Mittelstandes“, deren Väter z. B. Beamte oder Lehrer waren, hatten teurere Spielsachen wie Schaukelpferde, Tretautos oder sogar echte Eislaufschuhe oder eine Rodel. Wer sich keine Eislaufschuhe leisten konnte, verwendete so genannte „Schraubendampfer“. Eislaufen konnte man auf den zugefrorenen Teichen oder Sumpfwiesen.
Aber selbst Kinder, die keine Schuhe hatten, spielten im Schnee, indem sie sich die Füße mit Gamaschen umwickelten. Zu Hause wurden die Füße dann in eiskaltes Wasser gesteckt.
Gerne spielten die Kinder, v. a. die Buben, auch „Räuber und Gendarm“. Oder sie kletterten auf Felsen herum, wie dem Teufelsfelsen am Schwarzen Turm. Das war natürlich nicht ungefährlich, aber da die Kinder gewohnt waren, sich von klein auf im Freien zu bewegen, waren sie schon geübt, sehr geschickt und hatten auch weniger Angst.

Generell wurden Mädchen dazu angehalten, lieber mit den Puppen zu spielen und nicht so wild zu sein und auf Bäume oder Felsen zu klettern wie die Buben.
Für Mädchen gab es Puppen, manche sogar aus echtem Porzellan, andere aus Fetzen, aber auch Puppenwagen und Puppenhäuser.
Kartenspiele wie Quartett und schwarzer Peter sowie Brettspiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ spielten Mädchen und Buben gerne.
Für Kinder, die gerne lasen, gab es eine große Auswahl an Kinderbüchern und Kinderzeitschriften.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien,  2006
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Wien Geschichte Wiki: Spielplätze

Zu hause

Wohnen
Die Mietzinse für die neu umgebauten Arbeiterwohnungen in Mödling betrugen 1925 monatlich 74.000 Kronen (Obergeschoß) und 84.000 Kronen (Erdgeschoß). 1927 waren es monatlich 8 Schilling (Obergeschoß) und 9,50 Schilling (Erdgeschoß).
Für ein Zimmer in Wien musste man 1927 zwischen 40 Schilling (halbdunkles Zimmer mit Fenster zum Gang) und 70 Schilling im Monat bezahlen.

DER HAUSHALT
Waschtag
Für Menschen, die es gewohnt sind, die Wäsche ihren Waschmaschinen anzuvertrauen, ist es kaum vorstellbar wie mühevoll und langwierig das Wäschewaschen früher war. Es war Schwerarbeit für Frauen, denn sie waren für die Wäsche zuständig.
Zunächst wurde am Tag vor dem Waschtag die Wäsche eingeweicht. Dazu musste man zunächst Wasser aus einem Brunnen holen und in einen großen Bottich füllen. Dann Soda bzw. Henko (ein Einweich- und Enthärtungsmittel) dazugeben und einweichen lassen.
Am Waschtag musste man wieder Wasser holen, es in ein großes Gefäß, einen „Häfen“ füllen und auf dem Herd erwärmen.  Dann wurde die eingeweichte Wäsche aus dem Bottich herausgehoben und ausgewunden. Danach musste man die Wäschestücke in den Häfen heben und kochen. Anschließend gab man die gekochte und heiße Wäsche in einen Waschtrog. Dort wurde sie eingeseift und mit Soda oder Schichtseife gebürstet und danach ausgewunden. Dann brauchte man wieder frisches Wasser um die Wäsche mehrmals zu schwemmen und anschließend wieder auszuwinden.
Zum Trocknen wurden im Garten oder Hof Schnüre gespannt, auf die die Wäsche gehängt wurde. Wenn sie getrocknet war, wurde sie abgenommen, gespannt und gebügelt.
So ein Waschtag dauerte mehr als zwölf Stunden und oft mussten die Frauen schon um vier Uhr morgens aufstehen, um genug Zeit zu haben.  Größere Kinder mussten auch mithelfen.
Dennoch gab es ab Ende der Zwanzigerjahre einige Erleichterungen.  In den Gärten wurden so manche Schuppen zu Waschküchen umgebaut, die Waschmittel wurden wirkungsvoller und in immer mehr Wohnungen gab es fließendes Wasser.
Zum Bügeln verwendete man ein Holkohleneisen oder ein Stageleisen. Das Holzkohleneisen war zum Aufklappen und man füllte Holzkohle hinein. Damit die Kohle die richtige Temperatur beibehielt musste man ständig „wacheln“, also Luft zufächeln. Das Stageleisen hatte einen „Stagel“ einen abnehmbaren Teil, den man in den Ofen gelegt hat, bis er geglüht hat. Und dann wurde der Stagel in das Bügeleisen gegeben. Als Unterlage wurden Tische verwendet, Bügelbretter gab es nicht.

