Liane Haid 1895–2000

Liane Haid wurde im Jahr als Tochter eines Musikalienhändlers in Wien Alsergrund geboren. Sie machte eine Ausbildung als Tänzerin und stand schon als Kind auf der Bühne der Hofoper. Als die erste Wiener Filmgesellschaft, die Wiener Kunstfilm, gegründet wurde, wirkte Haid, die großes Interesse für dieses neue Medium hatte, von Beginn mit und spielte von 1915–1918 bereits in 18 Filmen.
1923 heiratete sie den Baron Fritz von Haymerle, der ihr eine eigene Filmfirma, die Micco-Film schenkte.
Ihren großen Durchbruch hatte Liane Haid als Protagonistin und Partnerin von Conrad Veidt in Richard Oswalds Historienfilm Lady Hamilton im Jahr 1921. 1922 spielte sie mit Veidt sowie Albert Bassermann und Adele Sandrock in Lucrezia Borgia. Es folgten Liebesfeuer (1925) und Die Brüder Schellenberg (1926) sowie Die Csardasfürstin (1927).

Den Übergang von Stumm- auf Tonfilm konnte Liane Haid bravourös meistern und wirkte in über 30 Tonfilmen mit. Im Jahr 1930 machte sie Robert Stolzs Lied Adieu, mein kleiner Gardeoffizier an der Seite von Willi Forst in Das Lied ist aus zum unvergessenen Schlager. Liane Haid und Willi Forst wurden zu einem der beliebtesten Filmpaare.
In den 30er Jahren drehte sie noch einige Filme in Österreich (Ungeküßt soll man nicht schlafen gehen, 1936 und Peter im Schnee, 1937) und England (Whom The Gods Love, 1936). In den 1940ern flüchtete sie mit ihrem Sohn in die Schweiz und heiratete dort den Schweizer Arzt Carl Spycher, den sie jahrelang auf seine Reise in die Tropen begleitete. Ein Comeback in den 50er Jahren scheiterte. 1992 erhielt sie den Deutschen Filmpreis und den Wiener Rosenhügelpreis. Liane Haid verstarb mit 105 Jahren in der Schweiz. Sie verkörperte den Typus des natürlichen, feschen und unkomplizierten Wiener Mädels.

Quellen:
Film Zeit, Liane Haid
Wien Geschichte Wiki, Liane Haid
Wikipedia, Liane Haid

Journalismus und Gesellschaftskritik

Hugo Bettauer und Die Stadt ohne Juden
Im Oktober 2015 machte ein Filmsammler auf einem Pariser Flohmarkt eine sensationelle Entdeckung: er fand die vollständige Kopie eines Filmes, der bis dato als verschollen gegolten hatte – Eines Filmes, dessen Buchautor und Regisseur nur einige Monate nach der Uraufführung im Jahr 1924 von einem Nationalsozialisten erschossen worden war. Der Autor hieß Hugo Bettauer, der Film Die Stadt ohne Juden.

Hugo Bettauer – ein Opfer des Populismus
Hugo Bettauer war Romanschriftsteller, Feuilletonist und Zeitschriftenherausgeber. 1872 als Sohn jüdischer Eltern in Baden bei Wien geboren, besuchte er in Wien das Gymnasium, wo Karl Kraus sein Klassenkamerad war. Mit achtzehn trat er aus der jüdischen Gemeinde aus und konvertierte zum Protestantismus. Nach dem Tod der Mutter ging er nach Amerika, dann als Zeitungsredakteur nach Berlin und Hamburg und wieder zurück in die USA, wo er als Journalist tätig war. Bettauer schrieb für das New Yorker Morgen-Journal Gegenwartsromane, deren Handlung im Milieu der deutschen und österreichischen Emigranten angesiedelt war.  1908 kehrte er als amerikanischer Staatsbürger nach Österreich zurück und nahm ihn Wien seine journalistische Tätigkeit auf. Wegen seiner Vorliebe, Skandale aufzudecken, war Bettauer immer wieder Zielscheibe harter Kritik.

1920 erschien seine erste Buchveröffentlichung mit dem Titel Faustrecht, es folgte eine Reihe von Wiener Kriminal- und Sittenromanen, die die Lebenswirklichkeit der jungen Republik spiegelten und den Autor zu einem der beliebtesten und erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit machten. Das Wien der Gegenwart war Bettauers Thema, er beschrieb auf vortreffliche und sarkastische Weise Neureiche und Kriegsgewinnler, Parvenus und gestrandete Existenzen. Bettauer zeichnete ein messerscharfes Gesellschaftsbild der Zeit, er galt als der „Autor des kleinen Mannes“. Seine Romane erschienen als Fortsetzungen in seinen Zeitschriften. Er schrieb sie ähnlich einer Kolumne meist von einen Tag auf den nächsten und wusste oft erst während des Schreibens, wie sich die Handlung entwickeln sollte. Das zeugt von einem unheimlich regen Geist und einem treffsicheren Gespür für jede Aktualität. Selbst, wenn Schriftsteller und Kritiker die Nase über ihn rümpfen, Bettauer hatte eine vortreffliche Beobachtungsgabe und war äußerst sprachgewandt. Die Sujets seiner Romane schrien geradezu nach einer Verfilmung. So wandten sich Regisseure an ihn, der berühmteste war wohl Georg Wilhelm Pabst, der Bettauers Roman Die freudlose Gasse 1925 verfilmte. Die Handlung spielt in Wien, auch die Dreharbeiten fanden in Wien statt, in den Hauptrollen Asta Nielsen und Werner Krauss.
Zuvor waren aber schon einige andere Bettauer Romane verfilmt worden, auch der Roman Die Stadt ohne Juden, der 1922 erschienen war.

Die Stadt ohne Juden. Ein Gedankenexperiment als Versuch der Vermittlung
Die Handlung von Die Stadt ohne Juden. Der Roman von übermorgen (1922)  ist schnell erzählt: Österreich steht vor dem wirtschaftlichen Ruin. Die Schuld daran wird den Juden zugeschrieben. Also beschließt das Parlament, die Ausweisung aller Juden. Doch das verschlechtert die Situation Österreichs noch viel mehr, weswegen man die Juden wieder zur Rückkehr überredet.

Die Pro- und Kontra-Redner meldeten sich zu Wort. Die Sozialdemokraten sprachen gegen das Gesetz. Als aber ihr Führer Weitherz in ruhigen und sachlichen Worten seiner Entrüstung Ausdruck gab und den Gesetzentwurf als ein Dokument menschlicher Schmach bezeichnete, entstand ein furchtbarer Tumult, die Galerie warf mit Schlüsseln und Papierknäueln nach den Sozialdemokraten, es kam zu einer Prügelei, und die kleine Opposition verließ unter Protest den Saal. Der christlichsoziale Abgeordnete Pfarrer Zweibacher pries Dr. Schwertfeger als modernen Apostel, der würdig sei, dereinst heilig gesprochen zu werden, die großdeutschen Abgeordneten Wondratschek und Jiratschek aber beleuchteten das Gesetz lediglich vom Rassenstandpunkt, und Jiratschek, der stark mit böhmischen Akzent sprach, schluchzte vor Ergriffenheit und schloß mit den Worten:
»Wotan weilt unter uns!«
(Hugo Bettauer. Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen)

Für den Leser von heute mit dem Wissen um Holocaust und Deportationen ist die Herangehensweise an den Roman sowie dessen Verfilmung schwierig. Was Bettauer als satirisch überzeichnete Utopie gezeichnet hat, offenbart sich für den Leser der Gegenwart wie eine unheimliche Prophezeiung,die viele Details dessen, was in den 30er Jahren wirklich geschehen sollte, vorwegnahm. Es ist nur bedingt möglich, sich in diesem konkreten Fall auf den humoristisch-satirischen Charakter einzulassen, der Bettauers Schriften prägt.
In einer Zeitungsglosse beschrieb Bettauer im Juli 1922 die Inspiration, die ihn auf dieses Thema brachte:

Als ich einmal einen jener Orte aufsuchte, an denen man sich nicht länger aufzuhalten pflegt, als unbedingt notwendig ist, sah ich nebst anderen erbaulichen Inschriften auf den Wänden auch mehrfach die kategorische Aufforderung prangen „Hinaus mit den Juden!“ Dieser Sehnsuchtsschrei eines sicher sonst ganz braven Mannes, den man ja auch in den Plakaten unter dem lieblichen Hakenkreuz findet (und) auf der Elektrischen oft genug hört (…), regte meine Phantasie zu spielerischen Gedanken darüber an, wie dieses Wien sich wohl entwickeln würde, wenn die Juden tatsächlich einmal der höflichen Aufforderung folgten und die Stadt verließen.

Für die Verfilmung im Jahr 1924 durch den jungen Wiener Regisseur Karl Breslauer musste das Buch „politisch entschärft“ werden, um die innenpolitischen Konflikte nicht noch mehr aufzuheizen. So wurde es umfassend umgearbeitet. In wichtigen Rollen waren Johannes Riemann, Eugen Neufeld und Hans Moser zu sehen. Schon die Dreharbeiten erregten großes Interesse, die sich in der umfangreichen Berichterstattung in der Wiener Presse äußerte.  Im Juli kam es zu Uraufführung. Die Kinosäle waren überfüllt, größere Skandale blieben aus. Dennoch gab es lebhafte Proteste und Störaktionen von jungen Nationalsozialisten, die Stinkbomben in die Kinosäle warfen.

Mit Bissigkeit schilderte Bettauer die judenfeindliche Gesinnung seiner Zeit. Antisemitismus war zu einer Alltagserscheinung geworden, vielfach gar nicht hinterfragt und unreflektiert und wurde als „naturgegebene Zeiterscheinung“ hingenommen. Antisemitismus hatte schließlich in den 20er Jahren eine bereits über 100 Jahre alte, traurige „Tradition“. Von Politikern und politischen Aktivisten wurde ausgenutzt, ja der Judenhass durch aggressive Reden noch geschürt. Mit seinem Roman wollte Bettauer zwischen den verschiedenen Gesinnungen vermitteln, was ihm leider misslang. Alle fühlten sich indigniert. Es war und blieb das einzige Mal, dass sich Bettauer auf kritische Weise mit dem Antisemitismus auseinandersetzte.

