Die Welt des Kindes

Die Bekleidung der Arbeiterkinder
Kinder von Arbeitern oder Arbeitslosen waren sehr einfach gekleidet, Kindermode war nur für besser Verdienende erschwinglich. Die Babies wurden in Wickeltücher eingehüllt, leider war es auch durchaus üblich, sie recht eng zu „wickeln“, so, dass sie kaum Bewegungsfreiheit hatten. Kleinkinder trugen eine Art Kittel, den die Mütter meist aus ihren alten Röcken selbst nähten. Diese Kittel wurden sowohl von Mädchen als auch von Buben getragen und an die jüngeren Geschwister weitergegeben. Je älter der Kittel wurde, desto mehr Flicken bekam er. Buben erhielten ihre erste kurze Hose oft erst, wenn sie in die Schule kamen.
Unter den Kitteln und Röcken trugen Kleinkinder, zumindest im Sommer, meist keine Unterwäsche. So sparte man sich einerseits das Waschen, andererseits gewöhnten sich die Kinder so schneller daran, die Toilette, den so genannten „Abort“ zu benutzen.
Sonntags oder zu besonderen Anlässen, wie z.B. bei einem Termin beim Fotografen, zogen Mädchen ihr Sonntagskleid an, während Buben den „zeitlosen“ Matrosenanzug trugen.

Unterhosen trugen die Kinder der Arbeiter, aber auch Bauernkinder erst, wenn sie in die Schule kamen. Diese Unterwäsche wurde aus einem groben Stoff namens „Kloth“ genäht. Praktisch waren so genannte „Schnellfeuerhosen“, das waren Kinderhosen mit herunterklappbarem Hinterteil.
Sowohl Mädchen als auch Buben trugen Strümpfe. Das war auch notwendig, denn Kinder hatten keine langen Hosen. Für Mädchen wäre es ohnehin sehr unschicklich gewesen, überhaupt Hosen zu tragen, sie trugen Röcke oder Kleider. Darüber zogen sie noch eine Schürze, um die Kleidung zu schützen. Außerdem man sollte ihnen ansehen, dass sie auch schon „fleißige Hausfrauen“ waren oder werden sollten.  Die Buben trugen kurze Hosen, erst wenn sie älter wurden oder für besondere Anlässe bekamen sie ihre erste lange Hose oder Knickerbocker geschenkt.

Weil Stoffe und Kleidung teuer waren, erhielten viele Kinder ihre Kleidung meist zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt. Wenn man sich gar keine Kleidung leisten konnte, wurde den Kindern entweder von der Gemeinde oder von gemeinnützigen Vereinen Kleider, Schürzen und Hosen zugeteilt. Aber auch den verschiedenen politischen Parteien war es ein besonderes Anliegen, die Ärmsten der Armen mit Kleidung zu versorgen, nicht zuletzt, weil Wohltätigkeit Wählerstimmen bringen konnte.
Sobald die Kinder in die Pubertät kamen, bekamen sie neue Kleidung: Mädchen erhielten ein neues Kleid und Burschen die erste lange Hose oder den ersten Anzug, wenn sie z.B. 15 Jahre alt wurden oder anlässlich ihrer Firmung bzw. Konfirmation.

Schuhe waren die teuersten Kleidungsstücke und wurden, um sie zu schonen, von armen Kindern nur im Winter getragen. In der Volksschule stellte das meist kein Problem dar, aber, wenn die Kinder in die Bürgerschule kamen, mussten sie dort Schuhe tragen. Dennoch zogen die Kinder die Schuhe zumindest auf dem Heimweg aus, um Sohlen zu sparen.
Wenn man geschickt war und Leder bzw. Leinen zur Verfügung hatte, konnte man seinen Kindern die Schuhe selbst anfertigen.