Körperpflege
Die täglichen Reinigung fand im „Lavoir“ statt, einem großen emailierten Waschtrog. Das Wasser dafür wurde vom Brunnen geholt und auf dem Herd erwärmt. Wichtig war es vor allem, sich das Gesicht und die Füße zu waschen.
Das tägliche Zähneputzen wurde propagiert und von den Schulen und Gemeinden gefördert. Dafür wurden Schulzahnkliniken eingerichtet und Zahnhygieneunterricht erteilt.
Die Zahnputzmittel wurden besser und die Zahnpasta- Hersteller gaben Anweisungen, wie ihre Produkte anzuwenden waren.
Einmal in der Woche gab es einen Badetag. Dabei diente der Waschtrog als Badewanne und wieder mussten mehrere Kübel voll Wasser vom Brunnen geholt und auf dem Herd erwärmt werden.  Zumeist wurde in der Küche gebadet, im Sommer auch im Hof oder Garten.  Wenn das Badewasser bereitstand, konnte der Badespaß beginnen: zuerst kamen die Mädchen in die Wanne, dann die Buben. Alternativ konnte man eine Zinkbadewanne verwenden, die oftmals in der Waschküche aufgehängt war.
Nach dem Baden wurde der Waschtrog auf zwei Sessel gestellt und das Wasser in Eimer abgelassen und in den Garten getragen. Wenn man im Sommer draußen oder in der Waschküche baden konnte, war das schon eine Erleichterung, weil das mühevolle Wasser-Entsorgen entfiel. Das Haarewaschen konnte, besonders bei Mädchen wegen ihrer langen Haare, ziemlich mühsam sein.

Abwasch
Um das schmutzige Geschirr kümmerten sich die Frauen und Mädchen. In vielen Häusern oder Wohnungen gab es kein fließendes Wasser und so musste man sich seinen Wasservorrat von dem nächstliegenden Wasserhahn mit Becken, der sogenannten „Bassena“ holen. Die war oft in einem anderen Gebäude oder auch nur im Erdgeschoß, Garten oder Hof und so hatte man die Wasserkannen oder Kübel oft von weit her zu holen. Das Wasserholen war eine Tätigkeit, die man gern die Kinder verrichten ließ. Wenn man das Wasser dann mehrere Stockwerke hinauf geschleppt hatte, wurden die Wasserkannen auf ihren Platz in der Küche gestellt. Dort befand sich ein „Wasserbankel“, eine Holzbank, auf die man die Wasserkannen und ein „Schaffel“ stellen konnte. Es gab auch schon Abwaschhilfen wie Soda, Spülmittel oder Scheuerpulver namens „ATA“ oder „IMI“. Manchmal verwendete man auch zwei Schaffel, eines zum Abwaschen und eines zum Ausschwemmen. Das schmutzige Wasser wurde zur Toilette transportiert und dort ausgeleert, oder aber man schüttete es in den Hof. Das saubere Geschirr konnte man mit einem Tüchlein, dem „Hangerl“ zugedeckt, im  Schaffel trocknen lassen .
Alternativ konnte das Geschirr auch draußen in der Waschküche abgewaschen worden.  Dazu wurde es im Schaffel transportiert.

Quelle:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006

Frauenarbeit in Mödling

Lehrstellen waren rar gesät. Besonders für Mädchen war es schwierig, eine Stelle als Lehrling zu erhalten. Sie konnten mitunter in Fabriken unterkommen oder eine Stelle als Dienstmädchen annehmen. Diese Arbeit bestand aus Hilfsdiensten und war schlecht bezahlt. Es wurde aber als eine Art Lehre angesehen, durch die die Mädchen lernen konnten wie man einen Haushalt führt, denn das war schließlich die Bestimmung der meisten Frauen. Kochen, Waschen, Sparen, Ordnung halten – das musste früher oder später jede Frau beherrschen! Denn obwohl sich die Arbeitswelt für Frauen zu öffnen begonnen hatte, mussten sie sich „nebenbei“ noch um den eigenen Haushalt kümmern. Das umfasste auch die arbeitsaufwändige Betätigung im Garten, zumal viele ihre Familien nur durch Anlegen eines eigenen Gemüsegartens mit genügend Lebensmitteln versorgen konnten.
Eine Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen war, als Saisonarbeiterin in der Landwirtschaft tätig zu sein, etwa bei der Rübenernte oder bei den Schnittern. Beliebt waren Hilfstätigkeiten bei der Bahn, wie z.B. das „Ausgrasen“, d. h die Unkrautentfernung zwischen den Gleisen, weil das etwas besser bezahlt war.