Der Bettauer-Skandal und seine Folgen
Im Februar 1924 brachte Bettauer ein Wochenblatt heraus: Er & Sie. Wochenschrift für Lebenskultur und Erotik. Er setzte sich für Scheidungsrecht, Schwangerschaftsabbruch und Straffreiheit für Homosexualität ein und nahm auf sehr aufgeklärte Weise zu gesellschaftlich brisanten Fragen der Zeit Stellung, wie Mieterschutz, Erotik außerhalb der Ehe und die Gleichberechtigung der Frau. Die Zeitschrift war keineswegs ein „Schmutzblatt“, sondern sah sich vielmehr als ein Medium der Aufklärung, in dem sogar Fachärzte Fragen beantworteten. Bettauer verwehrte sich gegen jede Scheinmoral und Unterdrückung. Nach der fünften Ausgabe der Zeitschrift wurde er angeklagt: „Vergehen gegen die öffentliche Sittlichkeit“ und „Vergehen gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung“ waren die Vorwürfe. Wegen der Kontaktanzeigen, die Bettauer in seiner Zeitschrift unter der Rubrik „Menschen, die einander suchen“ drucken lässt, wurde ihm auch noch „gewerbsmäßige Kuppelei“ vorgeworfen. Hier zwei Beispiele für Kontaktanzeige in Bettauers Wochenblatt:
Junger Beamter möchte wohlhabende Dame kennen lernen! Unter „Stierkämpfer“ 1048 an die Exped

Mein frohsinniger Lebensmut ist zuviel für mich allein. Laßt ihn mich mit einem lieben herz- und leibgesunden Mädel teilen. Schreibt unter „Bucephalos 1098! An die Exped.

In der Folge fand eine regelrechte Hetze gegen Bettauer statt, Lynchjustiz wird gefordert. Beschimpfungen wie „Schlammwühler“, „perverses Kloakentier“, „geiles Untier“, „Schweinehund“, „Industrieritter der Erotik“ oder „gewerbsmäßiger Pornograph“ werden immer häufiger. Er wird zum Feindbild für Frauen- und Elternvereine, Antisemiten, Nationalsozialisten und Christlich-Soziale. Bettauer wird das Image des perversen Sittenverderbers verpasst. Inzwischen gab er ein neues Wochenblatt heraus: Bettauers Wochenschrift. Probleme des Lebens. Beim Prozess im September wird Bettauer von allen Anklagepunkten freigesprochen.
Bettauers Beliebtheit bei seinen treuen Lesern geht auch darauf zurück, dass man ihn als Seelentröster sah. Er leistete eigentlich Sozialarbeit, indem zweimal die Woche Sprechstunden, eine Art „Seelenordination“, in seiner Redaktion abhielt.
Auch am 10. März 1925 war jemand für ein Gespräch in seinem „Sprechzimmer“ angemeldet: der 21jährige Zahntechniker Otto Rothstock. Mit einem fingierten Brief verschaffte sich Rothstock Zutritt zu Bettauers Büro, während dieser den Brief entgegennahm und den jungen Mann aufforderte, ihm zu folgen, sperrte jener heimlich die Tür zu. Und während Bettauer den Brief las, zog Rothstock eine Pistole, rief „Passen Sie auf, Herr Doktor!“ und schoss fünf Mal auf ihn. Mehr Schüsse hatte er nicht. Bettauer konnte noch aus dem Raum fliehen, brach aber sogleich blutüberströmt zusammen. Während er um sein Leben kämpfte, schloss sich Rothstock in Bettauers Büro ein und zerriss alles, was ihm in die Finger kam. Er verharrte dort, bis er von der Polizei abgeholt wurde. Hugo Bettauer wurde schwerverletzt, aber noch lebend in das AKH gebracht. Erst 16 Tage später erlag er seinen Verletzungen. Rothstock wurde wegen Mordes angeklagt, bei der Verhandlung gab er als Tatmotiv an, dass er seine Altersgenossen von sittenverderbenden Typen wie Bettauer schützen wollte. Ein prominenter Nationalsozialist übernahm kostenlos seine Verteidigung. Obwohl Rothstock einstimmig des Mordes und des illegalen Waffebesitzes für schuldig erklärt wurde, zweifelten die Geschworenen an seiner Zurechnungsfähigkeit und wurde freigesprochen. Er wurde in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und 1927 wieder als freier Mann entlassen. Bettauers Wochenschrift wurde eingestellt.
So hat die immer aggressiver werdende Rhetorik kompromissloser Politiker, die letztendlich ihren Beitrag zum Ende der ersten Republik leisten sollte, wieder einmal ein Todesopfer gefordert: einen Mann, der von vielen intelligenten und kritischen Zeitgenossen hoch geschätzt wurde, wie folgender Entwurf zu Bettauers Nachruf von Robert Musil bezeugen kann:

Wir betrauern in dem Dahingeschiedenen einen Mann von vorzüglichen Gaben des Herzens.(…) Impulsiv, empfänglich, hatte er die Gabe, das auszusprechen, was tausende fühlten…es leitete ihn die ehrliche Überzeugung, zu bessern. Und er fiel für die vornehmste Aufgabe seines Berufs: das auszusprechen, was man für richtig hält.

Quellen:
Hugo Bettauer. Die Stadt ohne Juden. Ein Roman von übermorgen (verfügbar auf Spiegel online)
Murray Hall: Hugo Bettauer. In: Elektrische Schatten. Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte. Wien: Filmarchiv Austria, 1999

Der österreichische Film

Anfang der Zwanziger-Jahre gab es in Wien um die 20 Filmproduktionsfirmen. Diese erzeugten pro Jahr ca. 80 Filme, im Schnitt war das alle fünf Tage ein Film! Hinzu kamen noch jährlich an die 100 Kurzfilme.
Die Filmfabriken trugen Namen wie Fiat-Film, Eos-Film, Emge-Film, Sascha-Film, Schönbrunn-Film, Listo-Film, Mondial-Film, Pan-Film, oder Vitafilm. Zu den wichtigsten zählten die Dreamland Film Company, die Micco-Film und die Astoria-Film. Fast jede Woche stellten die Produktionsfirmen einen neuen Film vor.
Trotz des schnellen und lebhaften Aufschwungs der Filmwirtschaft, befand sie sich nach nur drei Jahren in der Krise. Während 1922 jährlich durchschnittlich 70 abendfüllende Filme erschienen, waren es 1923 nur noch 35. Nach dem Börsenkrach 1924 reduzierte sich die Zahl auf 16 und 1925 wurden überhaupt nur noch 5 Filme pro Jahr produziert.
Die Gründe für den schnellen Verfall waren vielfältig: viele Firmen waren aufgrund von Spekulationen gegründet worden, das Kapital war auf viele Einzelunternehmen zersplittert, die Sparte konnte der Verflachung der Konjunktur nicht entgegenwirken. Außerdem war es in Österreich fast unmöglich, die Herstellungskosten für einen Film wieder hereinzuwirtschaften, weil das auf 6 Millionen Einwohner geschrumpfte Land einfach zu klein war. 90% der Produktionskosten hätten durch Ausfuhr in andere Länder gedeckt werden müssen, was in einer Zeit, wo der US- Film durch wesentlich preiswertere Produktionen die europäischen auf dem Markt verdrängte, ein Ding der Unmöglichkeit war.
Auch die Inflation spielte eine Rolle: beliefen sich die Herstellungskosten für einen Film 1922 auf 80 Millionen Kronen, so waren 1924 schon 50 Milliarden erforderlich. Die schwache Krone jedoch begünstigte gegenüber den harten Valuten den Filmverkauf ins Ausland, die Einführung des Schillings bedeutete wiederum eine Erschwernis für die Filmwirtschaft.

Während also manch kleine Filmfabrik genauso schnell wieder verschwand, wie sie entstanden war, konnten zwei große Produktionsfirmen aus der Vorkriegszeit ihre Vormachtstellung im Filmgeschäft ausbauen und bewahren: Die Sascha-Film und die Vita-Film. Diese hatten auch firmeneigene Kinos, in denen die Filmpremieren gefeiert wurden. Zu diesem Anlass wurden die Kinos im Dekorationsstil der jeweiligen Filme geschmückt.
Die größte Filmproduktionsgesellschaft der Stummfilmzeit war die von Sascha Kolowrat gegründete Sascha-Filmindustrie AG, die seit 1912 als Sascha-Filmfabrik ihren Sitz in Wien hatte.  1918 fusionierte sie mit dem Filmverleiher Philip & Pressburger und nannte sich seither Sascha-Filmindustrie AG.

FILMPIONIERE

Sascha Kolowrat
1927 besetzte Kolowrat die Hauptrollen in Café Elektrik mit den vielversprechenden Jungschauspielern Willi Forst und Marlene Dietrich. Beide sollten zu großen Filmstars werden. Einmal mehr zeigte sich Sascha Kolowrats untrügerisches Gespür für junge Talente.
Kolowrat hinterließ ca. 150 Kurz- und Langspielfilme, Hunderte von Naturaufnahmen, IndustriefilmeN und Aktualitäten.
Für Sascha-Film arbeiteten Künstler wie Fern Andra, Raoul Aslan, Armin Berg, Maria Corda, Lily Damita, Marlene Dietrich, Lucy Doraine, Heinrich Eisenbach, Alphons Fryland, Fritz Kortner, Willi Forst, Karl Farkas, Alexander Girardi, Mary Kid, Ernst und Hubert Marischka, Joe May, Hans Moser, Nita Naldi,  Anny Ondra, Ossi Oswalda, Paul Richter, Magda Sonja, Igo Sym, Otto Treßler, Michael Varkonyi, Richard Waldemar und Gisela Werbezirk. Auch Schlüsselfiguren der österreichischen Filmgeschichte, darunter Artur Berger, Karl von Borsody, Fritz Freissler, Karl Hartl, Karl Freund, Michael Kertész, Alexander Korda, Walter Reisch, Hans Theyer, Gustav Ucicky und Conrad und Robert Wiene waren an seinen Produktionen beteiligt.
Erst nach dem Tod Kolowrats 1927 und dem Aufkommen des Tonfilms war die Erfolgsgeschichte der Sascha-Film zu Ende.

