Fünf Frauen

Josephine Baker (1906–1975), Tänzerin
Josephine Baker war eine US-amerikanische Varieté-Tänzerin, Sängerin und Schauspielerin. Als Chorus-Girl in New York von einem deutschen Talentsucher entdeckt, wurde sie von ihm nach Paris und Berlin vermittelt, wo ihre Weltkarriere begann. 1925 hatte sie im Pariser Théâtre des Champs-Elysées  mit La Revue Nègre Premiere. So eroberte sie im Sturm das Pariser Publikum, dem zum ersten Mal der Charleston präsentiert wurde. Auftritte in Brüssel und Berlin folgten. 1926 und 1927 war sie bereits der Star des Varieté Folies Bergère in Paris. 1926 trat sie zum ersten Mal in Berlin auf.

„Ihr Popo, mit Respekt zu vermelden, ist ein schokoladener Grieß-Flammerie an Beweglichkeit“, schrieb 1926 die Kulturzeitschrift „Der Querschnitt“.

Josephine Baker konnte ihren Po so meisterhaft in Bewegung setzen, dass den Zusehern der Atem stockte. Über Nacht wurde sie zum ersten schwarzen Superstar. Auf der Bühne meist nur mit einem Mullschurz oder Federn bedeckt, galt sie als die nackte Wilde und bediente die Sucht der Zuseher nach Ekstase. Sie wurde zum größten Sexsymbol der Zeit und lebte ihre eigene Sexualität ungezügelt aus, mit Männern und Frauen.

„Dieser Tanz von seltener Unanständigkeit ist ein Triumph der Geilheit. Die Rückkehr zu den Sitten der Urzeit“, urteilte der französische Schriftsteller Pierre de Régnier.
Und der deutschnationale Journalist Adolf Stein mokierte sich über „dieses ganze Höllengelichter aus dem Urwald“: „Die Füße trillern wie verrückt. Der Bauch zuckt im Vierundsechzigsteltempo und schnappt nach den Hüften. Der federgeschmückte Steiß hat sich selbständig gemacht und rotiert rasend wie Feuerwerk“.

Rasenden Applaus erntete die Tänzerin besonders nach dem Pas de deux mit ihrem Tanzpartner Joe Alex dem „wilden Tanz“ (Danse Sauvage), in dem sie zu Trommelklängen einen hocherotischen Tanz vorführten. Auffällig oft wurde Josephine Baker von Journalisten mit Tieren verglichen, ob Schlange, Giraffe, Känguru, Ente oder Kolibri, immer wurde sie mit dem Animalischen und Exotischen assoziiert. Sie schien an die Sehnsüchte der europäischen Männer nach Sex und Zügellosigkeit, nach Urwald und wilder Sinnlichkeit zu appellieren.
Während Josephine Baker in den USA unter Rassenvorurteilen zu leiden hatte, wurde sie in Frankreich zur erfolgreichsten US-amerikanischen Unterhalterin. Josephine Baker machte moderne Jazztänze populär. Ihr Bananenröckchen bestehend aus 16 goldenen Bananen aus Plüsch, das sie in Revuen von Luis Kenarchand trug, wurde weltberühmt. Josephine Baker erhielt wegen ihrer aufsehenerregenden Kostüme Auftrittsverbote in Wien, Prag, Budapest und München. Umso interessanter und populärer wurde sie.
Ihre große Europatournee Ende der 20er Jahre wurde leider von überwiegend rassistischen Protesten überschattet. Zur „Buße für schwere Vorstöße gegen die Moral, begangen von Josephine Baker“ wurden in der Wiener Paulanerkirche drei Tage lang Sondergottesdienste abgehalten. Durch Demonstrationen in Wien, Stinkbomben in Budapest und Knallkörper in Zagreb äußerten aufgebrachte Moralapostel ihren Unmut.

Maria Lazar (1895–1948), Pseudonym Esther Grenen, Schriftstellerin, Übersetzerin, Journalistin
„Ruth wußte nicht, daß Mutters Leben nur Enttäuschung war, die nie eingestanden werden durfte. Und daß Mutter so grenzenlos arm war, weil sie nie den Mut gehabt hatte, das zu erkennen.“ (Die Vergiftung)

Vorne am Altar war Christus gekreuzigt. Rostige Nägel durchbohrten die Knochen. Das Blut war geronnen. Und er konnte nie und nimmer herunterfallen. So hing er in allen Kirchen, und die Menschen beteten um schönes Wetter und Glück bei ihren Geschäften. Ach, wie arm war er. Für alle hatte er sterben müssen, und keiner liebte ihn.“  (Die Vergiftung)