Dienstmädchen
Um das Familienbudget aufzubessern, nahmen junge Mädchen oft eine Stelle als Dienstmädchen an. Die Bezahlung war nicht überragend und sie waren wirklich „Mädchen für alles“, d.h. Kochen, Putzen, Wäsche waschen, Gartenarbeit, Kinderbetreuung etc. Die Dienstmädchen waren jeden Tag von morgens bis abends beschäftigt. Sie hatten eine kleine Dienstmädchenkammer, meist im Parterre, und wohnten auch beim Dienstgeber. Ausgang hatten sie nur sonntags für einige Stunden. Manche Mädchen arbeiteten sogar nur für Kost und Logis und wurden gar nicht bezahlt. Sogar das stelte aber eine Erleichterung für so manche Familie dar, die einen Esser weniger zu versorgen hatte.

Durch den seit dem Krieg herrschenden Frauenüberschuss eroberten sich Frauen neue Berufsfelder. Nach dem Krieg jedoch überließen sie den Männern die Arbeitsplätze und nahmen ihre traditionelle Rolle als Hausfrau wieder an. Selbst wenn eine Frau eine Berufsausbildung machte, wie z. B. Lehrerin, übte sie den Beruf meist nur bis zu ihrer Heirat aus.  Ein beliebter Beruf war der der Schneiderin. Wenn man keine Anstellung fand, konnte man die erworbenen Fähigkeiten immer noch daheim nutzen und die Familie mit Kleidung versehen.
Viele Frauen verdienten sich ihr Geld mit Wäschewaschen, dem „Waschen gehen“. Diese Arbeit dauerte um die zwölf Stunden am Tag und brachte nur sehr wenig Geld ein.

Beim Aufforsten kahlgeschlagener Wälder kamen Kinder zum Einsatz, um Löcher zu graben und junge Bäumchen einzusetzen. Außer mit Geld wurden die Kinder zuweilen mit einem so genannten „Beerenzettel“ bezahlt. Das war eine Bestätigung dafür, dass sie in den Wäldern Beeren sammeln durften. Die gesammelten Beeren konnten die Kinder für ein paar Groschen verkaufen. Das war eine Arbeit für die Mädchen. Erdbeeren und Himbeeren gab es im Juli und im August, das heißt die Kinder taten dies in den Sommerferien. In den Villen der reichen „Sommerfrischler“ war das Einkochen ein beliebtes Hobby und so konnte man die Beeren dort sehr gut verkaufen.
Die Kinder sammelten überdies Pilze für die Mahlzeit zu Hause, allerdings erst, nachdem sie es von den Eltern oder größeren Geschwistern gelernt hatten, die Speisepilze von den Giftpilzen zu unterscheiden. Viele weitere Pflanzen wurden gesammelt: Waldfrüchte, Brennnesseln, Hühnerdarm, Ligusterbeeren, Weißdornfrüchte, Ebereschen, Hagebutten, Bergmispeln, Kastanien, Fallobst. Aber auch Schnecken, Käfer und andere Schädlinge mussten oft von Kindern von den Kulturpflanzen entfernt werden.
Nach der Getreide- und Zuckerrübenernte gingen die Mädchen mit ihren Müttern zum „Ährenklauben“ auf die Felder, denn es gab immer wieder einige Getreideähren und Zuckerrüben, die auf den Feldern stehen bzw. liegen geblieben waren. Diese wurden nachgelesen und aus den Weizenkörner Mehl gemahlen und aus den Gerstenkörnern Ersatzkaffee gemacht. Zuckerrübenreste verkochte man zu Sirup.
Auch das Tierfutter wurde von den Kindern besorgt, das war Arbeit für die Jüngsten. Den ganzen Sommer über mussten sie Futter für die Hasen sammeln. Da viele Menschen Hasen hielten, war es oft gar nicht so einfach, genug Futter zu finden. Für die Enten suchte man in den Teichen nach Muscheln. Statt Spinat pflückte man Brennnesseln, Burgunderrübenblätter, wilden Knoblauch und Vogerlsalat.