Sodom und Gomorrha- der erste österreichische Monumentalfilm
Der erste Film, der von Sascha-Film in den Studios am Laaer Berg gedreht wurde, war der Monumentalfilm Sodom und Gomorrha. 3000 Statisten wurden engagiert, viele Arbeitslose konnten sich vorübergehend über einen „Job“ freuen. Die Regie übernahm Regisseur Michael Kertész. Chefkameramann war Gustav Ucicky, der uneheliche Sohn Gustav Klimts. In den Hauptrollen spielten Lucy Doraine (Kertész´ Frau) und Walter Slezak, der sein Schauspieldebut gab. Unter den Komparsen befanden sich Schauspieler, die noch unbekannt waren, aber eine große Schauspielkarriere vor sich hatten: Paula Wessely, Willy Forst und Hans Thimig.
Da in Sodom und Gomorrha riesige heidnische Tempel und Statuen zum Einsturz gebracht werden sollten, wurde ein berühmter Filmarchitekt und Szenenbildner aus Berlin engagiert: Julius von Borsody. Er setzte eine spezielle Sprengtechnik ein. Auch für den Feuerregen, sowie Schwefel- und Ascheregen durch den die Komparsen „um ihr Leben laufen“ mussten, war er verantwortlich. Leider kam es während der Dreharbeiten bei den Sprengungen aber tatsächlich zu lebensgefährlichen Situationen: Bei dem „Untergang von Sodom und Gomorrha“, als die Kulissenstadt weggesprengt werden sollte, wurden einige Statisten schwerverletzt, einige kamen sogar zu Tode.
Sodom und Gomorrha wurde zum Welterfolg, sogar in den USA war der Film ein Kassenschlager!

Österreichs FilmpionierInnen Anton und Luise Kolm und Jakob Fleck
Die FilmemacherInnen Anton Kolm, Jakob Fleck und Luise Veltée/Kolm/Fleck waren die wahren Pioniere des österreichischen Films. Unter mühsamen Bedingungen, in der Zeit des Ersten Weltkrieges wurde von den FilmpionInnen Kolm, Fleck und Velté die ersten österreichischen Filme produziert. Während z. B in Frankreich, den USA, Italien, England, Spanien und Schweden die Filmproduktionen schon Ende des 19. Jahrhunderts einsetzten, geschah dies in Österreich erst 1906. Besonders schwierig war es sich gegen das Monopol der französischen Filmproduzenten in Wien durchzusetzen. Ab 1912 hieß die Kolm’sche Produktionsfirma Wiener Kunstfilm-Gesellschaft. Mit Anlehnung an den französischen Kunstfilm sollten österreichische Spielfilme mit Niveau produziert werden. Während Anton sich als Direktor den geschäftlichen Aufgaben widmete, führte Jakob Fleck gemeinsam mit Louise Kolm die Regiearbeit. Er war auch Kameramann und somit der künstlerisch-technische Leiter. Nach dem Tod Anton Kolms, der an Krebs erkrankt war, heiratete Louise Kolm Anton Fleck.

Vita-Film
Die Vita-Film wurde 1919 von Anton und Luise Kolm gegründet und war die Nachfolgefirma der Wiener Kunstfilm-Industrie.
1923 errichtete die Vita Film die Rosenhügel-Filmstudios. Dort wurde 1922 der Monumentalfilm Samson und Delila produziert, die Kosten beliefen sich auf 12 Millionen Kronen. Im Gegensatz zur Sascha-Film, die das US-Kino zum Vorbild hatte, orientierte sich die Vita-Film an französischen und belgischen Vorbildern. So wurden auch Filme mit französischen Regisseuren produziert:

1923 Die sterbende Sonne, Regie: Germaine Dulac
Das Haus im Walde, Regie: Jean Legrand
Horoga, Regie: Severin Mars
Die Insel ohne Liebe, Regie: M. Liabel
Clown aus Liebe, Regie: Edouard-Emile Violet

1924 wurde Das Bildnis gedreht. Der belgische Regisseur Jacques Feyder, war einer der frühen Realisten. Das Drehbuch stammte von dem bekannten Schriftsteller Jules Romains. Dieser Film war die letzte Produktion der Vita-Film. Die Vita-Film ging pleite, wie die meisten anderen Filmproduktionsgesellschaften aufgrund der Konkurrenz preisgünstiger, aber hochwertiger US-Produktionen, die den Markt bereites überschwemmt hatten.

Die Rosenhügel-Studios der Vita-Film

Zeichnung der Vita-Film-Ateliers (Foto: via Wikimedia Commons)

Zwischen 1919 und 1923 entstand am Rosenhügel im Süden Wiens die damals größten und modernsten Filmstudios Österreichs. Schon vor der Entstehung der Studios wurden hier 1922 Dreharbeiten zu dem Monumentalfilm Samson und Delila durchgeführt, ein Film dessen Produktion 12 Millionen Kronen verschlang.
Die Fläche der Rosenhügelstudios betrug 25.000 Quadratmeter. Das größte Atelier war 90 Meter lang, 40 Meter breit und 70 Meter hoch und verfügte über ein Wasserbecken.  Für Außenaufnahmen stand ein 8000 Quadratmeter großes Podium bereit mit einer drehbaren Bühne mit 25 Metern Durchmesser. Dieses war notwendig, um das Set nach der Sonne auszurichten.

Filme, die in den 20ern am Rosenhügel produziert wurden, waren:
1921 Der tote Hochzeitsgast, Regie: Max Neufeld
1922 Samson und Delila, Regie: Alexander Korda
1923 Hoffmanns Erzählungen, Regie: Max Neufeld
1924 Hotel Potemkin, Regie: Max Neufeld
1925 Das Bildnis, Regie: Jacques Feyder, letzte Vita-Film-Produktion am Rosenhügel

Nachdem die Vita-Film 1924 in Konkurs gegangen war, standen die Studios bis 1933 leer.

SODOM UND GOMORRHA  (Österreich: 1922)
Untertitel: Die Legende von Sünde und Strafe
Teil 1: Die Sünde, Teil 2: Die Strafe
Produktion: Sascha-Filmindustrie AG, Wien
Produzent: Alexander Kolowrat
Verleih (Österreich): Vereinigte österreichische Filmleihanstalten G.m.b.H.
Regie: Michael Kertész
Drehbuch: Michael Kertész, Ladislaus Vajda
Kamera: Gustav Ucicky
Musik: Giuseppe Becce
Bauten: Julius v. Borsody (Chefarchitekt), Hans Rouc, Stephan Wessely
Besetzung:
Lucy Doraine (Miss Mary Conway, Sarah – das Weib des Lot, Lia – die Königin von Syrien)
Walter Slezak (Mr. Eduard Harber, Sohn von Jackson Harber, Student am Cambridge Lyzeum, ein Goldschmied von Galiläa), Filmdebüt
Erika Wagner (Mrs. Agatha Conway, Mutter von Mary)
Kurt Ehrle (Harry Lighton – Bildhauer, Lot)
Paul Askonas, Julius Szöreghy, Franz Herterich und mehr als 3000 Komparsen (unter ihnen Willi Forst, Paula Wessely, Hans Thimig, Béla Balázs)
Drehort: Wien (Sascha-Filmstadt am Laaerberg, Innenstadt, Schönbrunn, Hermesvilla), Laxenburg bei Wien, Steiermark (Erzberg)
Herstellungsjahr: 1921/22
Uraufführung: 13. Oktober 1922 (Teil 1: Die Sünde). 20. Oktober 1922 (Teil 2: Die Strafe), Wien

Der zweiteilige Film wurde in einen einteiligen umgearbeitet und ist am 11. Mai 1923 herausgekommen.
Zensur: Schulverbot

Die Dreharbeiten zu diesem Monumentalfilm dauerten ein Jahr. Der „Tempel der Astarte“ war einer der größten Filmbauten aller Zeiten.

Handlungsebene 1: Die schöne junge Mary Conway soll den reichen und skrupellosen, wesentlich älteren Börsenmagnaten Harber heiraten und ihren Geliebten, den Bildhauer Harry verlassen. Ihre geld- und luxusgierige Mutter rät ihr dazu. Als Mary dies Harry ohne Umschweife mitteilt, versucht dieser, sich umzubringen. Mary’s Reaktion darauf sind wilde Flirtanfälle mit dem eben aus dem Internat zurückgekehrten Eduard, dem Sohn Harbers. Dessen Erzieher, ein Priester, möchte den jungen Mann vor der liederlichen Mary beschützen und beginnt, eine Gleichnis zu erzählen:
Handlungsebene 2: (spielt im alten Orient): Die Königin von Syrien (Mary) knechtet ihre Untertanen. Ein junger Goldschmied (Eduard) verehrt sie und verteidigt sie sogar, als sie einen Aufstand seiner Klasse brutal niederschlägt. Daraufhin verurteilt sie den jungen Goldschmied aus einer Laune heraus zum Tode.
Handlungsebene 1: Mary lernt nichts aus dem Gleichnis. Sie verabredet sich für den Abend sowohl mit Eduard, als auch mit seinem Vater im Gartenpavillon. Mary, die als erste dort eintrifft, legt sich auf einen Diwan, schläft ein und beginnt zu träumen.
Sie träumt, dass Eduard und Mr. Harber im Pavillon aufeinandertreffen und eine Rauferei beginnen, bei der der Vater zu Tode kommt. Daraufhin wird Mary wegen Anstiftung zum Mord eingesperrt. Im Gefängnis sitzend und auf ihre Hinrichtung wartend erscheint der Priester bei ihr und erzählt wieder ein Gleichnis.
Handlungsebene 3:  Sarah (Mary), die Frau des Lot (Harry) verehrt die heidnische Göttin Astarte (Gigantische Kultzeremonien werden inszeniert). Da steigt der Engel des Herrn (Priester) herab und möchte, dass diesem Treiben Einhalt geboten wird, doch niemand hört auf ihn. Daraufhin schickt er Feuer und Schwefel, um das Böse zu vernichten, Sodom wird zerstört. Der gläubige Lot bittet um Gnade für seine Frau und so werden die beiden verschont. Allerdings ist ihre Rettung an eine Bedingung geknüpft: auf dem Weg aus der Stadt darf sich Sarah nicht umdrehen. Sie tut es dennoch und erstarrt zu einer Salzfigur. Auch Mary ist verloren und wird zur Hinrichtung geführt.
Handlungsebene 1: Nun wacht Mary im Pavillon wieder auf. Sie hat sich durch den Traum gewandelt und erkennt nun, wie selbstsüchtig und gemein sie war. Unverzüglich fährt sie zu Harry ins Krankenhaus, um ihm Lebensmut zu geben.

