Weltwirtschaftskrise

Wallstreet ist das Symbol einer Welt, die für den Dollar lebt und stirbt, ist das Fanal einer ungeistigen und unbeseelten Herrschaft der Nutznießer über die Schaffenden […] es ist das Sinnbild der Finanzaristokratie der Neuen Welt.
(L.D. Dunin: Wallstreet (Berlin, 1929).

Jener Tag, an dem die New Yorker Börse im Jahr 1929 zusammenbrach, ist in den USA als der „Black Thursday“ bekannt. In Europa ist es wegen der Zeitverschiebung der „Schwarze Freitag“. Dieser 25. Oktober fiel aber gar nicht so sehr durch besonders starke Kursverluste auf, doch an diesem Tag erreichte die Nachricht über den Börsenkrach in der Wall Street Europa. Der Aktienindex Dow Jones war am Tag zuvor rapide abgestürzt. Dies war der Beginn der Weltwirtschaftskrise, denn der Crash hatte schwerwiegende Folgen für Unternehmer und Anleger auf der ganzen Welt.

Die Ursache des Börsenkrachs
In den „goldenen Zwanzigern“ war die Wirtschaftslage in den USA vielversprechend. Der Dow Jones Index war von 100 Punkten 1923 rasch auf den Rekordstand von 331 Punkten gestiegen. Voller Zuversicht begannen die Menschen ihr Geld in den verschiedensten Aktien anzulegen, um an dem Börsenboom teil zu haben. Viele setzten auf zukünftige Gewinne und nahmen extra Kredite bei den Banken auf, um investieren zu können. Der allgemeine Optimismus war so groß, dass diese Kredite auch ohne größere Sicherheiten vergeben wurden. So kam es, dass immer mehr Unternehmer und Private ins Börsengeschäft an der Wall Street einstiegen. Im Oktober 1929, als der Dow Jones Index plötzlich still stand, kam dann der große Stimmungsumschwung, der, als der Index ins Bodenlose stürzte, in helle Panik umschlug. Alle Anleger versuchten gleichzeitig, ihre Anteile wieder los zu werden, egal um welchen Preis. Da jeder seine Wertpapiere verkaufte, um nicht noch mehr Geld zu verlieren, brach der Handel zusammen. Es gab noch keine Börsenaufsicht oder gesetzliche Regelungen, die den Börsenkrach hätten verhindern können. Allerdings konnte durch das Eingreifen einiger Banken wenigstens der totale Absturz abgewehrt werden.
Als nun die Nachricht über den Zusammenbruch der New Yorker Börse Europa erreicht, stieg der Index wieder leicht an, weil man glaubte, dass die Amerikaner nun in den europäischen Markt investieren würden. Doch der Abwärtstrend in den USA setzte sich fort.

Die Weltwirtschaftskrise hatte eine lange Vorgeschichte. Großbritannien unterschied sich durch seine Commonwealth Struktur vom Rest der Welt. Es verband seine Dominions mit dem Mutterland durch Schutzzölle und Meistbegünstigungsverträge.
Die Umstellung der Wirtschaft von Kriegswirtschaft auf Friedensproduktion und die Entstehung neuer Industriegebiete, die zuvor Importeure gewesen waren, sowie die Verschiebung des Schwergewichts rüttelten am Welthandelsgefüge. Zwei riesige Reiche, Russland und China, schieden als Konsumenten aus. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die USA zum „Bankier der Welt“. Amerika erlebte ein Jahrzehnt des Wohlstands.
Zur Zeit ihrer großen Krise war die Weltwirtschaft ein dicht verflochtenes Netz, das sich im Zeitalter des Imperialismus und der Technik gebildet hatte. Während der Weltwirtschaftskrise 1929–1933 wurden z. B. ganze Kaffeeladungen ins Meer geschüttet, um das Angebot künstlich niedrig zu halten.
Eine Zigarette kostete 2 Pfg und wurde für 5-8 Pfg verkauft. Für 1 kg Bohnenkaffee erhielt der Plantagenbauer in Brasilien 30 Pfg, in Deutschland zahlte der Verbraucher 6–10 Mark dafür. Der Liter Benzin kostete in der Herstellung 2–4 Pfg und wurde für 40–50 Pfg verkauft. Der Bauer erhielt 1,50 Mark für ein Kilo Weizenmehl, der Verbraucher zahlte 12 Mark. Die Differenz ging zu einem Großteil als indirekte Steuer an die Staaten, als Dividenden an Trust und Konzerne.
Um die Preise hoch zu halten, wurden Baumwollernten in den Lagern zurückgehalten oder Fabriken stillgelegt. In Kanada machte man aus Bergen von Weizen Briketts für die Eisenbahn, indem man sie mit Teer übergoß. Gleichzeitig kochte man in Europa Malzkaffee und die Arbeiter sammeln Zigarettenstummel zusammen.