Quelle:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien,  2006

Wege zum Wohlfahrtsstaat vor dem Krieg

Bereits im 19 Jahrhundert war in Form des konservativen Sozialstaatmodells der Grundstein für den Sozial- und Wohlfahrtsstaat gelegt worden. Damals stand in erster Linie die Armutsproblematik im Vordergrund. Mit der steigenden Produktivität mussten die Rahmenbedingungen der Arbeiter an die kapitalistischen Produktionsbedingungen angepasst werden. So wurde 1888/89 die Kranken- und Unfallversicherung eingeführt. Zudem wurde die Arbeitszeit in den Fabriken auf elf Stunden gesenkt. Die Arbeit von Kindern und Jugendlichen wurde reguliert, der Staat begann mit der Regelung der Arbeitsbedingungen. Pensionsversicherung für Privatangestellte wurde eingeführt und auch die Ladenschlussregelung für Handelsangestellte. Durch den Ersten Weltkrieg setzten sich aber wieder regressive Tendenzen durch, z. B.  die Aufhebung der Maximalarbeitszeit.

Nach dem Krieg
Die erste Republik war gekennzeichnet durch den Ausbau der Sozialpolitik. Nach dem ersten Weltkrieg wurden im Rahmen des Arbeitsrechts folgende Maßnahmen gesetzt: Einführung des Achtstundentages, Einführung des Arbeiterurlaubs, Betriebliche Mitbestimmung, Regelung der Kollektivverträge
1920: Einführung der Arbeitslosenversicherung, Regelungen betreffend Angestellte und Land- und Forstarbeiter

Und die Frauen wieder zurück an den Herd
Während die Männer im Krieg waren, hatten vielfach Frauen ihr Plätze eingenommen. Sie waren nun berufstätig und konnten ihre Familien erhalten. Als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten, beanspruchten diese aber wieder ihre früheren Arbeitsstellen. Die Arbeitslosenpolitik unterstützte sie dabei, sie zielte nicht darauf ab, auch Frauen in der Berufswelt zu integrieren. Viele Frauen bedauerten es, die Rolle der Familienerhalterin zu verlieren und an den heimischen Herd zurückkehren zu müssen.

Pazifisten und neue Helden
Nach dem Krieg wollte zunächst niemand mehr etwas vom Militär wissen.  Sogar Antikriegsbewegungen bilden sich: die ersten „Hippies“ Europas treffen sich und propagieren Freikörperkultur und freie Liebe, so etwa am Monte Verita am Lago Maggiore, wo sich eine Künstlerkolonie ansiedelt.
Doch der Pazifismus der ersten Nachkriegsjahre zerbrach in den wirtschaftlichen und politischen Krisen danach. Auf den Straßen Österreichs fand ein Kampf der Ideologien statt, der von Feindbildern geprägt und von Angst geschürt wurde. Es war der Kampf, der die Zwischenkriegszeit Europas prägte: der Kampf zwischen Kommunismus und Nationalismus.
Immer öfter und immer stärker wurde ein neues Soldatentum propagiert. Neue Heldenbilder wurden generiert. Verklärende Kriegsbiographien in Buchform oder tapfere Einzelkämpfer in Bergfilmen prägten ein Bild von „neuen Helden“ und hatten starken Einfluss auf viele junge Menschen.

Quellen:
Emmerich Tálos/Marcel Fink: Der Österreichische Wohlfahrtsstaat: Entwicklung und Herausforderungen (2001).
Andreas Novak und Wolfgang Stickler: Krisen, Morde, Bürgerkriege. Edition ORF Doku, 2014 (online bei You-Tube einsehbar).

„Der Rest ist Österreich!“

Im Jahr 1919  führten die Siegermächte Frankreich, Italien und Amerika den Vorsitz bei den Verhandlungen, die in diversen Vororten von Paris stattfanden. Die Delegationen der Verlierermächte, darunter Österreich, wurden nach Frankreich zitiert,  Österreich nach St. Germain, Ungarn nach Trianon und Deutschland nach Versailles. In St. Germain wurde der neue Staat Österreich konstruiert. Die Aufteilung der Gebiete der ehemaligen Habsburgermonarchie sah so aus:

  • Böhmen und Mähren kamen zur neu gegründeten Tschechoslowakei.
  • Ungarn wurde ein eigener Staat.
  • Die Bukowina fiel an Rumänien.
  • Südtirol kam zu Italien.
  • Kroatien und Bosnien kamen zu Jugoslawien, genauso Teile der Südsteiermark und Kärntens.