Maria Lazar stammte aus einer jüdischen, zum Katholizismus konvertierten großbürgerlichen Familie. Ihr literarisches Werk ist geprägt von ihrer kritischen Haltung gegenüber der bürgerlichen Lebenswelt. Ihre prominenteste Charaktereigenschaft war ein unbezähmbarer Drang nach absoluter persönlicher Freiheit. Verlogenheit und konventionelle Lüge waren ihr zutiefst zuwider.
Maria Lazar besuchte ein modernes Wiener Mädchengymnasium, die vergleichsweise fortschrittliche Schule der Genia Schwarzwald, die die Schülerinnen z.B. mit dem Werk Arnold Schönbergs und den Grundlagen der Psychoanalyse vertraut machte. An dieser Schule unterrichteten u. a. Oskar Kokoschka und Alfred Loos. Im Salon der Schwarzwalds traf sie Schriftsteller wie Elias Canetti, Egon Friedell und Robert Musil.
Als sie 16 Jahre alt war, fertigte Oskar Kokoschka ein Portrait von Maria Lazar an, das berühmte Bild Dame mit Papagei. Ganz gegen die Modelyrik der Zeit, die hauptsächlich aus patriotischem Schwulst und blutrünstigen Kriegsgedichten bestand, verfasste sie Antikriegsgedichte und formschöne und schnörkellose Verse.
Mit 20 schrieb sie ihren ersten Roman, der Anfang 1920 bei einem Verlag erschien, der sich besonders um junge österreichische Autoren expressionistischer Literatur bemühte. Ihr Roman „Die Vergiftung“ ist zweifellos von einer expressionistischen Sprache geprägt.
Maria Lazar arbeitete in den 20er Jahren als Schriftstellerin und Journalistin in Wien. Heute ist sie weitgehend vergessen und hat nie den Platz in der Literaturgeschichte erhalten, der ihr für die Qualität ihrer Arbeiten zustehen würde. An der Kritik ihrer zeitgenössischen Schriftsteller kann man ablesen, wie stark die Voreingenommenheit gegenüber weiblichen Autoren war.
Maria Lazar übertrug als erste F. Scott Fitzgeralds 1925 erschienen weltberühmten Roman „The Great Gatsby“ ins Deutsche. Ihre Übersetzung wurde 1928 in Berlin herausgegeben.

Johanna Margarete Feigl-Zellner (1900–1994), Bildende Künstlerin, Karikaturistin
Johanna Margarete Feigl- Zellner war eine der ersten Studentinnen, die an der Wiener Akademie der bildenden Künste studieren durfte, Frauen stand die Akademie nämlich erst ab 1920 für das Studium offen. Sie war Mitarbeiterin der Satirezeitschrift „Die Muskete“, die es bereits in der Monarchie, seit 1905, gab. Die Muskete erschien wöchentlich bis 1927, Margarete Feigl-Zellner fertigte treffsichere und ironische Zeichnungen an, die frei von jeder gefälligen Manier vor allem die bürgerlich-volkstümlichen Typen der Nachkriegszeit karikierten. Vorerst in Offizierskreisen geschätzt, wurde sie in der 20er Jahren von einem wesentlich breiteren Publikum gelesen.

Luise Fleck (geb. Veltée, 1873–1950), Regisseurin, Produzentin
Luise Fleck war Tochter des Feuerwerkers und Gründers des Wiener Stadtpanoptikum Louis Veltée und der aus Lyon stammenden Adeligen Nina Veltée. Bereits im Kindesalter wurde Luise in den väterlichen Betrieb eingebunden und arbeitete an der Kasse des Stadtpanoptikums.
Luise Fleck heiratete den Wiener Fotografen Anton Kolm. Gemeinsam mit ihm sowie dem Kameramann und Regisseur Jakob Fleck gründete sie 1910 die Erste österreichische Kinofilm-Industrie, wobei das nur durch die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern möglich war. Zunächst fertigt die Filmgesellschaft kurze Dokumentationen aus Wien und verschiedenen Teilen der Monarchie an. Die große Schwierigkeit dabei bestand darin, dass sie sich gegen die französische Konkurrenz durchsetzen musste, die vor und während des Ersten Weltkriegs den österreichischen Markt beherrschte. Während der Kriegsjahre führte Luise Kolm Regie in pro-Habsburgischen Propagandafilmen. Mit Herz und Hand fürs Vaterland (1915) und Mit Gott für Kaiser und Reich (1916) und Der Doppelselbstmord (1918).

Luise Fleck war die erste österreichische Regisseurin. Während sich Anton Kolm um die finanziellen Belange der Firma kümmerte, war Luise für die kreative und handwerkliche Arbeit zuständig. Sie klebte Filme, fertigte Zwischentitel an, führte Regie und war Produktionsleiterin. Luise Fleck arbeitete intuitiv und hatte ein gutes Gespür für den Publikumsgeschmack der Zeit. Sie war auch für die Inhalte zuständig. Sozialkritische Dramen und die Thematisierung von Klassenkonflikten unterschied ihre Filme von den Standardproduktionen ihrer Zeit. Das bevorzugte Genre der Flecks waren Musikfilme und Filme mit Wien-Bezug.
1919 gründete Luise Kolm mit Anton Kolm die Vita Film, die sich allerdings nur fünf Jahre halten konnte.
In den Jahren 1919 entstanden Literaturverfilmungen: Die Ahnfrau und Lumpazivagabundus
Als Anton Kolm 1922 an Krebs verstarb, heiratete Luise ihren langjährigen Partner und Co-Regisseur Jakob Fleck. Zu diesem Zeitpunkt hatte Luise Kolm als Regisseurin oder Co-Regisseurin schon über 45 Filme gedreht. Jakob und Luise Fleck waren in den 20er Jahren als „Regieehepaar“ bekannt. 1926 zogen sie nach Berlin und arbeiteten für verschiedene Produktionsgesellschaften, auch für die Ufa. Sie drehten in Berlin 30–40 Filme. Bis 1933 lebten die Flecks mit ihrem Sohn Walter in Berlin.