Monopole
Die Spekulanten hatten die Produktion längst unter ihre Kontrolle gebracht, die Monopolwirtschaft, der Kampf um die Alleinherrschaft, hatte ihren Siegeszug begonnen.
Norwegen und England beherrschen den Walfang (Tranversorgung der Welt).
Vier Kolonialreiche (Briten, Franzosen, Niederlande, Belgien) beherrschten 97 Prozent des Palmöls (Grundstoff für Margarine und Seife).
Ein einziger Trust, der Unileverkonzern, hat die Verteilung der lebenswichtigen Fette in der Hand.
Italien und USA haben das Monopol auf Schwefel (Grundlage der chemischen Industrie).
Sowjetrussland, Kanada und Columbien haben das Monopol auf auf Platin.
Standard Oil und Royal Dutch Shell beherrschen fast alle Ölquellen und somit alle Verbrennungsmotoren weltweit.
(A. Zischka: Wissenschaft bricht Monopole, Leipzig, 1936).

Quellen:
Otto Zierer: Bild der Jahrhunderte. Einundzwanzigstes Buch. Das Bild unserer Zeit. Vom ersten Weltkrieg bis ins Jahr 1933
Wikipedia: Schwarzer Donnerstag
Was ist Was: Der schwarze Freitag 1929 der Beginn der Weltwirtschaftskrise

Schattendorf am 30. Jänner 1927

Schattendorf ist ein kleiner Ort im Burgenland, der sich unmittelbar an der ungarischen Grenze befindet.  Im Jahr 1927 ist Schattendorf eine rote Gemeinde: im Gemeinderat sitzen 9 Sozialdemokraten und 6 Christlichsoziale. Die Quartiere der beiden gegnerischen Parteien sind nur knapp 500 Meter voneinander entfernt. Das Gasthaus Moser ist Hauptquartier des republikanischen Schutzbundes und das Gasthaus Tscharmann ist Treffpunkt und Versammlungsort der Frontkämpfervereinigung.

Eine Marschkolonne des republikanischen Schutzbundes, der „Privatarmee“ der sozialdemokratischen Partei, geht durch die Ortschaft Schattendorf.  Durch Schüsse aus dem Fenster des Gasthauses Tscharmann werden zwei Menschen getötet: der achtjährige Josef Grössing, der zufällig am Straßenrand steht und dem Aufmarsch zusieht,  und Matthias Csmaritz, ein 40jähriger Kriegsinvalide und Angehöriger des republikanischen Schutzbundes. Ein Volk von 6 Millionen Menschen ist von da an in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Das Land steht am Rande des Bürgerkrieges, der 7 Jahre später auch ausbrechen wird.