Die österreichische Delegation unter dem Bundeskanzler Dr. Karl Renner nahm nicht direkt an den Verhandlungen teil. Sie wurde in einem extra Gebäude separiert und schriftlich über die Entscheidungen der Verhandler informiert. Auf schriftlichem Weg konnten sie sich hierzu erklären. Österreich sollte so niedergeworfen werden, dass es nicht mehr gefährlich werden konnte.
Nach den Friedensverhandlungen in St. Germain 1919 war alles anders. Österreich war von nun an ein Kleinstaat und auf einen Bruchteil seiner früheren Größe geschrumpft. Der von Österreich angestrebte Anschluss an das Deutsche Reich, wurde von den Siegermächten verboten.
Das neue Europa, das konstruiert wurde, entpuppte sich als extrem krisenanfällige Institution. Das war der ideale Nährboden für die Ausbildung und die beste Voraussetzung für die Etablierung totalitärer Systeme, so auch in Österreichs unmittelbarer Nachbarschaft:
In Italien hatte sich Mussolini als Vorkämpfer des italienischen Faschismus installiert, in Deutschland verfolgte Hitler ähnliche Ziele. Während in Jugoslawien König Alexander I eine Militärdiktatur errichten wollte, herrschte in Ungarn der Reichsverweser Miklos Horty über ein entmachtetes Parlament.

Amtliche Dokumente
Statt dem heute üblichen Staatsbürgerschaftsnachweis gab es den so genannten Heimatschein.  Dieses Dokument existiere seit 1849. Es wurde erst unter den Nationalsozialisten im Jahr 1939 durch den „Staatsbürgerschaftsnachweis“ ersetzt, der dann in der 2. Republik beibehalten wurde. Der Heimatschein bekundete das Heimatrecht. Das war wichtig für die soziale Absicherung, denn die Heimatgemeinden hatten die Pflicht, für Waisen, Kranke, Arme, Alte und Gebrechliche zu sorgen, aber auch Kriminelle aufzunehmen. Man konnte also Gefahr laufen, in die Heimatgemeinde abgeschoben zu werden, wenn man sich eines Vergehens schuldig machte oder wenn man arm, obdachlos oder arbeitslos war. Nach dem Zerfall der Monarchie war der Heimatschein besonders begehrt. Das Heimatrecht funktionierte nach einem patriarchischen Grundprinzip: wenn eine Frau heiratete, erhielt sie das Heimatrecht in der Gemeinde ihres Mannes, ebenso wie die ehelichen Kinder. Seit 1901 war es jedem Staatsbürger möglich, nach zehnjährigem Aufenthalt in einer Gemeinde das Heimatrecht zu beantragen.
Nach der Verabschiedung der österreichischen Bundesverfassung im Jahr 1920 wurde 1925 auch das Heimatrecht novelliert. 1925 wurde das Staatsbürgergesetz erlassen, das zusätzlich zur Staatsbürgerschaft auch die Bundesbürgerschaft regelte, für die wiederum die Heimatberechtigung erforderlich war. Demnach konnte man durch Geburt und Verehelichung österreichischer Staatsbürger werden, oder aber nach vierjährigem, nachgewiesenem Aufenthalt die Staatsbürgerschaft beantragen.  Ehefrauen erhielten automatisch die Staatsbürgerschaft der Geehelichten.

Eine besonders wichtige Rolle für Menschen, die auf Arbeitssuche waren, spielte das Arbeitsbuch. Die Vorlage des Arbeitsbuches, bei den Arbeitern und Handwerkern auch „Wanderbuch“ genannt, war Voraussetzung dafür, überhaupt eine Arbeit zu erhalten. Es war strafbar, Menschen ohne Arbeitsbuch einzustellen.
Da so etwas wie „Datenschutz“ unbekannt war, konnten Arbeitgeber sich bei den Behörden über die Familien- und Vermögensverhältnisse der Arbeitsuchenden Auskunft geben lassen.