Filmografie der 20 Jahre:
1919/20: Lasset die Kleinen zu mir kommen (Produktion), Durch Wahrheit zu Narren (Regie, Produktion), Der tanzende Tod (Regie, Produktion), Freut euch des Lebens (Regie, Produktion)
1920: Großstadtgift (Regie), Der Fluch der Vererbung (Produktion), Verschneit (Regie, Produktion), Doktor Ruhland (Produktion), Wildfeuer (Produktion), Der Leiermann (Regie, Produktion), Winterstürme (Produktion), Eva, die Sünde (Regie, Drehbuch, Produktion)
1921: Revanche (Regie)
1921/22: Olga Frohgemut (Regie, Produktion)
1923: Frühlingserwachen (Regie)
1924: Die Tochter der Frau Lasarc (Regie)
1926: Der Meineidbauer (Regie)
1926: Der Pfarrer von Kirchfeld (Regie)
1926/27: Liebelei (Regie)
1927: Der Bettelstudent (Regie), Ein Mädel aus dem Volke (Regie), Das Fürstenkind (Regie), Der Orlow (Regie), Der fröhliche Weinberg (Regie)
1927/28: Die Geliebte seiner Hoheit (Regie)
1928: Der Zarewitsch (Regie), Die kleine Sklavin (Regie), Die lustigen Vagabunden (Regie), Die Yacht der sieben Sünden (Regie), Die schönste Frau von Paris (Regie)
1929: Das Recht auf Liebe (Regie), Der Leutnant ihrer Majestät (Regie), Mädchen am Kreuz (Regie)
1929/30: Der Fleck auf der Ehr´(Regie), Die Warschauer Zitadelle (Regie)

Lise Meitner (1878–1968), Kernphysikerin
Die gebürtige Wienerin war eine bedeutende österreichischen Kernphysikerin. Sie studierte Physik, Mathematik und Philosophie auf der Universität Wien, ihr wichtigster Lehrer war Ludwig Boltzmann. Schon früh beschäftigte sie sich mit Fragen der Radioaktivität. Eine Bewerbung bei Marie Curie in Paris blieb erfolglos. Nach ihrer Promotion arbeitete sie am Institut für Theoretische Physik in Wien, um dann zur weiteren Ausbildung nach Berlin zu gehen. Dort traf sie den Chemiker Otto Hahn. Mit ihm sollte sie die nächsten 30 Jahre zusammenarbeiten. Zunächst musste sie ihren Arbeitsplatz auf der Friedrich-Wilhelms-Universität durch den Hintereingang betreten, weil Frauen erst ab 1909 auf preußischen Universitäten studieren durften. Die Vorlesungs- und Experimentierräume waren für sie bis zu diesem Jahr tabu.
Nachdem Otto Hahn im selben Jahr den radioaktiven Rückstoß entdeckt hatte, fand er in der Folge gemeinsam mit Lise Meitner verschiedene radioaktive Nuklide. Von da an war Lise Meitner keine Unbekannte mehr und lernte auch Albert Einstein und Marie Curie kennen. In der 1910er Jahren war sie (inoffizielle) Assistentin bei Max Planck. 1922 habilitierte Lise Meitner und arbeitete als Dozentin. 1926 wurde sie außerordentliche Professorin für experimentelle Kernphysik an der Berliner Universität und war somit die erste weibliche Professorin für Physik.
Lise Meitner definierte die Eigenschaften der Gamma- und Beta-Strahlen, prägte den Ausdruck „Kernspaltung“ und führte ihn in die Atomphysik ein. Gemeinsam mit Otto Hahn, Gustav Hertz, James Frank, Fritz Haber und Albert Einstein gehört sie der internationalen Spitzenliga der PhysikerInnen und ChemikerInnen an. Das in den 20er Jahren noch weitgehend unerforschte Gebiet der Atomphysik hatte die höchste Anziehungskraft auf die WissenschafterInnen der Zeit.

Quellen:
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Die goldenen Zwanziger. Schein und Sein – Erläuterungen eines Zeitalters
Wikipedia, Varieté
Katja Iken, Josephine Baker in Berlin, Spiegel online vom 13.01.2016
Filmportal, Luise Fleck, zitiert aus Gabriele Hansch/Gerlinde Waz: Filmpionierinnen in Deutschland. Ein Beitrag zur Filmgeschichte. Berlin 1998 (unveröff.)