DIE HINTERGRÜNDE ZU DEN VORFÄLLEN IN SCHATTENDORF

Die Politische Situation in Österreich im Jahr 1927
Das politische Klima im Lande wird von Hass und Angst geschürt. Das Bürgertum, das zu einem großen Teil um seinen sozialen Status gebracht wurde, fürchtet seinen Zusammenbruch und wird von der Inflation bedroht. Es ist bestrebt, von der glanzvollen Vergangenheit zu retten, was noch zu retten ist.
Die austromarxistische Ideologie findet großen Anklang und dies macht den Rechten besonders zu schaffen: man befürchtet, dass die „Linke“ die bolschewistische Revolution nachholen will. Die „Linken“ wiederum mit dem Wiener Bürgermeister Seitz an der Spitze haben Angst davor, die mühsam erkämpften Errungenschaften für die Arbeiterschaft zu verlieren, u.a. Arbeiterfürsorge, Krankenkassen und Mieterschutz. Die von Dr. Karl Renner gebildete erste Koalition der Gemäßigten scheitert an diesem Gegensatz. Statt Renner und Fink sind nun der katholische Prälat Dr. Ignaz Seipel (CS) und der marxistische Ideologe Dr. Otto Bauer (SD) an den Parteienspitzen. Seit 1920 regiert eine bürgerliche Koalition den Staat gegen eine nur um einige Mandate schwächere Linksopposition. Das Misstrauen wird immer größer….

1927 –Ein Wahljahr für die junge Republik
Das Wahljahr 1927 ist großer Hoffnungsträger für die Sozialdemokraten. Schon zwei Mal verloren sie die Wahl gegen die Christlichsozialen und erhofften bzw. erwarteten es geradezu, in diesem Jahr die Mehrheit zu erlangen und ihr Dasein als bloße Oppositionspartei beenden zu können.
So haben die Sozialdemokraten voller Optimismus ihr Parteiprogramm und ihren Parteitag bereits im Jahr 1926 auf diese Machtübernahme ausgerichtet. Im Sommer 1926 hielt ihr Parteichef und Chefideologe Otto Bauer eine flammende Rede am Parteitag in Linz. Diese Rede zeugt einerseits von der Siegesgewissheit der Parteiführung. Andererseits ist ihr Inhalt so formuliert, das er leicht missgedeutet werden kann. Dadurch führen diese Worte zu einer folgenschweren Auslegung:
Nur wenn die Arbeiterklasse wehrhaft genug sein wird, die demokratische Republik gegen jede monarchistische oder faschistische Gegenrevolution zu verteidigen, nur dann wird die Bourgeoisie es nicht wagen können, sich gegen die Republik aufzulehnen.

Diese Warnung wird von den politischen Gegnern als Gewaltandrohung interpretiert. Heimwehrer und Frontkämpfer rüsten sich in Vorbereitung auf die blutige Auseinandersetzung. Die erste Kraftprobe findet in Schattendorf statt.

Wie es dazu kam: die Chronologie der Ereignisse des 30. Jänners 1927
Schauplatz 1: Der Bahnhof
Auf dem 2 km von der Ortschaft befindlichen Bahnhof werden Frontkämpfer von außen erwartet. Die 30 Personen umfassende Schattendorfer Gruppe soll durch ankommende Gruppen verstärkt werden. Sogar der Anführer der Frontkämpferverbände, Oberst Hiltl aus Wien, hat seinen Besuch angekündigt. Der 70 Mann starke Schutzbund setzt genau an diesem Sonntag ebenfalls demonstrativ ein Treffen an und fordert Verstärkung aus Baumgarten, Drassburg, Klingenbach, und Loipersdorf an. Es werden also alle Vorbereitungen getroffen, um einen Konflikt heraufzubeschwören.
Gegen Mittag marschieren die Schutzbündler zum Bahnhof, um die Verstärkung ihrer Feinde, der Frontkämpfer entsprechend „in Empfang zu nehmen“

