Kinofilm

Die Stummfilmzeit – in Bezug auf abendfüllende Spielfilme – umfasste die Jahre 1913 bis 1927. Der Begriff Stummfilm wurde erst Ende der 20er Jahre mit Aufkommen des Tonfilms geprägt, um Filme ohne und mit Ton voneinander abzugrenzen. Davor sprach man einfach vom Film oder Kinofilm. Die Bezeichnung Stummfilm ist irreführend, denn der Film war auch ohne Tonspur alles andere als „stumm“. In den 20er Jahren befand sich der Film in seiner Blütezeit.

Musik
Während der Filmvorführungen wurden die Filme von Live-Musik begleitet, entweder von einem Klavier oder einem Kammermusik-Ensemble. Es gab auch Kino-Orgeln. Sogar das billigste Kino leistete sich meist einen Klavierspieler und einen Geiger. Immer besser werdende Filme forderten auch ein „Aufrüsten“ bei der Musikbegleitung, sodass eben auch größere Ensembles eingesetzt wurden. Oft beruhte der Ruf eines Lichtspielhauses auf seinem Orchester, manche Menschen gingen sogar wegen der Musik ins Kino. Ein gutes Orchester konnte schließlich selbst den langweiligsten Film erträglich machen. Es gab sogar Filme, für die eigens Musik komponiert wurde. Gerne bediente man sich z.B. auch der Werke von Grieg, Schubert und Weber.
Die Kino-Orgeln waren eine kostengünstigere Variante, weil sie ein Orchester ersetzen konnten. Außerdem konnte man mit ihnen zusätzlich Effekte erzeugen wie Donner, Schüsse oder den Pfiff einer Lokomotive.
Es gab aber auch Geräuschemacher, die hinter der Leinwand standen und etwa das Klappern von Hufen oder Pistolenschüsse simulierten.

Farbe
Stummfilme waren nicht nur schwarz-weiß. Verschiedenartige Szenen wurden auf dem Filmstreifen mit diversen Farbtönen eingefärbt, eine Technik, die man Virage nennt. Normale Tagesaufnahmen erhielten die Farbe Orange, Feuer-Szenen waren rot, Szenen am frühen Morgen goldfarben. Es gab eine weite Palette an Farbtönen für verschiedene Situationen, beispielsweise pfirsichfarben für Kerzenlicht oder Sonnenuntergänge. Nachtszenen wurden blau viragiert.

Ausdruck
Das wichtigste Ausdruckselement des Filmschauspielers im Stummfilm war seine Körpersprache und Gebärdensprache. Während aber in den Filmen der Zehnerjahre die Schauspieler sich oft mit übertriebenen Gesten artikulierten, bildete sich in den Zwanzigern eine modernere Art der Körpersprache heraus. Die Schauspieler entwickelten intuitiv eine natürliche Spielweise, die authentischer wirkte.

Zwischentitel
Zu guter Letzt wurden auch Textsequenzen in die Filme eingefügt, so genannte Zwischentitel. Dies war stellenweise notwendig, damit das Publikum der Handlung folgen konnte. Gut formulierte Zwischentitel an der richtigen Stelle einzufügen und sie optisch anzugleichen war eine wahre Kunst. Technisch wäre es zwar auch möglich gewesen, den Text – wie heutige Untertitel – in die Szenen einzublenden, das war allerdings sehr aufwändig, weil die Szenen noch einmal kopiert und dann noch einkopiert hätten werden müssen. Man machte das nur bei besonders wichtigen und spannenden Szenen, in denen der Bewegungsfluss nicht gestört werde durfte.

Filmgenres
Neben den Monumentalfilmen prägten vor allem von der Literatur der Romantik inspirierte dunkle und märchenhafte Sujets die Filme der 20er Jahre, vor allem Filme des deutschen Filmexpressionismus, wie etwa Das Kabinett des Dr. Caligari (1919, Regie: Robert Wiene), Der Golem (1919, Regie: Paul Wegener und Carl Boese), Nosferatu (1922, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau) oder Metropolis (1926, Fritz Lang)

Darüber hinaus war die Vielfalt der Filmgenres breit gefächert in Agenten- und Kriminalfilme, Liebes- und Gesellschaftsdramen, Komödien und Berg- und Actionfilme.
In den späteren 20er Jahren setzte sich die Neue Sachlichkeit beim Film durch, Dramaturgie und Spielstil änderten sich. Am Ende dieser Entwicklung wurde 1929 Vagabund von Fritz Weiß gedreht, der als Experiment angesehen werden kann, bei dem sich dokumentarische Szenen mit inszenierten abwechseln (Produktion: Firma Neuer Film).

Quellen:
Kevin Brownlow: Pioniere des Films. Vom Stummfilm bis Hollywood. Basel: Stroemfeld, 1997
Béla Balázs: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001 (Ersterscheinung 1924 im Deutsch-Österreichischen Verlag)