Der Erfolg von Sodom und Gomorrha ist weniger auf die Handlung zurückzuführen, als vielmehr auf die opulente Inszenierung der Gleichnis-Szenen.

Quellen:
Markus Nepf: Die ersten Filmpioniere in Österreich. Die Aufbauarbeit von Anton Kolm, Louise Veltée/Kolm/Fleck und Jakob Fleck bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs. In: Elektrische Schatten. Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte. Wien: Filmarchiv Austria, 1999
Günter Krenn: Der bewegte Mensch-Sascha Kolowrat. In: Elektrische Schatten. Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte. Wien: Filmarchiv Austria, 1999
Elisabeth Büttner-Christian Dewald: Michael Kertész. Filmarbeit in Österreich bzw. bei der Sascha- Filmindustrie A.-G., Wien, 1919-1926.In: Elektrische Schatten. Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte. Wien: Filmarchiv Austria, 1999

Radio Wien

Die Radiosendung am 1. Oktober wurde vom Sprecher folgendermaßen eingeleitet: „Hallo, hallo, hier Radio Wien. Mit dem heutigen Tag beginnen wir den Broadcasting Dienst .“

Die ersten Worte, die sich über den Äther verbreiteten stammten natürlich von Politikern: Bundeskanzler Ignaz Seipel sandte eine Botschaft an den Völkerbund, der Wiener Bürgermeister Karl Seitz ließ Lord Mayor in London schön grüßen. Es folgten Ansprachen von dem Handelsminister, dem Generaldirektor für das Post- und Telegraphenwesen und dem Außenminister, zum Abschluss sprach der erste Präsident der RAVAG.

Und dann endlich: Musik! Staatsopernsängerin Rosette Anday trug einige Arien vor, der Geigenvirtuose Váša Příhoda spielte Franz Schuberts „Ave Maria“ und Burgtheaterschauspieler Georg Reimers trug die Gedichte „Glück“ und „Das Veilchen“ vor.
Um 21 Uhr verabschiedete sich der Sprecher mit den Worten „Die Sendestation Wien macht für heute Schluß. Auf Wiederhören morgen um acht Uhr abends“.

Was die Ravag 1924 sendete:
11.000 Empfänger hatten Empfangslizenzen.
Die Sendezeit betrug pro Monat 113 Stunden.
Folgendes stand auf dem Programm:
52 Stunden leichte Musik
36 Stunden ernste Musik
6 Stunden Oper
2 Stunden Märchen
17 Stunden Verlautbarungen und Sonstiges

Quellen:
Kleindel: Österreich. Daten. Zahlen. Fakten. Salzburg: Andreas& Müller, 2007
Hugo Portisch: Österreich I

Al Capone: Vorbild für ein neues Filmgenre

Amerikas Vorliebe für Gangster begründete ein neues Genre: den Gangsterfilm. Das förderte die mythische Verehrung eines Gangsters als Antihelden. Eines Helden, der sich wie Al Capone kleidete: in zweireihigen Anzüge, mit großen Filzhüten, glänzenden Schuhen und auffallendem Schmuck. Das war bedenklich: Die Regierung sah sich veranlasst, Richtlinien im Hinblick auf die moralisch akzeptable Darstellung von Kriminalität herauszugeben. So entstand 1930 der sogenannte Hays Code. Nicht der Gangster durfte der Held oder Antiheld sein, sondern der „G-Man“ der FBI-Agent, der ihn zur Strecke brachte.

Aufstieg und Fall eines Mafiabosses mit Hilfe der Medien
Er war besonders begabt im Umgang mit den Medien und nutze sie als Image- und Werbeplattform. Al Capone verdiente Millionen mit illegalen Geschäften und baute sich ein Image als moderner Robin Hood auf. Er spendete Geld für wohltätige Zwecke und half Menschen in Not. Er öffnete Suppenküchen für die hungrigen Armen und kümmerte sich um die Arbeiter. Auf seinem Höhepunkt verdiente Capone 100 Millionen Dollar pro Jahr. Mitte der 20er kontrollierte er Chicago und wurde zur lebenden Legende. Al Capone trug maßgeschneiderte, zweireihige Anzüge in irrwitzigen Farben, er wollte auffallen. Sein Fedora, ein weißer Filzhut fiel besonders auf in der Öffentlichkeit.  Plötzlich trugen viele die gleichen Hüte, sodass die Polizei in den 20er und 30er Jahren Menschen mit weißen Hüten sogar aufhielt und kontrollierte. Der Fedora war für Capone ein starkes Symbol für Stärke, Männlichkeit und Cleverness.

Doch Capone wurde ab Ende der 20er leichtsinnig, sein Ego geriet außer Kontrolle. Sein verschwenderisches Geldausgeben, das in den Zwanzigern in den USA noch glamourös gewirkt haben mochte, erweckte in der Zeit der Wirtschaftskrise einen ganz anderen Eindruck. 12 Dollar für seidene Unterwäsche zu bezahlen, kam nicht mehr so gut an. Eine Familie, die von der Fürsorge lebte, konnte einen Monat lang von dem zehren, was Capone für Socken ausgab.

Am 14. Februar 1929 ereignete sich das so genannte „Valentinstags-Massaker“. Sieben Mafiosi wurden in Chicago erschossen, man schrieb die Bluttat Al Capone zu. Die Männer wurden in einer Garage an die Wand gestellt und brutal niedergeschossen. Grausame Bilder davon kamen in Umlauf und obwohl unklar war, ob Al Capone der Auftraggeber war, hatte er einen irreparablen Imageschaden. Nicht einmal auf den berühmten Bürgerkriegsbildern des Photographen Mathew Brady hatten die Amerikaner so viel Blut gesehen! Das war der Todesstoß für Capones Karriere: Chicagos Geschäftsmänner wollten ihn loswerden, weil sich niemand mehr in Chicago ansiedelte. Capone wurde zum Staatsfeind Nummer 1.

In den 20er Jahren war Capone nie angeklagt worden, weil er mächtiger war als das Gesetz. Aber US-Präsident Herbert Hoover, der seit 1929 an der Macht war, setzte sich die Verbrechensbekämpfung zum höchsten Ziel und jagte Capone mit öffentlichen Mitteln. Obwohl jeder wusste, dass sich Al Capone sein Imperium mit Alkoholschmuggel, organisierter Kriminalität, Glücksspielen, Prostitution und Mord aufgebaut hatte, konnte er mangels Beweise nicht dafür belangt werden. Die Einkommenssteuer war erst kurz vor dem ersten Weltkrieg in den USA eingeführt worden und wurde bis dato nicht sehr streng kontrolliert, so dass manche Leute darauf vergaßen, sie anzugeben oder zu bezahlen. So auch Al Capone. Der Steuerbeamte Frank Wilson fand in Form eines Kundenbuchs über Glücksspieleinnahmen einen Beweis dafür, dass Capone ein Einkommen hatte und keine Steuern bezahlte. Das führte letztendlich zu Al Capones Anklage und Verurteilung im Jahre 1931.

Quelle:
Jodi Flynn; Brent Montgomery; Chip Bolcik; Jonathan Eig; Deirdre Marie Capone; Thomas A Reppetto; Vince Gilligan: Al Capone: Icon. Outpost Entertainment,; Public Broadcasting Service (U.S.),; PBS Distribution, 2014

Fünf Frauen

Josephine Baker (1906–1975), Tänzerin
Josephine Baker war eine US-amerikanische Varieté-Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin. Als Chorus-Girl in New York von einem deutschen Talentsucher entdeckt, wurde sie von ihm nach Paris und Berlin vermittelt, wo ihre Weltkarriere begann. 1925 hatte sie im Pariser Théâtre des Champs-Elysées  mit La Revue Nègre Premiere. So eroberte sie im Sturm das Pariser Publikum, dem zum ersten Mal der Charleston präsentiert wurde. Auftritte in Brüssel und Berlin folgten. 1926 und 1927 war sie bereits der Star des Varieté Folies Bergère in Paris. 1926 trat sie zum ersten Mal in Berlin auf.

„Ihr Popo, mit Respekt zu vermelden, ist ein schokoladener Grieß-Flammerie an Beweglichkeit“, schrieb 1926 die Kulturzeitschrift „Der Querschnitt“.

Josephine Baker konnte ihren Po so meisterhaft in Bewegung setzen, dass den Zusehern der Atem stockte. Über Nacht wurde sie zum ersten schwarzen Superstar. Auf der Bühne meist nur mit einem Mullschurz oder Federn bedeckt, galt sie als die nackte Wilde und bediente die Sucht der Zuseher nach Ekstase. Sie wurde zum größten Sexsymbol der Zeit und lebte ihre eigene Sexualität ungezügelt aus, mit Männern und Frauen.

„Dieser Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit“, urteilte der französische Schriftsteller Pierre de Régnier.
Und der deutschnationale Journalist Adolf Stein mokierte sich über „dieses ganze Höllengelichter aus dem Urwald“: „Die Füße trillern wie verrückt. Der Bauch zuckt im Vierundsechzigsteltempo und schnappt nach den Hüften. Der federgeschmückte Steiß hat sich selbständig gemacht und rotiert rasend wie Feuerwerk“.