Schauplatz 2: Das Gasthaus Tscharmann
Eine Handvoll Schutzbündler nimmt das Gasthaus Tscharmann, den Treffpunkt ihrer Widersacher, auf unblutige Weise ein. Sie besetzen die durch den Hof zugängliche Gaststube und bestellen ein Viertel Wein. Ein Frontkämpfer schmettert ihnen seinen Gruß „Heil“ entgegen, worauf die Schutzbündler ihrerseits mit dem Gruß „Freundschaft“ antworten.
Hieronimus Tscharmann, der zum Zeitpunkt der Ereignisse 22 Jahre alt und somit der jüngste der 1927 in Schattendorf Angeklagten war, schildert in einem Interview aus dem Jahr 1967 (also 40 Jahre nach den Ereignissen in Schattendorf) die Vorfälle rückblickend so:
…sagt mein Vater zu mir, heast Hieronymus, heute is a Versammlung, Du musst obakumma und musst ma helfn im G´schäft, im Wirtshaus. No, i kumm obe um zwa am Nochmittog, na es dauert net long, (…) de Frontkämpfer waren schon versammelt, da haßts, die Schutzbündler kommen, do is was los. Kumman zwa oder drei eine und sogn „de Tier zu! Niemand derf hinaus.“ Na mei Bruder und sei Chef, (…) san zufälligerweise aussikumman bei der Tier. Und der Bruder ist dann aufi ins Zimma und hat dann, er hat nicht gwusst, was er tun soll und hat dann beim Fenster raus und dann zwa Schuss g´mocht von dem Fenster auf d´nächste Mauer. Und dann ist der Gendarmerieinspektor kommen (…) und hat dann die Schutzbündler vertrieben vom Haus.

Der Bruder, von dem hier die Rede ist, soll aber schon zuvor einen Kameraden aufgefordert haben, sein Gewehr mitzubringen. Danach spielten die Frontkämpfer weiterhin Karten in der Gaststube und im Dorf ging das Sonntagsleben zunächst ungestört weiter.

Am Bahnhof gegen 14 Uhr
40 Frontkämpfer sind zum Bahnhof unterwegs, um Oberst Hiltl und seine Begleitung aus Wien zu empfangen. Vor dem Bahnhof stehen zu diesem Zeitpunkt allerdings schon 200 Schutzbündler bereit, um die unerwünschte Verstärkung ihrer Gegner „abzuholen“.  Die Frontkämpfer ziehen sich dann angesichts dieser Übermacht nach einer kurzen Schlägerei Richtung Loiperbach zurück. Dann rollt der erwartete Zug in den Bahnhof ein. Allerdings steigt nicht der erwartete Oberst Hiltl aus, sondern nur ein Hauptmann Seifert mit 8 Mann.
Die Rauferei begann.
Es gibt nur 2 Gendarmen und die fordern über die Fahrdienstleitung Verstärkung aus Mattersburg an. Die Schutzbündler drängen die Frontkämpfer inzwischen an die Bahnhofsmauer und schlagen mit Schulterriemen und Gürtelschanallen auf den Gegner ein bis Hauptmann Seifert kapituliert. Er erklärt sich bereit, nicht an der Versammlung teilzunehmen und zu Fuß Richtung Mattersburg zu gehen. Daraufhin setzen sich die Schutzbündler nach Schattendorf in Marsch, um im Gasthof Moser gegen 16 Uhr ihre „Siegsfeier“ abzuhalten. In 4 Marschblocks zieht der Schutzbund die Dorfstrasse entlang, während sich die Frontkämpfer immer noch im Gasthof Tscharmann befinden.

Wieder zurück im Dorf
Das Unglück geschieht, während der letzte Block der Schutzbündler am Gasthof Tscharmann vorbei zieht.
Hieronimus Tscharmann: Ich habe ghört, am Bahnhof sind die Frontkämpfer von den Schutzbündlern überfallen worden und da ist ist ein Frontkämpfer von Schutzbündlern angeschossen worden. Weiteres weiß ich vom Bahnhof überhaupt nix. Nun sind die Schutzbündler zu unserem Haus und dann is losgangen. Einige Schutzbündler sind eingedrungen und haben meine Mutter in Ruckn g´steßn und allerhand is vorkommen. Dann sind die losgestürmt, und was sollen wir machen, die haben g´schossn und jetzt hamma halt a gschossn. Wo ma hingschossen haben, wiss ma ja nicht. Wos gscheh´n is, wiss ma a net.

Am 14. Juli sagt Josef Tscharmann zu seiner Verteidigung:
Bitt´ schen, was hätt´ma machen sollen?  Es waren doch so gefährliche Leute darunter.