Deutschösterreich
Unmittelbar nach Kriegsende wurde am 12. November 1918 in Österreich die allererste Republik ausgerufen. Man bezeichnete sich als „Republik Deutschösterreich“. Alle drei Parteien, das heißt sowohl die Christlichsozialen als auch die Sozialdemokraten und Deutschnationalen, hatten den Anschluss an das Deutsche Reich beschlossen. Niemand glaubte zunächst, dass dieser Kleinstaat, dieses „Restösterreich“ alleine überlebensfähig war. Zu groß waren die Wunden, die der Krieg hinterlassen hatte. Über eine Million Kaisersoldaten waren gefallen, die Infrastruktur und Wirtschaft zusammengebrochen, man hungerte.
Der Zerfall der Monarchie hatte viele Menschen staaten- und heimatlos gemacht. Viele Orte Deutschösterreichs, erhielten unzählige Bewerbungen um das Heimatrecht, besonders von Menschen aus anderssprachigen Gebieten, die sehr darum bemüht waren, ihr Deutschtum hervorzuheben.
Deutsch ist nicht dies oder jenes: sondern deutsch ist ein unermeßlich und herrlich Gemeinsames, das letztlich unsäglich bleibt. Deutsch ist nicht Luther, nicht Kant, nicht Goethe, nicht Bismarck allein: sondern sie alle zusammen sind es noch nicht, denn es ist nur das völlige Eins aller Deutschheiten; aber jede hat, wenn sie recht zur Idee strebt, für ihren Teil das Wesen des Einigen.
(Felix Braun: Deutsche Geister. Aufsätze von Felix Braun. Leipzig: Nikola, 1925, S.)

Deutschsein war also durchaus positiv besetzt. Dennoch flackerte innerhalb des Deutschen die ausgeprägte österreichische Identität durch:
[…] Immerhin haben wir österreichische Deutsche durch die jahrhundertelange Zwangsgemeinschaft mit Slawen, Italienern, Magyaren, Rumänen usw. gelernt und sind bei allem Deutschtum ein übernationaler Typus geworden, der vielleicht eine höhere Form des deutschen Menschen bedeutet. Wir haben keinen Grund, diese höhere Form deutschen Menschentums aufzugeben, um uns neuerlich in die Wirren des militanten Nationalismus zu stürzen. Fast möchte ich sagen, wir können in unserer staatlichen Selbständigkeit, in ihrer durch den Beschluß der ganzen Welt garantierten Unabhängigkeit dem Deutschtum mehr leisten, denn als Appendix eines Reiches, in dem wir den höchst unverdienten Ruf von sentimentalen Schlappschwänzen haben […]
(Anton Wildgans an Hermann Kienzl (Berlin) am 27. März 1924).

Das Anschlußverbot änderte nichts daran, daß sich eine Großzahl der Österreicher dem Deutschen Reich verbunden fühlten und sich auf einen in Zukunft stattfindenden Anschluß vorbereiteten. Angleichungen fanden auf mehreren Ebenen statt, so auf der juristischen und technischen Ebene, aber auch durch eine quasi gemeinsame Hymne: „Sei gesegnet ohne Ende“-lautete der Text von Ottokar Kernstock für die neue „alte“ Hymne 1930, denn die Melodie, war die der ehemaligen Monarchie, der von Joseph Haydn komponierten Kaiserhymne. Selbige war zu dieser Zeit schon die deutsche Nationalhymne.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006
Braun, Felix: Deutsche Geister. Aufsätze von Felix Braun. Leipzig: Nikola, 1925
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Wildgans, Anton: Ein Leben in Briefen Band 3 (1917–1924) Wien: Wilhelm Frick, 1947
Demokratiezentrum Wien: Entwicklung der Staatsbürgerschaft in Österreich
Demokratiezentrum Wien: Politische Entwicklung in Österreich 1918–1938
Austria-Forum: Die Entwicklung des österreichischen Bundeswappens
Andreas Novak und Wolfgang Stickler: Krisen, Morde, Bürgerkriege. Edition ORF Doku, 2014

Kinofilm

Die Stummfilmzeit – in Bezug auf abendfüllende Spielfilme – umfasste die Jahre 1913 bis 1927. Der Begriff Stummfilm wurde erst Ende der 20er Jahre mit Aufkommen des Tonfilms geprägt, um Filme ohne und mit Ton voneinander abzugrenzen. Davor sprach man einfach vom Film oder Kinofilm. Die Bezeichnung Stummfilm ist irreführend, denn der Film war auch ohne Tonspur alles andere als „stumm“. In den 20er Jahren befand sich der Film in seiner Blütezeit.