Rasenden Applaus erntete die Tänzerin besonders nach dem Pas de deux mit ihrem Tanzpartner Joe Alex dem „wilden Tanz“ (Danse Sauvage), in dem sie zu Trommelklängen einen hocherotischen Tanz vorführten. Auffällig oft wurde Josephine Baker von Journalisten mit Tieren verglichen, ob Schlange, Giraffe, Känguru, Ente oder Kolibri, immer wurde sie mit dem Animalischen und Exotischen assoziiert. Sie schien an die Sehnsüchte der europäischen Männer nach Sex und Zügellosigkeit, nach Urwald und wilder Sinnlichkeit zu appellieren.
Während Josephine Baker in den USA unter Rassenvorurteilen zu leiden hatte, wurde sie in Frankreich zur erfolgreichsten US-amerikanischen Unterhalterin. Josephine Baker machte moderne Jazztänze populär. Ihr Bananenröckchen bestehend aus 16 goldenen Bananen aus Plüsch, das sie in Revuen von Luis Kenarchand trug, wurde weltberühmt. Josephine Baker erhielt wegen ihrer aufsehenerregenden Kostüme Auftrittsverbote in Wien, Prag, Budapest und München. Umso interessanter und populärer wurde sie.
Ihre große Europatournee Ende der 20er Jahre wurde leider von überwiegend rassistischen Protesten überschattet. Zur „Buße für schwere Vorstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker“ wurden in der Wiener Paulanerkirche drei Tage lang Sondergottesdienste abgehalten. Durch Demonstrationen in Wien, Stinkbomben in Budapest und Knallkörper in Zagreb äußerten aufgebrachte Moralapostel ihren Unmut.

Maria Lazar (1895–1948), Pseudonym Esther Grenen, Schriftstellerin, Übersetzerin, Journalistin
„Ruth wußte nicht, daß Mutters Leben nur Enttäuschung war, die nie eingestanden werden durfte. Und daß Mutter so grenzenlos arm war, weil sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen.“ (Die Vergiftung)

Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Nägel durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und nimmer herunterfallen. So hing er in allen Kirchen, und die Menschen beteten um schönes Wetter und Glück bei ihren Geschäften. Ach, wie arm war er. Für alle hatte er sterben müssen, und keiner liebte ihn.“  (Die Vergiftung)

Maria Lazar stammte aus einer jüdischen, zum Katholizismus konvertierten großbürgerlichen Familie. Ihr literarisches Werk ist geprägt von ihrer kritischen Haltung gegenüber der bürgerlichen Lebenswelt. Ihre prominenteste Charaktereigenschaft war ein unbezähmbarer Drang nach absoluter persönlicher Freiheit. Verlogenheit und konventionelle Lüge waren ihr zutiefst zuwider.
Maria Lazar besuchte ein modernes Wiener Mädchengymnasium, die vergleichsweise fortschrittliche Schule der Genia Schwarzwald, die die Schülerinnen z.B. mit dem Werk Arnold Schönbergs und den Grundlagen der Psychoanalyse vertraut machte. An dieser Schule unterrichteten u. a. Oskar Kokoschka und Alfred Loos. Im Salon der Schwarzwalds traf sie Schriftsteller wie Elias Canetti, Egon Friedell und Robert Musil.
Als sie 16 Jahre alt war, fertigte Oskar Kokoschka ein Portrait von Maria Lazar an, das berühmte Bild Dame mit Papagei. Ganz gegen die Modelyrik der Zeit, die hauptsächlich aus patriotischem Schwulst und blutrünstigen Kriegsgedichten bestand, verfasste sie Antikriegsgedichte und formschöne und schnörkellose Verse.
Mit 20 schrieb sie ihren ersten Roman, der Anfang 1920 bei einem Verlag erschien, der sich besonders um junge österreichische Autoren expressionistischer Literatur bemühte. Ihr Roman „Die Vergiftung“ ist zweifellos von einer expressionistischen Sprache geprägt.
Maria Lazar arbeitete in den 20er Jahren als Schriftstellerin und Journalistin in Wien. Heute ist sie weitgehend vergessen und hat nie den Platz in der Literaturgeschichte erhalten, der ihr für die Qualität ihrer Arbeiten zustehen würde. An der Kritik ihrer zeitgenössischen Schriftsteller kann man ablesen, wie stark die Voreingenommenheit gegenüber weiblichen Autoren war.
Maria Lazar übertrug als erste F. Scott Fitzgeralds 1925 erschienen weltberühmten Roman „The Great Gatsby“ ins Deutsche. Ihre Übersetzung wurde 1928 in Berlin herausgegeben.

Johanna Margarete Feigl-Zellner (1900–1994), Bildende Künstlerin, Karikaturistin
Johanna Margarete Feigl- Zellner war eine der ersten Studentinnen, die an der Wiener Akademie der bildenden Künste studieren durfte, Frauen stand die Akademie nämlich erst ab 1920 für das Studium offen. Sie war Mitarbeiterin der Satirezeitschrift „Die Muskete“, die es bereits in der Monarchie, seit 1905, gab. Die Muskete erschien wöchentlich bis 1927, Margarete Feigl-Zellner fertigte treffsichere und ironische Zeichnungen an, die frei von jeder gefälligen Manier vor allem die bürgerlich-volkstümlichen Typen der Nachkriegszeit karikierten. Vorerst in Offizierskreisen geschätzt, wurde sie in der 20er Jahren von einem wesentlich breiteren Publikum gelesen.

Luise Fleck (geb. Veltée, 1873–1950), Regisseurin, Produzentin
Luise Fleck war Tochter des Feuerwerkers und Gründers des Wiener Stadtpanoptikum Louis Veltée und der aus Lyon stammenden Adeligen Nina Veltée. Bereits im Kindesalter wurde Luise in den väterlichen Betrieb eingebunden und arbeitete an der Kasse des Stadtpanoptikums.
Luise Fleck heiratete den Wiener Fotografen Anton Kolm. Gemeinsam mit ihm sowie dem Kameramann und Regisseur Jakob Fleck gründete sie 1910 die Erste österreichische Kinofilm-Industrie, wobei das nur durch die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern möglich war. Zunächst fertigt die Filmgesellschaft kurze Dokumentationen aus Wien und verschiedenen Teilen der Monarchie an. Die große Schwierigkeit dabei bestand darin, dass sie sich gegen die französische Konkurrenz durchsetzen musste, die vor und während des Ersten Weltkriegs den österreichischen Markt beherrschte. Während der Kriegsjahre führte Luise Kolm Regie in pro-Habsburgischen Propagandafilmen. Mit Herz und Hand fürs Vaterland (1915) und Mit Gott für Kaiser und Reich (1916) und Der Doppelselbstmord (1918).

Luise Fleck war die erste österreichische Regisseurin. Während sich Anton Kolm um die finanziellen Belange der Firma kümmerte, war Luise für die kreative und handwerkliche Arbeit zuständig. Sie klebte Filme, fertigte Zwischentitel an, führte Regie und war Produktionsleiterin. Luise Fleck arbeitete intuitiv und hatte ein gutes Gespür für den Publikumsgeschmack der Zeit. Sie war auch für die Inhalte zuständig. Sozialkritische Dramen und die Thematisierung von Klassenkonflikten unterschied ihre Filme von den Standardproduktionen ihrer Zeit. Das bevorzugte Genre der Flecks waren Musikfilme und Filme mit Wien-Bezug.
1919 gründete Luise Kolm mit Anton Kolm die Vita Film, die sich allerdings nur fünf Jahre halten konnte.
In den Jahren 1919 entstanden Literaturverfilmungen: Die Ahnfrau und Lumpazivagabundus
Als Anton Kolm 1922 an Krebs verstarb, heiratete Luise ihren langjährigen Partner und Co-Regisseur Jakob Fleck. Zu diesem Zeitpunkt hatte Luise Kolm als Regisseurin oder Co-Regisseurin schon über 45 Filme gedreht. Jakob und Luise Fleck waren in den 20er Jahren als „Regieehepaar“ bekannt. 1926 zogen sie nach Berlin und arbeiteten für verschiedene Produktionsgesellschaften, auch für die Ufa. Sie drehten in Berlin 30–40 Filme. Bis 1933 lebten die Flecks mit ihrem Sohn Walter in Berlin.

Filmografie der 20 Jahre:
1919/20: Lasset die Kleinen zu mir kommen (Produktion), Durch Wahrheit zu Narren (Regie, Produktion), Der tanzende Tod (Regie, Produktion), Freut euch des Lebens (Regie, Produktion)
1920: Großstadtgift (Regie), Der Fluch der Vererbung (Produktion), Verschneit (Regie, Produktion), Doktor Ruhland (Produktion), Wildfeuer (Produktion), Der Leiermann (Regie, Produktion), Winterstürme (Produktion), Eva, die Sünde (Regie, Drehbuch, Produktion)
1921: Revanche (Regie)
1921/22: Olga Frohgemut (Regie, Produktion)
1923: Frühlingserwachen (Regie)
1924: Die Tochter der Frau Lasarc (Regie)
1926: Der Meineidbauer (Regie)
1926: Der Pfarrer von Kirchfeld (Regie)
1926/27: Liebelei (Regie)
1927: Der Bettelstudent (Regie), Ein Mädel aus dem Volke (Regie), Das Fürstenkind (Regie), Der Orlow (Regie), Der fröhliche Weinberg (Regie)
1927/28: Die Geliebte seiner Hoheit (Regie)
1928: Der Zarewitsch (Regie), Die kleine Sklavin (Regie), Die lustigen Vagabunden (Regie), Die Yacht der sieben Sünden (Regie), Die schönste Frau von Paris (Regie)
1929: Das Recht auf Liebe (Regie), Der Leutnant ihrer Majestät (Regie), Mädchen am Kreuz (Regie)
1929/30: Der Fleck auf der Ehr´(Regie), Die Warschauer Zitadelle (Regie)

Lise Meitner (1878–1968), Kernphysikerin
Die gebürtige Wienerin war eine bedeutende österreichischen Kernphysikerin. Sie studierte Physik, Mathematik und Philosophie auf der Universität Wien, ihr wichtigster Lehrer war Ludwig Boltzmann. Schon früh beschäftigte sie sich mit Fragen der Radioaktivität. Eine Bewerbung bei Marie Curie in Paris blieb erfolglos. Nach ihrer Promotion arbeitete sie am Institut für Theoretische Physik in Wien, um dann zur weiteren Ausbildung nach Berlin zu gehen. Dort traf sie den Chemiker Otto Hahn. Mit ihm sollte sie die nächsten 30 Jahre zusammenarbeiten. Zunächst musste sie ihren Arbeitsplatz auf der Friedrich-Wilhelms-Universität durch den Hintereingang betreten, weil Frauen erst ab 1909 auf preußischen Universitäten studieren durften. Die Vorlesungs- und Experimentierräume waren für sie bis zu diesem Jahr tabu.
Nachdem Otto Hahn im selben Jahr den radioaktiven Rückstoß entdeckt hatte, fand er in der Folge gemeinsam mit Lise Meitner verschiedene radioaktive Nuklide. Von da an war Lise Meitner keine Unbekannte mehr und lernte auch Albert Einstein und Marie Curie kennen. In der 1910er Jahren war sie (inoffizielle) Assistentin bei Max Planck. 1922 habilitierte Lise Meitner und arbeitete als Dozentin. 1926 wurde sie außerordentliche Professorin für experimentelle Kernphysik an der Berliner Universität und war somit die erste weibliche Professorin für Physik.
Lise Meitner definierte die Eigenschaften der Gamma- und Beta-Strahlen, prägte den Ausdruck „Kernspaltung“ und führte ihn in die Atomphysik ein. Gemeinsam mit Otto Hahn, Gustav Hertz, James Frank, Fritz Haber und Albert Einstein gehört sie der internationalen Spitzenliga der PhysikerInnen und ChemikerInnen an. Das in den 20er Jahren noch weitgehend unerforschte Gebiet der Atomphysik hatte die höchste Anziehungskraft auf die WissenschafterInnen der Zeit.