Gegen 16 Uhr drängen die letzten der vorbeimarschierenden Schutzbündler zum Lokal der Frontkämpfer. Die Frontkämpfer Josef und Hieronimus Tscharmann und Johann Peter stürzen darauf durch die Gasthaustür über den Hof in das Schlafzimmer des verwandten Gastwirts. Und während sich draußen vor dem Gebäude die Schutzbündler ansammeln, fallen aus dem Fenster des Schlafzimmers mehrere Schüsse.

Josef Tscharmann vor den Geschworenen:
Da habe ich von der Strasse schiessen gehört und da habe ich auch vom vorderen Zimmer einen Alarmschuss abgegeben. Mein Schwager ist links beim Fenster gehockt und hat einen Schuss nach rechts abgegeben.

Dazu Hieronimus Tscharmann 1967:
Wir haben keine Kugel mehr g´habt und gor nix. Die Gwehr warn durtn, die Jogdwehrn und die hob ma gnumma und haben hoit a umanondagschossn und wegen was ma gschossn wiss ma überhaupt nimmamehr in der Aufregung. Gschossn ist draussn wurdn und drinnen is gschossn wordn. Ich wor domois 22 Joar oilt, ich hob mich um solche Sachn überhaupt net kümmert und ich hob hoit gonz einfach nur g´schossn und wohin und wo und wos was i a net.

Der Augenzeuge Alois Schmiedl, der damals gegenüberstand und einer von den verletzten Schutzbündlern war, erklärte wiederum in einem Interview 1967, das die Schutzbündler keine Waffen gehabt hätten und auch nicht in das Haus hinein hätte können, weil es abgesperrt war.
Die Frage, aus welchen Gewehren die tödlichen Schüsse abgegeben worden sind, bleibt später auch vor Gericht unbeantwortet. Bei der imposanten Trauerfeier der beiden Getöteten nehmen Tausende Sozialdemokraten teil.

DER JUSTIZPALASTBRAND AM 15. JULI 1927

Die politische Lage im Juli 1927
Wahljahr 1927: Im April wird gewählt

Am Sontag, den 24. April ist Wahltag.  Der Opposition fehlen etwa 300.000 Stimmen zur Mehrheit.
Die bewaffneten Selbstschutzverbände des Bürgertums stehen unter Verdacht, sie wären so genannte „5 Schilling Mandl“. Es wird ihnen nachgesagt, dass jeder Heimwehr-Mann pro Aufmarsch 5 Schilling bezahlt bekäme. Doch auch diese Negativpropaganda nützt den Sozialdemokraten wenig. Sie verlieren zum dritten Mal seit Ausrufung der Republik die Wahl gegen die Christlichsozialen. Bürgerliche Mehrheit: 94 gegen 71 sozialdemokratische Abgeordnete.
Der Prälat Dr. Ignaz Seipel bleibt Bundeskanzler. Karl Hartlieb wird Vizekanzler und wird Innenminister, Polizei und Gendarmerie unterstehen ihm. Er muss mit den säbelrasselnden Privatarmeen fertig werden.

14. Juli 1927: Ein schwerwiegendes Urteil wird gefällt
Im Juli 1927 findet im Schwurgerichtssaal des Wiener Landesgerichts ein Prozess statt. Drei Männer sind angeklagt:
Josef Tscharmann, 31 Jahre, Gastwirtssohn
Hieronymus Tscharmann, dessen Bruder, 22 Jahre
Johann Peter, der Schwager der beiden, 26 Jahre, Müllergehilfe

Anklage: Verschuldung des Todes von 2 Menschen am 30. Jänner 1927 in Schattendorf als Mittäter in gemeinsamem Einverständnis mit anderen durch aus Bosheit begangene Handlungen und zwar dadurch, dass sie auf einen durch die Dorfstraße mündenden Fenster des Tscharmann-Hauses, während sich eine Menschenmenge auf der Straße befand, Schüsse aus Jagdgewehren abfeuerten […]

Nach acht Verhandlungstagen geht der Prozess am Abend des 14. Juli zu Ende. Nach fast vierstündiger Beratung verkündet der Obmann der Geschworenen das Urteil: Drei Geschworene stimmen mit „schuldig“, neun stimmen mit „nicht schuldig“

Dieser Wahlspruch bedeutete den Freispruch für die Angeklagten.
12 Stunden später ist Wien in offenem Aufruhr. Weitere vier Stunden später brennt der Justizpalast. In der Folge gibt es Dutzende Tote und hunderte Verwundete.