Musik
Während der Filmvorführungen wurden die Filme von Live-Musik begleitet, entweder von einem Klavier oder einem Kammermusik-Ensemble. Es gab auch Kino-Orgeln. Sogar das billigste Kino leistete sich meist einen Klavierspieler und einen Geiger. Immer besser werdende Filme forderten auch ein „Aufrüsten“ bei der Musikbegleitung, sodass eben auch größere Ensembles eingesetzt wurden. Oft beruhte der Ruf eines Lichtspielhauses auf seinem Orchester, manche Menschen gingen sogar wegen der Musik ins Kino. Ein gutes Orchester konnte schließlich selbst den langweiligsten Film erträglich machen. Es gab sogar Filme, für die eigens Musik komponiert wurde. Gerne bediente man sich z.B. auch der Werke von Grieg, Schubert und Weber.
Die Kino-Orgeln waren eine kostengünstigere Variante, weil sie ein Orchester ersetzen konnten. Außerdem konnte man mit ihnen zusätzlich Effekte erzeugen wie Donner, Schüsse oder den Pfiff einer Lokomotive.
Es gab aber auch Geräuschemacher, die hinter der Leinwand standen und etwa das Klappern von Hufen oder Pistolenschüsse simulierten.

Farbe
Stummfilme waren nicht nur schwarz-weiß. Verschiedenartige Szenen wurden auf dem Filmstreifen mit diversen Farbtönen eingefärbt, eine Technik, die man Virage nennt. Normale Tagesaufnahmen erhielten die Farbe Orange, Feuer-Szenen waren rot, Szenen am frühen Morgen goldfarben. Es gab eine weite Palette an Farbtönen für verschiedene Situationen, beispielsweise pfirsichfarben für Kerzenlicht oder Sonnenuntergänge. Nachtszenen wurden blau viragiert.

Ausdruck
Das wichtigste Ausdruckselement des Filmschauspielers im Stummfilm war seine Körpersprache und Gebärdensprache. Während aber in den Filmen der Zehnerjahre die Schauspieler sich oft mit übertriebenen Gesten artikulierten, bildete sich in den Zwanzigern eine modernere Art der Körpersprache heraus. Die Schauspieler entwickelten intuitiv eine natürliche Spielweise, die authentischer wirkte.

Zwischentitel
Zu guter Letzt wurden auch Textsequenzen in die Filme eingefügt, so genannte Zwischentitel. Dies war stellenweise notwendig, damit das Publikum der Handlung folgen konnte. Gut formulierte Zwischentitel an der richtigen Stelle einzufügen und sie optisch anzugleichen war eine wahre Kunst. Technisch wäre es zwar auch möglich gewesen, den Text – wie heutige Untertitel – in die Szenen einzublenden, das war allerdings sehr aufwändig, weil die Szenen noch einmal kopiert und dann noch einkopiert hätten werden müssen. Man machte das nur bei besonders wichtigen und spannenden Szenen, in denen der Bewegungsfluss nicht gestört werde durfte.

Filmgenres
Neben den Monumentalfilmen prägten vor allem von der Literatur der Romantik inspirierte dunkle und märchenhafte Sujets die Filme der 20er Jahre, vor allem Filme des deutschen Filmexpressionismus, wie etwa Das Kabinett des Dr. Caligari (1919, Regie: Robert Wiene), Der Golem (1919, Regie: Paul Wegener und Carl Boese), Nosferatu (1922, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau) oder Metropolis (1926, Fritz Lang)

Darüber hinaus war die Vielfalt der Filmgenres breit gefächert in Agenten- und Kriminalfilme, Liebes- und Gesellschaftsdramen, Komödien und Berg- und Actionfilme.
In den späteren 20er Jahren setzte sich die Neue Sachlichkeit beim Film durch, Dramaturgie und Spielstil änderten sich. Am Ende dieser Entwicklung wurde 1929 Vagabund von Fritz Weiß gedreht, der als Experiment angesehen werden kann, bei dem sich dokumentarische Szenen mit inszenierten abwechseln (Produktion: Firma Neuer Film).