Quellen:
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Die goldenen Zwanziger. Schein und Sein – Erläuterungen eines Zeitalters
Wikipedia, Varieté
Katja Iken, Josephine Baker in Berlin, Spiegel online vom 13.01.2016
Filmportal, Luise Fleck, zitiert aus Gabriele Hansch/Gerlinde Waz: Filmpionierinnen in Deutschland. Ein Beitrag zur Filmgeschichte. Berlin 1998 (unveröff.)

Mode

Schuhmode
Auch die Schuhmode brachte viel Neues mit sich. Dadurch, dass die Kleider kürzer wurden, fielen die Schuhe auf besondere Weise auf. Hohe Absätze und Riemchen zierten Schuhe aus Materialien wie Schlangen- oder Krokodilleder sowie Samt und Satin. Straß, Perlen sowie Gold- und Siberapplikationen rückten die neuen Modell in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Zu Abendkleidern, die übrigens wiederum durchaus feminin waren, trugen die Damen gerne Sandalen mit hohen Absätzen. Auch Pumps mit T-förmigen Riemchen, Spangenpumps oder Pumps mit Knöchelriemen hatten hohe Absätze. Zehenfreie Sandalen kamen auf und rot- und orangefarbene Nägel machten die Zehen zu einem besonderen Blickfang.
Außerdem erfreuten sich funktionale und bequeme Schuhe wie Schnürschuhe mit soliden Absätzen und Oxford- Halbschuhe mit mittelhohen großer Beliebtheit. Ab Mitte der 20er waren Pumps mit hohem Schaft und Stiefeletten zum Knöpfen oder Schnüren in Mode.

Das Makeup
In den frühen 20er Jahren verwendeten die Damen zur Mattierung des Gesichts meist creme- oder elfenbeinfarbene Gesichtspuder. Ab der Mitte der 20er griff man auf Töne zurück, die eher dem Naturfarbton entsprachen oder nur eine Spur heller waren. Das Wagenrouge war zunächst rosé oder himbeerfarben, später aber auch orange.
Die Lippen schminkte man dunkelrot, rotbraun, pflaume und orange, gegen Ende der 20er auch rosé, himbeerfarben und mittelrot. Dabei wurden die Lippen folgendermaßen übermalt:  in der Breite etwas verschmälert, dafür aber überhöht, sozusagen wie ein Kussmund geformt.
Beim Augenmakeup dominierten dunkle Farbtöne. Das ganze Auge wurde mit einem schwarzen Stift umrandet und die Ränder leicht verwischt. Der Lidschatten war dunkelgrau, türkis oder grün. Die Wimpern wurden schwarz getuscht. Die Augenbraunen waren dünn und nach unten gezogen, man verwendete dafür einen dunklen Augenstift.
Die Fingernägel wurden nur in der Mitte lackiert, der Halbmond und die Nagelspitzen blieben unlackiert.

Kindermode
Die Kleider der Mädchen wurden ebenfalls kürzer. Sie waren knielang gefertigt und aus zartem Stoff. Die Farbe Weiß war überall zu sehen, ebenso wurden auch Stoffe mit Blumen verarbeitet. Mädchen zogen statt der schwarzen Strümpfe nun weiße Socken oder Strümpfe an. Die Buben trugen lange Hosen, deren Stoff ebenfalls nicht mehr so schwer und dunkel war wie in den Anfängen des Jahrhunderts. Aus den Matrosen ähnlichen Jacken wurden schicke Blazer und Jacketts in meist hellen, freundlichen Farben.

Strickmode
In den 20er Jahren wurde das Stricken neu entdeckt. Man trug gerne Pullover mit V-Ausschnitt oder Rollkragen, einfarbig oder gemustert. Gestrickte Kleidung hat einerseits den Vorteil, dass sie nicht gebügelt werden muss, anderseits kann man die Kleidungsstücke, wenn sie nicht mehr passen oder fehlerhaft sind, auftrennen und die Wolle neu verwenden.
Wer sich oder seinen Kindern keinen teuren Mantel kaufen konnte, strickte der Tochter eine Weste oder einen Pullover und dem Sohn eine Jacke. Notfalls konnte man auch mehrere Strickjacken oder Pullover übereinander tragen.

Bademode
Die Bademode der 20er Jahre erregte vielfach die Gemüter. Zunächst löste das moderne Badetrikot die umständlichen, dunklen Badekleider der Monarchie ab. Der Schnitt wurde recht verwegen, die Damen zeigten wie die Herren ihre Knie. Zudem wurden die Badeanzüge heller und bunter. Ab 1928 kamen in den Vereinigten Staaten die ersten zweiteiligen Badeanzüge auf.
Erstmals traten sehr knappe Badehosen für Männer auf, sogenannte Dreiecksbadehosen, die vielfach als skandalös betrachtet wurden. Ältere und konservativere Herren bevorzugten Herrenbadeanzüge.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is´ heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006
Mode der 20er Jahre. Mode, Styles und Trends: Die Mode der 1920er Jahre
Wikipedia: Goldene Zwanziger
Was War Wann. Geschichte von 0000 bis gestern: Die Mode der 20er Jahre Kleidchen – Hängekleidchen passend zum Charleston
Wikipedia: Badebekleidung
Makeup Museum
Glamour Daze: The History of 1920s Makeup

Die Welt des Kindes

Die Bekleidung der Arbeiterkinder
Kinder von Arbeitern oder Arbeitslosen waren sehr einfach gekleidet, Kindermode war nur für besser Verdienende erschwinglich. Die Babies wurden in Wickeltücher eingehüllt, leider war es auch durchaus üblich, sie recht eng zu „wickeln“, so, dass sie kaum Bewegungsfreiheit hatten. Kleinkinder trugen eine Art Kittel, den die Mütter meist aus ihren alten Röcken selbst nähten. Diese Kittel wurden sowohl von Mädchen als auch von Buben getragen und an die jüngeren Geschwister weitergegeben. Je älter der Kittel wurde, desto mehr Flicken bekam er. Buben erhielten ihre erste kurze Hose oft erst, wenn sie in die Schule kamen.
Unter den Kitteln und Röcken trugen Kleinkinder, zumindest im Sommer, meist keine Unterwäsche. So sparte man sich einerseits das Waschen, andererseits gewöhnten sich die Kinder so schneller daran, die Toilette, den so genannten „Abort“ zu benutzen.
Sonntags oder zu besonderen Anlässen, wie z.B. bei einem Termin beim Fotografen, zogen Mädchen ihr Sonntagskleid an, während Buben den „zeitlosen“ Matrosenanzug trugen.

Unterhosen trugen die Kinder der Arbeiter, aber auch Bauernkinder erst, wenn sie in die Schule kamen. Diese Unterwäsche wurde aus einem groben Stoff namens „Kloth“ genäht. Praktisch waren so genannte „Schnellfeuerhosen“, das waren Kinderhosen mit herunterklappbarem Hinterteil.
Sowohl Mädchen als auch Buben trugen Strümpfe. Das war auch notwendig, denn Kinder hatten keine langen Hosen. Für Mädchen wäre es ohnehin sehr unschicklich gewesen, überhaupt Hosen zu tragen, sie trugen Röcke oder Kleider. Darüber zogen sie noch eine Schürze, um die Kleidung zu schützen. Außerdem man sollte ihnen ansehen, dass sie auch schon „fleißige Hausfrauen“ waren oder werden sollten.  Die Buben trugen kurze Hosen, erst wenn sie älter wurden oder für besondere Anlässe bekamen sie ihre erste lange Hose oder Knickerbocker geschenkt.

Weil Stoffe und Kleidung teuer waren, erhielten viele Kinder ihre Kleidung meist zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt. Wenn man sich gar keine Kleidung leisten konnte, wurde den Kindern entweder von der Gemeinde oder von gemeinnützigen Vereinen Kleider, Schürzen und Hosen zugeteilt. Aber auch den verschiedenen politischen Parteien war es ein besonderes Anliegen, die Ärmsten der Armen mit Kleidung zu versorgen, nicht zuletzt, weil Wohltätigkeit Wählerstimmen bringen konnte.
Sobald die Kinder in die Pubertät kamen, bekamen sie neue Kleidung: Mädchen erhielten ein neues Kleid und Burschen die erste lange Hose oder den ersten Anzug, wenn sie z.B. 15 Jahre alt wurden oder anlässlich ihrer Firmung bzw. Konfirmation.

Schuhe waren die teuersten Kleidungsstücke und wurden, um sie zu schonen, von armen Kindern nur im Winter getragen. In der Volksschule stellte das meist kein Problem dar, aber, wenn die Kinder in die Bürgerschule kamen, mussten sie dort Schuhe tragen. Dennoch zogen die Kinder die Schuhe zumindest auf dem Heimweg aus, um Sohlen zu sparen.
Wenn man geschickt war und Leder bzw. Leinen zur Verfügung hatte, konnte man seinen Kindern die Schuhe selbst anfertigen.