12 Geschworene: 11 Männer und eine Frau. Die Angeklagten bestritten nicht, geschossen zu haben und es konnte nicht nachgewiesen werden, dass die Schutzbündler bewaffnet waren. Dennoch wurden die Angeklagten freigesprochen.

DIE CHRONOLOGIE DER EREIGNISSE DES 15. JULI 1927
Augenzeuge Chef des republikanischen Schutzbundes, Dr. Julius Deutsch, einst Staatssekretär für Heerwesen berichtet:
Der Permanenzdienst, der in der Redaktion der Arbeiterzeitung war hatte Julius Deutsch um drei Uhr morgens verständigt, dass die Betriebswerke des Elektrizitätswerkes einen Streik beschlossen hätten. Das würde zur Stilllegung von vielen Betrieben führen. Er fuhr also sofort mit dem Taxi in die E-Werke, um dort mit den Betriebsräten zu verhandeln. Dort angekommen waren diese schon weg und Deutsch erfuhr, der Beschluss wäre nicht mehr zu ändern. Nach einem Telefongespräch mit Bürgermeister Karl Seitz fuhr er ins Parteisekretariat und beriet sich mit Mitgliedern des Parteivorstands. Es war dann schon morgens und Demonstranten zogen vor das Parteihaus und verlangten, dass die Partei was unternehmen sollte. Der Parteivorstand hatte Bedenken, dass die Partei gegen die Entscheidung eines Geschworenengerichtes öffentlich etwas unternehmen sollte, denn das Geschworenengericht war ja eine Errungenschaft der Demokratie.

Es stellt sich heraus, dass die Delegation mit den Chefredakteur Austerlitz gesprochen hat und er gerade dabei war, einen Artikel über die Ereignisse dieses Tages zu schreiben. Friedrich Austerlitz, Chefredakteur der Arbeiterzeitung schreibt einen flammenden Leitartikel in der AZ: Die Mörder von Schattendorf freigesprochen! Der Artikel soll aber nicht Aufruf zur Demonstration sein, sondern nach seinen Angaben als „Ventil“ dienen sollen. Massen, die sonst gewohnt waren auf Aufforderung zu marschieren, marschieren nun ohne ausdrückliche Aufforderung. Nur der Schutzbund marschiert nicht. Sonst ist er immer mobilisiert worden, um Demonstrationen im Rahmen zu halten. Der wird aber nicht aktiviert, weil nicht der Anschein erweckt werden soll, dass die Partei selbst einen Demonstrationszug gegen das Geschworenengericht macht.

Kurz nach Arbeitsbeginn legt ein Großteil der Wiener Arbeiterschaft aus Protest gegen das Urteil des Schattendorfer Prozesses die Arbeit nieder und marschiert in ungeordneten Haufen in die Innere Stadt.

  • 7 Uhr: Betriebsbeginn in der E-Werkszentrale in der Mariannengasse. Streikbeschluss, erster Zug der Demonstranten setzt sich in Bewegung
  • Am Ring nächst dem Rathausplatz und dem Schmerlingplatz sind Tausende Arbeiter versammelt.
  • 9 Uhr: erste Zusammenstöße mit der Polizei bei der Universität
  • Arbeiter der städtischen Baustellen auf Lastwagen unterwegs.
  • Gleichzeitig Telefongespräch Deutsch-Schober. Polizei mit berittener Truppe sei vor dem Parlament.
  • 10 Uhr: 5000 Demonstranten in der Stadiongasse zwischen Parlament und Rathaus. Neuer Demonstrationszug von Gemeindeangestellten ist vom Rathaus her im Anmarsch.