Schule
Vor allem Kinder, die auf dem Land lebten, hatten oft einen Schulweg, der länger als eine halbe Stunde dauerte und selbstverständlich zu Fuß zu bewältigen war. Die Straße war nicht überall gepflastert. Die Kinder mussten im Sommer oft im Staub oder bei Regen im Schlamm gehen und das nicht selten ohne Schuhe. Denn viele Kinder kamen aus armen Familien. Im Winter konnten manche sogar wochenlang nicht in die Schule gehen, weil sie keine Schuhe oder warme Kleidung hatten.
So wurden Schuhe oftmals nur bis April getragen, um sie vor Abnutzung zu schonen. Sogar wenn die Pfützen noch zugefroren waren, gingen Kinder schon barfuß in die Schule. Der Boden in der Schule war meist mit Öl eingelassen. So mussten sich die Kinder abends die schmutzigen und öligen Füße mit kaltem Brunnenwasser und Schmierseife sauber schrubben.
Manchmal blieb die Schule geschlossen, weil es nicht genug Kohle zum Heizen gab. Es wurden dann statt der Zentralheizung einige Öfen aufgestellt und nur wenige Klassen beheizt. Im Winter 1929 war es besonders kalt und die Schule musste, zur Freude der Kinder, für drei Wochen geschlossen werden.

Schulreformen
Der sozialdemokratische Politiker und Pädagoge Otto Glöckel hatte bereits 1917 ein Schul- und Erziehungsreformprogramm entwickelt. Er forderte die Freiheit der Schule, die Trennung von Kirche und Schule, die Einheitsschule, die Förderung aller Begabungen, die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lernmittel. Außerdem erstrebte er eine zeitgemäße Gestaltung der Methodik im Sinne einer kindgemäßen Lebens- und Arbeitsschule und die Überwindung der Bürokratie im Schulwesen. Auch die vorgeschriebene Teilnahme am Religionsunterricht wurde abgeschafft. In den 20er Jahren konnte er immer mehr Reformen durchsetzen, besonders in Wien, wo Glöckel jahrelang Stadtschulratspräsident war. Unter seiner Organisation wurde das gesamte Wiener Pflicht-, Mittel- und Fortbildungsschulwesens neugestaltet.
Bundesweit sah das Reichsvolksschulgesetz nach der Volksschule den Besuch der dreijährigen Bürgerschule vor. 1927 wurde das Haupt- und Mittelschulgesetz erlassen, das die Bürgerschule durch die vierjährige Hauptschule ersetzte. Neben den öffentlichen Schulen gab es Schulen, in denen man Schulgeld bezahlen musste.

Kinderspiele
Schon um 1900 gab es vereinzelt wohltätige Organisationen und Arbeitgeber, die Spielplätze finanzierten, um Krankheit und „antisoziales“ Verhalten in der Arbeiterklasse zu bekämpfen. Doch erst die Sozialpolitik des „Roten Wien“ setzte neue Maßstäbe, die den Schwerpunkt auf die Kinder- und Jugendfürsorge legten. Ab 1919 entstanden Kindergärten, Horte und Kinderspielplätze – oft in den Gemeindebauten, die flächendeckend in allen Wiener Bezirken errichtet wurden.
Da viele Menschen in sehr beengten Verhältnissen in kleinen Wohnungen lebten, spielte sich das Leben ihrer Kinder meist auf der Straße ab. Zwar hatte man auch Gärten, aber das waren für gewöhnlich Nutzgärten, die nicht immer genug Platz zum Spielen ließen. Doch immerhin konnte man in so manchem Garten auf Bäume klettern oder in den Büschen „Versteckerl“ spielen.
In kleineren Gemeinden, Kleinstädten und auf dem Land gab es keine Kinderspielplätze. Die meisten Kinder spielten auf der Straße. Dort entzogen sie sich den kontrollierenden Blicken der Eltern und konnten sich frei fühlen. Und sie liefen nicht Gefahr, für irgendwelche Hausarbeiten eingespannt zu werden. Auf der Straße war es für die Kinder in Mödling in den 20er Jahren noch lange nicht so gefährlich wie heute. Automobile gab es noch sehr wenige,. Der Verkehr beschränkte sich meist auf Lieferfahrzeuge wie den Würstelwagen, den Ankerwagen oder den Bierkutscher. Auch der „Mülliwagen“ war nicht so häufig unterwegs wie die Müllabfuhr heute. Das Wichtigste aber war, dass sie sich die Kinder mit anderen Kindern treffen konnten.