Schule
Vor allem Kinder, die auf dem Land lebten, hatten oft einen Schulweg, der länger als eine halbe Stunde dauerte und selbstverständlich zu Fuß zu bewältigen war. Die Straße war nicht überall gepflastert. Die Kinder mussten im Sommer oft im Staub oder bei Regen im Schlamm gehen und das nicht selten ohne Schuhe. Denn viele Kinder kamen aus armen Familien. Im Winter konnten manche sogar wochenlang nicht in die Schule gehen, weil sie keine Schuhe oder warme Kleidung hatten.
So wurden Schuhe oftmals nur bis April getragen, um sie vor Abnutzung zu schonen. Sogar wenn die Pfützen noch zugefroren waren, gingen Kinder schon barfuß in die Schule. Der Boden in der Schule war meist mit Öl eingelassen. So mussten sich die Kinder abends die schmutzigen und öligen Füße mit kaltem Brunnenwasser und Schmierseife sauber schrubben.
Manchmal blieb die Schule geschlossen, weil es nicht genug Kohle zum Heizen gab. Es wurden dann statt der Zentralheizung einige Öfen aufgestellt und nur wenige Klassen beheizt. Im Winter 1929 war es besonders kalt und die Schule musste, zur Freude der Kinder, für drei Wochen geschlossen werden.

Schulreformen
Der sozialdemokratische Politiker und Pädagoge Otto Glöckel hatte bereits 1917 ein Schul- und Erziehungsreformprogramm entwickelt. Er forderte die Freiheit der Schule, die Trennung von Kirche und Schule, die Einheitsschule, die Förderung aller Begabungen, die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lernmittel. Außerdem erstrebte er eine zeitgemäße Gestaltung der Methodik im Sinne einer kindgemäßen Lebens- und Arbeitsschule und die Überwindung der Bürokratie im Schulwesen. Auch die vorgeschriebene Teilnahme am Religionsunterricht wurde abgeschafft. In den 20er Jahren konnte er immer mehr Reformen durchsetzen, besonders in Wien, wo Glöckel jahrelang Stadtschulratspräsident war. Unter seiner Organisation wurde das gesamte Wiener Pflicht-, Mittel- und Fortbildungsschulwesens neugestaltet.
Bundesweit sah das Reichsvolksschulgesetz nach der Volksschule den Besuch der dreijährigen Bürgerschule vor. 1927 wurde das Haupt- und Mittelschulgesetz erlassen, das die Bürgerschule durch die vierjährige Hauptschule ersetzte. Neben den öffentlichen Schulen gab es Schulen, in denen man Schulgeld bezahlen musste.

Kinderspiele
Schon um 1900 gab es vereinzelt wohltätige Organisationen und Arbeitgeber, die Spielplätze finanzierten, um Krankheit und „antisoziales“ Verhalten in der Arbeiterklasse zu bekämpfen. Doch erst die Sozialpolitik des „Roten Wien“ setzte neue Maßstäbe, die den Schwerpunkt auf die Kinder- und Jugendfürsorge legten. Ab 1919 entstanden Kindergärten, Horte und Kinderspielplätze – oft in den Gemeindebauten, die flächendeckend in allen Wiener Bezirken errichtet wurden.
Da viele Menschen in sehr beengten Verhältnissen in kleinen Wohnungen lebten, spielte sich das Leben ihrer Kinder meist auf der Straße ab. Zwar hatte man auch Gärten, aber das waren für gewöhnlich Nutzgärten, die nicht immer genug Platz zum Spielen ließen. Doch immerhin konnte man in so manchem Garten auf Bäume klettern oder in den Büschen „Versteckerl“ spielen.
In kleineren Gemeinden, Kleinstädten und auf dem Land gab es keine Kinderspielplätze. Die meisten Kinder spielten auf der Straße. Dort entzogen sie sich den kontrollierenden Blicken der Eltern und konnten sich frei fühlen. Und sie liefen nicht Gefahr, für irgendwelche Hausarbeiten eingespannt zu werden. Auf der Straße war es für die Kinder in Mödling in den 20er Jahren noch lange nicht so gefährlich wie heute. Automobile gab es noch sehr wenige,. Der Verkehr beschränkte sich meist auf Lieferfahrzeuge wie den Würstelwagen, den Ankerwagen oder den Bierkutscher. Auch der „Mülliwagen“ war nicht so häufig unterwegs wie die Müllabfuhr heute. Das Wichtigste aber war, dass sie sich die Kinder mit anderen Kindern treffen konnten.

Die gemeinsamen Spiele der Kinder waren je nach Geschlecht, Alter oder Wohngegend, verschieden. Spielsachen konnten sich viele nicht leisten, und so gab es eine große Auswahl an Spielen, für die man keine brauchte, z. B.  „Vater, Vater, leih ma d´Scher“, „Nachrennerl“ (=„Fangerl“), „Versteckerl“, „Tempelhupfen“, „Stoff verkaufen“ oder „Vögel verkaufen“.
Mit Reifen von alten Fahrrädern oder Kinderwägen spielte man „Reifentreiben“. Alte Kinderwägen konnte man zu „Rennwägen“, so genannten „Gicks“ umbauen. Zwei Kinder waren die Pferde und eines war der „Jockey“ und schon fand ein Wettrennen statt! Geschickte Väter bastelten ihren Kindern Tretautos aus Gerümpel und Abfallprodukten.

Einen Fußball hatten die Buben immer zu Verfügung, wenn auch als „Fetzenlaberl“. Aus Stoff- oder Lederresten konnte man sich so schon einen ganz passablen Fußball basteln. Große Bereiche der Städte waren noch nicht verbaut, so gab es statt vieler Häuser große Felder und Wiesen, wo die Kinder Völkerball oder Fußball spielen konnten.
Viele Straßen waren nicht an das Kanalnetz angeschlossen und wenn es regnete, lief das Wasser beiderseits der Straße durch die Straßengräben. Dort konnte man ganz wunderbar  mit dem Waschtrog „Schifferl fahren“.
„Aunipecken“ hieß es, wenn man mit Kugeln spielte. Auch „Kugel scheiben“ sagte man dazu. Meist spielten Buben dieses Spiel, aber auch Mädchen konnten sich beteiligen. Die Kugeln (Murmeln) gab es in verschiedenen Qualitäten und so hatten sie unterschiedlichen Tauschwert. „Lahmbatzn“ hießen die Kugeln aus Ton. Eine metallene Kugel z.B  „kostete“ 50 Tonkugeln,  eine Glaskugel konnte man gegen 25 Tonkugeln tauschen. Die Kugeln wurden in einem alten Strumpf aufbewahrt. Die Spielregeln wurden von den älteren Kindern an die jüngeren weitergegeben.

Zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekamen die Kinder einfache Spielsachen geschenkt wie z.B. Wolferl, Diabolo, Jojo oder Bälle. Das „Wolferl“ oder „Stoßbudl“ war eine Art kleiner Flipper aus Holz.
Kinder des so genannten „Mittelstandes“, deren Väter z. B. Beamte oder Lehrer waren, hatten teurere Spielsachen wie Schaukelpferde, Tretautos oder sogar echte Eislaufschuhe oder eine Rodel. Wer sich keine Eislaufschuhe leisten konnte, verwendete so genannte „Schraubendampfer“. Eislaufen konnte man auf den zugefrorenen Teichen oder Sumpfwiesen.
Aber selbst Kinder, die keine Schuhe hatten, spielten im Schnee, indem sie sich die Füße mit Gamaschen umwickelten. Zu Hause wurden die Füße dann in eiskaltes Wasser gesteckt.
Gerne spielten die Kinder, v. a. die Buben, auch „Räuber und Gendarm“. Oder sie kletterten auf Felsen herum, wie dem Teufelsfelsen am Schwarzen Turm. Das war natürlich nicht ungefährlich, aber da die Kinder gewohnt waren, sich von klein auf im Freien zu bewegen, waren sie schon geübt, sehr geschickt und hatten auch weniger Angst.

Generell wurden Mädchen dazu angehalten, lieber mit den Puppen zu spielen und nicht so wild zu sein und auf Bäume oder Felsen zu klettern wie die Buben.
Für Mädchen gab es Puppen, manche sogar aus echtem Porzellan, andere aus Fetzen, aber auch Puppenwagen und Puppenhäuser.
Kartenspiele wie Quartett und schwarzer Peter sowie Brettspiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ spielten Mädchen und Buben gerne.
Für Kinder, die gerne lasen, gab es eine große Auswahl an Kinderbüchern und Kinderzeitschriften.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien,  2006
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Wien Geschichte Wiki: Spielplätze

Zu hause

Wohnen
Die Mietzinse für die neu umgebauten Arbeiterwohnungen in Mödling betrugen 1925 monatlich 74.000 Kronen (Obergeschoß) und 84.000 Kronen (Erdgeschoß). 1927 waren es monatlich 8 Schilling (Obergeschoß) und 9,50 Schilling (Erdgeschoß).
Für ein Zimmer in Wien musste man 1927 zwischen 40 Schilling (halbdunkles Zimmer mit Fenster zum Gang) und 70 Schilling im Monat bezahlen.