In der Reichsratsstrasse 1 steht an diesem Tag ein Baugerüst. Berittene Polizei kommt, um die Straße zu räumen. Den Arbeitern ist sie ein verhasstes Symbol bürgerlicher Machtdemonstration. Beim Parlament ist die Straße aufgegraben, Pflastersteine werden so zu Wurfgeschossen! Baugerüst mit Brettern, Latten und Pfosten. Demonstranten werfen mit Steinen nach den Polizisten. Steinhagel geht nieder. Reiter attackieren mit gezogenem Säbel. Demonstranten werden zum Rathauspark abgedrängt. Neues Ziel der Wut der Massen: Der Justizpalast auf dem Schmerlingplatz. Zuerst werden nur Aktenbündel aus dem Fenster geworfen, dann aber wird Feuer gelegt, Möbelstücke werden angezündet.

  • Um 12.28 erreicht die erste Brandmeldung an Feuerwehrzentrale.
  • Vier Minuten später entdeckt der erste Feuerwehrmann die Brandstelle, aber zwischen der Feuerwehr und dem brennenden Gebäude sind tausende Demonstranten. 5 Reihen von Barrikaden sperren der Feuerwehr am Ende der Lerchenfelderstrasse den Weg ab.
  • Löschwägen werden von der demonstrierenden Menge aufgehalten.
  • Bürgermeister Seitz ist auf einen der Löschwägen hinaufgestiegen und versucht, die Menge zu beruhigen und die Bahn für die Feuerwehr freizumachen.
  • Daraufhin umstellt der Schutzbund die Löschwägen, Deutsch steigt auf einen auf und gibt den Befehl: Vorwärts! Tatsächlich war ein Vorankommen möglich.
  • Meldung, dass bewaffnete Polizei gegen die Stadt zieht.
  • Telefongespräch mit Schober, dass das nicht mehr nötig sei. Polizeioffizier soll der Polizei entgegenreiten, um beschlossenen Abbruch der Polizeiaktion zu verhindern.
  • Deutsch wiederum schickt den Abgeordneten Albert Sewa zum Polizeioffizier, er möge Halt machen und weitere Befehle des Polizeipräsidenten abwarten.
  • Doch beide erreichen den Offizier nicht, während Deutsch wieder auf den Löschwagen gestiegen ist, und den Befehl zum Löschen gegeben hat, geht schon die erste Salve der 150 mit Militärgewehren bewaffneten Polizisten los.
  • Es ist 14.30. Schober rechtfertigt den Angriff damit, dass der Weg frei geräumt werden musste, damit die Feuerwehr Menschen aus dem brennenden Gebäude retten konnte.
  • Der Branddirektor Anton Wagner erklärte in einem Interview, dass, als sie löschen wollten, Gewehrsalven ertönten und Panik entstand.
  • Feuerleute und Löschgeräte werden überrannt. Unzählige Einschüsse in den Löschgeräten.
  • Die letzten Polizisten verlassen zwischen 14 Uhr und 14.15 erschöpft den Justizpalast.
  • Um 17 Uhr fallen die letzten Schüsse.

Vormittags war die Partei nicht mehr Herr der Lage, nachmittags war die Polizei nicht mehr Herr der Lage. Justizpalst brennt bis in die Nacht hinein.
Unterdessen: Zusammenbruch des ganzen Staates. Generalstreik legt den Verkehr lahm, Italien droht mit Besetzung des Inntals, falls die Brennerstrecke nicht intakt bleiben sollte. Auch in Prag und Budapest werden Vorbereitungen für eine militärische Intervention getroffen.

Am 17.Juli wieder halbwegs normale Verhältnisse.
Sozialdemokratische Führer, besonders Bürgermeister Seitz, versuchen vergeblich die Massen zu beruhigen. Der Wiener Polizeipräsident lässt, im Einvernehmen mit Innenminister Karl Hartleb, von der Schusswaffe Gebrauch machen, nachdem die berittene Polizei nicht mehr Herr der Lage war und viele Polizeischüler, die kurzfristig eingesetzt worden waren, Verletzungen erlitten hatten. Im Laufe des Tages kommt es zu weiteren Demonstrationen und Ausschreitungen in ganz Wien. Die traurige Bilanz des Tages: 89 Tote, 600 Schwerverletzte und fast 1000 Leichtverletzte. Die materiellen Schäden sind ebenfalls schwer: wertvolle Akten aus der Zeit der Monarchie und große Teile des Grundbuches gehen zugrunde.