Die gemeinsamen Spiele der Kinder waren je nach Geschlecht, Alter oder Wohngegend, verschieden. Spielsachen konnten sich viele nicht leisten, und so gab es eine große Auswahl an Spielen, für die man keine brauchte, z. B.  „Vater, Vater, leih ma d´Scher“, „Nachrennerl“ (=„Fangerl“), „Versteckerl“, „Tempelhupfen“, „Stoff verkaufen“ oder „Vögel verkaufen“.
Mit Reifen von alten Fahrrädern oder Kinderwägen spielte man „Reifentreiben“. Alte Kinderwägen konnte man zu „Rennwägen“, so genannten „Gicks“ umbauen. Zwei Kinder waren die Pferde und eines war der „Jockey“ und schon fand ein Wettrennen statt! Geschickte Väter bastelten ihren Kindern Tretautos aus Gerümpel und Abfallprodukten.

Einen Fußball hatten die Buben immer zu Verfügung, wenn auch als „Fetzenlaberl“. Aus Stoff- oder Lederresten konnte man sich so schon einen ganz passablen Fußball basteln. Große Bereiche der Städte waren noch nicht verbaut, so gab es statt vieler Häuser große Felder und Wiesen, wo die Kinder Völkerball oder Fußball spielen konnten.
Viele Straßen waren nicht an das Kanalnetz angeschlossen und wenn es regnete, lief das Wasser beiderseits der Straße durch die Straßengräben. Dort konnte man ganz wunderbar  mit dem Waschtrog „Schifferl fahren“.
„Aunipecken“ hieß es, wenn man mit Kugeln spielte. Auch „Kugel scheiben“ sagte man dazu. Meist spielten Buben dieses Spiel, aber auch Mädchen konnten sich beteiligen. Die Kugeln (Murmeln) gab es in verschiedenen Qualitäten und so hatten sie unterschiedlichen Tauschwert. „Lahmbatzn“ hießen die Kugeln aus Ton. Eine metallene Kugel z.B  „kostete“ 50 Tonkugeln,  eine Glaskugel konnte man gegen 25 Tonkugeln tauschen. Die Kugeln wurden in einem alten Strumpf aufbewahrt. Die Spielregeln wurden von den älteren Kindern an die jüngeren weitergegeben.

Zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekamen die Kinder einfache Spielsachen geschenkt wie z.B. Wolferl, Diabolo, Jojo oder Bälle. Das „Wolferl“ oder „Stoßbudl“ war eine Art kleiner Flipper aus Holz.
Kinder des so genannten „Mittelstandes“, deren Väter z. B. Beamte oder Lehrer waren, hatten teurere Spielsachen wie Schaukelpferde, Tretautos oder sogar echte Eislaufschuhe oder eine Rodel. Wer sich keine Eislaufschuhe leisten konnte, verwendete so genannte „Schraubendampfer“. Eislaufen konnte man auf den zugefrorenen Teichen oder Sumpfwiesen.
Aber selbst Kinder, die keine Schuhe hatten, spielten im Schnee, indem sie sich die Füße mit Gamaschen umwickelten. Zu Hause wurden die Füße dann in eiskaltes Wasser gesteckt.
Gerne spielten die Kinder, v. a. die Buben, auch „Räuber und Gendarm“. Oder sie kletterten auf Felsen herum, wie dem Teufelsfelsen am Schwarzen Turm. Das war natürlich nicht ungefährlich, aber da die Kinder gewohnt waren, sich von klein auf im Freien zu bewegen, waren sie schon geübt, sehr geschickt und hatten auch weniger Angst.

Generell wurden Mädchen dazu angehalten, lieber mit den Puppen zu spielen und nicht so wild zu sein und auf Bäume oder Felsen zu klettern wie die Buben.
Für Mädchen gab es Puppen, manche sogar aus echtem Porzellan, andere aus Fetzen, aber auch Puppenwagen und Puppenhäuser.
Kartenspiele wie Quartett und schwarzer Peter sowie Brettspiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ spielten Mädchen und Buben gerne.
Für Kinder, die gerne lasen, gab es eine große Auswahl an Kinderbüchern und Kinderzeitschriften.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien,  2006
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Wien Geschichte Wiki: Spielplätze