DER HAUSHALT
Waschtag
Für Menschen, die es gewohnt sind, die Wäsche ihren Waschmaschinen anzuvertrauen, ist es kaum vorstellbar wie mühevoll und langwierig das Wäschewaschen früher war. Es war Schwerarbeit für Frauen, denn sie waren für die Wäsche zuständig.
Zunächst wurde am Tag vor dem Waschtag die Wäsche eingeweicht. Dazu musste man zunächst Wasser aus einem Brunnen holen und in einen großen Bottich füllen. Dann Soda bzw. Henko (ein Einweich- und Enthärtungsmittel) dazugeben und einweichen lassen.
Am Waschtag musste man wieder Wasser holen, es in ein großes Gefäß, einen „Häfen“ füllen und auf dem Herd erwärmen.  Dann wurde die eingeweichte Wäsche aus dem Bottich herausgehoben und ausgewunden. Danach musste man die Wäschestücke in den Häfen heben und kochen. Anschließend gab man die gekochte und heiße Wäsche in einen Waschtrog. Dort wurde sie eingeseift und mit Soda oder Schichtseife gebürstet und danach ausgewunden. Dann brauchte man wieder frisches Wasser um die Wäsche mehrmals zu schwemmen und anschließend wieder auszuwinden.
Zum Trocknen wurden im Garten oder Hof Schnüre gespannt, auf die die Wäsche gehängt wurde. Wenn sie getrocknet war, wurde sie abgenommen, gespannt und gebügelt.
So ein Waschtag dauerte mehr als zwölf Stunden und oft mussten die Frauen schon um vier Uhr morgens aufstehen, um genug Zeit zu haben.  Größere Kinder mussten auch mithelfen.
Dennoch gab es ab Ende der Zwanzigerjahre einige Erleichterungen.  In den Gärten wurden so manche Schuppen zu Waschküchen umgebaut, die Waschmittel wurden wirkungsvoller und in immer mehr Wohnungen gab es fließendes Wasser.
Zum Bügeln verwendete man ein Holkohleneisen oder ein Stageleisen. Das Holzkohleneisen war zum Aufklappen und man füllte Holzkohle hinein. Damit die Kohle die richtige Temperatur beibehielt musste man ständig „wacheln“, also Luft zufächeln. Das Stageleisen hatte einen „Stagel“ einen abnehmbaren Teil, den man in den Ofen gelegt hat, bis er geglüht hat. Und dann wurde der Stagel in das Bügeleisen gegeben. Als Unterlage wurden Tische verwendet, Bügelbretter gab es nicht.

Körperpflege
Die täglichen Reinigung fand im „Lavoir“ statt, einem großen emailierten Waschtrog. Das Wasser dafür wurde vom Brunnen geholt und auf dem Herd erwärmt. Wichtig war es vor allem, sich das Gesicht und die Füße zu waschen.
Das tägliche Zähneputzen wurde propagiert und von den Schulen und Gemeinden gefördert. Dafür wurden Schulzahnkliniken eingerichtet und Zahnhygieneunterricht erteilt.
Die Zahnputzmittel wurden besser und die Zahnpasta- Hersteller gaben Anweisungen, wie ihre Produkte anzuwenden waren.
Einmal in der Woche gab es einen Badetag. Dabei diente der Waschtrog als Badewanne und wieder mussten mehrere Kübel voll Wasser vom Brunnen geholt und auf dem Herd erwärmt werden.  Zumeist wurde in der Küche gebadet, im Sommer auch im Hof oder Garten.  Wenn das Badewasser bereitstand, konnte der Badespaß beginnen: zuerst kamen die Mädchen in die Wanne, dann die Buben. Alternativ konnte man eine Zinkbadewanne verwenden, die oftmals in der Waschküche aufgehängt war.
Nach dem Baden wurde der Waschtrog auf zwei Sessel gestellt und das Wasser in Eimer abgelassen und in den Garten getragen. Wenn man im Sommer draußen oder in der Waschküche baden konnte, war das schon eine Erleichterung, weil das mühevolle Wasser-Entsorgen entfiel. Das Haarewaschen konnte, besonders bei Mädchen wegen ihrer langen Haare, ziemlich mühsam sein.

Abwasch
Um das schmutzige Geschirr kümmerten sich die Frauen und Mädchen. In vielen Häusern oder Wohnungen gab es kein fließendes Wasser und so musste man sich seinen Wasservorrat von dem nächstliegenden Wasserhahn mit Becken, der sogenannten „Bassena“ holen. Die war oft in einem anderen Gebäude oder auch nur im Erdgeschoß, Garten oder Hof und so hatte man die Wasserkannen oder Kübel oft von weit her zu holen. Das Wasserholen war eine Tätigkeit, die man gern die Kinder verrichten ließ. Wenn man das Wasser dann mehrere Stockwerke hinauf geschleppt hatte, wurden die Wasserkannen auf ihren Platz in der Küche gestellt. Dort befand sich ein „Wasserbankel“, eine Holzbank, auf die man die Wasserkannen und ein „Schaffel“ stellen konnte. Es gab auch schon Abwaschhilfen wie Soda, Spülmittel oder Scheuerpulver namens „ATA“ oder „IMI“. Manchmal verwendete man auch zwei Schaffel, eines zum Abwaschen und eines zum Ausschwemmen. Das schmutzige Wasser wurde zur Toilette transportiert und dort ausgeleert, oder aber man schüttete es in den Hof. Das saubere Geschirr konnte man mit einem Tüchlein, dem „Hangerl“ zugedeckt, im  Schaffel trocknen lassen .
Alternativ konnte das Geschirr auch draußen in der Waschküche abgewaschen worden.  Dazu wurde es im Schaffel transportiert.

Quelle:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006

Frauenarbeit in Mödling

Lehrstellen waren rar gesät. Besonders für Mädchen war es schwierig, eine Stelle als Lehrling zu erhalten. Sie konnten mitunter in Fabriken unterkommen oder eine Stelle als Dienstmädchen annehmen. Diese Arbeit bestand aus Hilfsdiensten und war schlecht bezahlt. Es wurde aber als eine Art Lehre angesehen, durch die die Mädchen lernen konnten wie man einen Haushalt führt, denn das war schließlich die Bestimmung der meisten Frauen. Kochen, Waschen, Sparen, Ordnung halten – das musste früher oder später jede Frau beherrschen! Denn obwohl sich die Arbeitswelt für Frauen zu öffnen begonnen hatte, mussten sie sich „nebenbei“ noch um den eigenen Haushalt kümmern. Das umfasste auch die arbeitsaufwändige Betätigung im Garten, zumal viele ihre Familien nur durch Anlegen eines eigenen Gemüsegartens mit genügend Lebensmitteln versorgen konnten.
Eine Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen war, als Saisonarbeiterin in der Landwirtschaft tätig zu sein, etwa bei der Rübenernte oder bei den Schnittern. Beliebt waren Hilfstätigkeiten bei der Bahn, wie z.B. das „Ausgrasen“, d. h die Unkrautentfernung zwischen den Gleisen, weil das etwas besser bezahlt war.

Dienstmädchen
Um das Familienbudget aufzubessern, nahmen junge Mädchen oft eine Stelle als Dienstmädchen an. Die Bezahlung war nicht überragend und sie waren wirklich „Mädchen für alles“, d.h. Kochen, Putzen, Wäsche waschen, Gartenarbeit, Kinderbetreuung etc. Die Dienstmädchen waren jeden Tag von morgens bis abends beschäftigt. Sie hatten eine kleine Dienstmädchenkammer, meist im Parterre, und wohnten auch beim Dienstgeber. Ausgang hatten sie nur sonntags für einige Stunden. Manche Mädchen arbeiteten sogar nur für Kost und Logis und wurden gar nicht bezahlt. Sogar das stelte aber eine Erleichterung für so manche Familie dar, die einen Esser weniger zu versorgen hatte.

Durch den seit dem Krieg herrschenden Frauenüberschuss eroberten sich Frauen neue Berufsfelder. Nach dem Krieg jedoch überließen sie den Männern die Arbeitsplätze und nahmen ihre traditionelle Rolle als Hausfrau wieder an. Selbst wenn eine Frau eine Berufsausbildung machte, wie z. B. Lehrerin, übte sie den Beruf meist nur bis zu ihrer Heirat aus.  Ein beliebter Beruf war der der Schneiderin. Wenn man keine Anstellung fand, konnte man die erworbenen Fähigkeiten immer noch daheim nutzen und die Familie mit Kleidung versehen.
Viele Frauen verdienten sich ihr Geld mit Wäschewaschen, dem „Waschen gehen“. Diese Arbeit dauerte um die zwölf Stunden am Tag und brachte nur sehr wenig Geld ein.

Beim Aufforsten kahlgeschlagener Wälder kamen Kinder zum Einsatz, um Löcher zu graben und junge Bäumchen einzusetzen. Außer mit Geld wurden die Kinder zuweilen mit einem so genannten „Beerenzettel“ bezahlt. Das war eine Bestätigung dafür, dass sie in den Wäldern Beeren sammeln durften. Die gesammelten Beeren konnten die Kinder für ein paar Groschen verkaufen. Das war eine Arbeit für die Mädchen. Erdbeeren und Himbeeren gab es im Juli und im August, das heißt die Kinder taten dies in den Sommerferien. In den Villen der reichen „Sommerfrischler“ war das Einkochen ein beliebtes Hobby und so konnte man die Beeren dort sehr gut verkaufen.
Die Kinder sammelten überdies Pilze für die Mahlzeit zu Hause, allerdings erst, nachdem sie es von den Eltern oder größeren Geschwistern gelernt hatten, die Speisepilze von den Giftpilzen zu unterscheiden. Viele weitere Pflanzen wurden gesammelt: Waldfrüchte, Brennnesseln, Hühnerdarm, Ligusterbeeren, Weißdornfrüchte, Ebereschen, Hagebutten, Bergmispeln, Kastanien, Fallobst. Aber auch Schnecken, Käfer und andere Schädlinge mussten oft von Kindern von den Kulturpflanzen entfernt werden.
Nach der Getreide- und Zuckerrübenernte gingen die Mädchen mit ihren Müttern zum „Ährenklauben“ auf die Felder, denn es gab immer wieder einige Getreideähren und Zuckerrüben, die auf den Feldern stehen bzw. liegen geblieben waren. Diese wurden nachgelesen und aus den Weizenkörner Mehl gemahlen und aus den Gerstenkörnern Ersatzkaffee gemacht. Zuckerrübenreste verkochte man zu Sirup.
Auch das Tierfutter wurde von den Kindern besorgt, das war Arbeit für die Jüngsten. Den ganzen Sommer über mussten sie Futter für die Hasen sammeln. Da viele Menschen Hasen hielten, war es oft gar nicht so einfach, genug Futter zu finden. Für die Enten suchte man in den Teichen nach Muscheln. Statt Spinat pflückte man Brennnesseln, Burgunderrübenblätter, wilden Knoblauch und Vogerlsalat.

Quelle:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien,  2006