Quellen:
15. Juli 1927. Ein Film von Hellmut Andics aus dem Jahr 1967. Mit Unterstützung des Instituts für Zeitgeschichte. Regie: Walter Davy. Ein Fernsehfilm des österreichischen Rundfunks. ORF: 1967 (online bei You-Tube einsehbar).
Kleindel: Österreich. Daten. Zahlen. Fakten. Salzburg: Andreas& Müller, 2007

Open Door Mödling 2016

Am Samstag 15. Oktober 2016 öffnet KUM seine Tore

Wie haben unsere Ur- und Ururgroßeltern ihre Freizeit verbracht? Hatten Sie überhaupt Freizeit? Oder Hobbies? Was haben sie gespielt, als es keine Spielplätze gab in einer Welt ohne Computer und Smartphones? Wir laden Kinder und Erwachsene ein, die Kinderwelt der Zwanziger und Dreißiger Jahre mit uns zu entdecken und einige Spiele von damals auszuprobieren. Bei uns im Hof der Geschichten, in dem schon vor hundert Jahren Kinder gespielt haben und Menschen zusammengekommen sind.
ab 15.30h Herbst- Basteltisch
16.30–17.30h Zeitreiseprogramm „Vidulus“
ab 18h Chill-Out mit heißem Tee, Gulasch und alten Fotografien aus Mödling

  Wir freuen uns auf Euch!


Audioguide für Mödling

Schon lange bestand seitens der Stadt Mödling der Wunsch nach einem Audioguide, welcher die historischen Stätten  für Kinder lebendig werden lässt. Marina Gschmeidler und Ruth Lößl haben sich voller Begeisterung in dieses Abenteuer gestürzt. Derzeit sitzen sie in einem Meer von Büchern über Historisches und Sagenhaftes und basteln an Stationen wie Einleitung, Beethovenhaus, Pestsäule, Rathaus, Stadttheater  und St. Othmarskirche. Um die Stadtgeschichte möglichst kindgerecht zu vermitteln wurde das Wappentier Panthi als Erzähler eingesetzt. Panthi verfügt nämlich als mystisches Wesen über die Gabe mit Hilfe von Zeitsprüngen die Zuhörer in frühere Zeiten zu versetzen. Viel Vorarbeit und Zusammenarbeit mit Panthi ist noch nötig, um die großen und kleinen Besucher Mödlings auf eine Zeitreise mitnehmen zu können. Daher wird die voraussichtliche Veröffentlichung des Audioguides bei den Mödlinger Literaturtagen im September 2016 stattfinden. [LR/GM/BC]

Medienkoffer

Ihre Schüler haben keine Lust Museen zu besuchen? Dann kommt die Ausstellung einfach zu Ihnen in die Schule oder in den Hort!

KUM hat in Kooperation mit der Stadtgemeinde Mödling und dem Museum Mödling ein neuartiges Ausstellungskonzept für Schulkinder von 8 bis 12 Jahren entwickelt: einen Medienkoffer

Durch interaktive Stationen wird den Kindern die Ausstellungsthematik lebendig näher gebracht. Der erste Medienkoffer enthält als Thema „Schule“ und befasst sich mit dem Wandel und der Entwicklung des Unterrichtssystems im 20. Jahrhundert. Neben Ausstellungsstücken gibt es auch interaktive Möglichkeiten, um in die Materie einzutauchen und sie mit allen Sinnen zu erfahren.
Verschiedene Mitmach- Stationen laden ein, sich mit Themen wie Schriftarten, Unterrichtsmaterialien, Pausen, Strafen, Notengebung und vieles mehr hautnah auseinanderzusetzen. [RL/MG]

Wir danken der Stadtgemeinde Mödling für Ihre Unterstützung!

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