Quellen:
Kevin Brownlow: Pioniere des Films. Vom Stummfilm bis Hollywood. Basel: Stroemfeld, 1997
Béla Balázs: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001 (Ersterscheinung 1924 im Deutsch-Österreichischen Verlag)

Milchfrau

22. Juni 1926 (Straßenbild im Arbeiterviertel)
[…] Die breite Straße ist voll von Kindern und Weibern. Besonders charakteristisch für die Straßen in den Wiener Arbeitervierteln sind die verschiedenfarbigen Federbetten, die beinahe aus jedem Fenster hängen, und die Frauen, die an den Fensterbrettern lehnen und sich gegenseitig lange Gespräche über die Gasse zuschreien. Überall schlendern Arbeitslose herum, eifrig debattierend.

18. Oktober 1926 (Die Tierliebe der Wiener)
„Ach, welches Unglück“ antwortete sie (=eine Kundin der Milchfrau) mit Tränen in den Augen. „Ein Spatz hat sich in der Dachrinne verfangen und das arme Tier kann nicht heraus. Jetzt haben sie die Feuerwehr verständigt; hoffentlich kommt sie nicht zu spät.“[…]
Wenn das bei uns in Rußland geschehen wäre, würde es kaum jemandem eingefallen sein, sich um das Tierchen zu bekümmern. Wenn sich schon jemand gefunden hätte, hätte man ihn sicher ausgelacht. Und hier in Wien? Ein Automobil mit einer langen Leiter, mit einem Dutzend Feuerwehrleuten saust heran, mit ernsten, wichtigen Gesichtern macht sich alles an die Arbeit, teilnehmend folgt die Menge den Feuerwehrleuten mit den Blicken, und lange noch, nachdem der Vogel befreit ist, stehen die Leute in Gruppen beisammen und sprechen darüber, was geschehen wäre, wenn es nicht gelungen wäre, den Sperling zu retten.
Auch ich war ganz gerührt und es kam mir vor, als ob mir heute die österreichischen Menschen mit ihrer grenzenlosen Liebe zu den Tieren um ein gutes Stück näher gekommen ist[….]

13. November 1926 (Schaulust)
Bald da, bald dort ist, wie die Wiener sagen, „etwas los“. Sofort bleiben einige Vorübergehende stehen, andere laufen zum Telephon, in einer Sekunde sind schon einige Polizisten da, und es dauert kaum fünf Minuten, so umlagert bereits eine unübersehbare Menschenmenge den Ort, an dem das Ereignis eingetreten (ist). […] Was mich am meisten interessiert, ist, daß sich die Leute nicht nur versammeln und zusehen, sondern, daß sie mit einer Aufregung und einem Eifer alles, was vorgeht, begleiten, als ob es sich um die ureigensten Angelegenheiten dieser Menschen handelte.
Noch ein Unterschied zwischen Rußland und Österreich, der mir tief zu denken gibt. Kaum zieht der Polizist sein Büchlein aus der Tasche, um seine Notizen zu machen, so drängen sich auch schon die Leute an ihn heran, die alles gesehen haben wollen, um ihrer Bereitwilligkeit Ausdruck zu geben, Zeugenschaft abzulegen. Bei uns in Russland sucht alles das Weite, wenn irgendetwas „los“ ist, denn jedermann hat Angst davor, als Zeuge einvernommen zu werden.

21. April 1927 (Frauen und Männer beim Brot kaufen)
Die meisten der hiesigen Frauen stellen sich ganz merkwürdig an, wenn sie einen halben Laib Brot kaufen. Immer ersuchen sie, die beiden Hälften abzuwiegen, und wählen natürlich den größeren Teil für sich. Aber nur, wenn sie allein im Geschäft sind. Wenn andere Kundinnen anwesend sind, so beschränken sie sich meist drauf, die beiden Teile mit den Blicken abzumessen, wobei sie äußerlich ganz ruhig erscheinen wollen, während man ihnen doch an ihren glänzenden Augen die Aufregung und die konzentrierte Gedankenarbeit ablesen kann. [….] Ganz anders als die Männer. Wenn man ihnen die Auswahl läßt, so wählen sie entweder den kleineren Teil oder sie erklären, daß es ihnen ganz gleich sei, und warten geduldig, bis man ihnen eine der Hälften gibt. Wenn man ihnen die größere hinlegt, bemühen sie sich, wenigstens so zu tun, als ob sie dies überhaupt gar nicht bemerken würden. Die Frauen sind alle wirtschaftlicher, genauer und unverschämter als die Männer.

Zitiert aus:
Alja Rachmanowa: Milchfrau in Ottakring. Tagebuch aus den dreißiger Jahren (sic!). Mit einem Vorwort von Dietmar Grieser. Wien: Amalthea, 1997