Milchfrau

22. Juni 1926 (Straßenbild im Arbeiterviertel)
[…] Die breite Straße ist voll von Kindern und Weibern. Besonders charakteristisch für die Straßen in den Wiener Arbeitervierteln sind die verschiedenfarbigen Federbetten, die beinahe aus jedem Fenster hängen, und die Frauen, die an den Fensterbrettern lehnen und sich gegenseitig lange Gespräche über die Gasse zuschreien. Überall schlendern Arbeitslose herum, eifrig debattierend.

18. Oktober 1926 (Die Tierliebe der Wiener)
„Ach, welches Unglück“ antwortete sie (=eine Kundin der Milchfrau) mit Tränen in den Augen. „Ein Spatz hat sich in der Dachrinne verfangen und das arme Tier kann nicht heraus. Jetzt haben sie die Feuerwehr verständigt; hoffentlich kommt sie nicht zu spät.“[…]
Wenn das bei uns in Rußland geschehen wäre, würde es kaum jemandem eingefallen sein, sich um das Tierchen zu bekümmern. Wenn sich schon jemand gefunden hätte, hätte man ihn sicher ausgelacht. Und hier in Wien? Ein Automobil mit einer langen Leiter, mit einem Dutzend Feuerwehrleuten saust heran, mit ernsten, wichtigen Gesichtern macht sich alles an die Arbeit, teilnehmend folgt die Menge den Feuerwehrleuten mit den Blicken, und lange noch, nachdem der Vogel befreit ist, stehen die Leute in Gruppen beisammen und sprechen darüber, was geschehen wäre, wenn es nicht gelungen wäre, den Sperling zu retten.
Auch ich war ganz gerührt und es kam mir vor, als ob mir heute die österreichischen Menschen mit ihrer grenzenlosen Liebe zu den Tieren um ein gutes Stück näher gekommen ist[….]

13. November 1926 (Schaulust)
Bald da, bald dort ist, wie die Wiener sagen, „etwas los“. Sofort bleiben einige Vorübergehende stehen, andere laufen zum Telephon, in einer Sekunde sind schon einige Polizisten da, und es dauert kaum fünf Minuten, so umlagert bereits eine unübersehbare Menschenmenge den Ort, an dem das Ereignis eingetreten (ist). […] Was mich am meisten interessiert, ist, daß sich die Leute nicht nur versammeln und zusehen, sondern, daß sie mit einer Aufregung und einem Eifer alles, was vorgeht, begleiten, als ob es sich um die ureigensten Angelegenheiten dieser Menschen handelte.
Noch ein Unterschied zwischen Rußland und Österreich, der mir tief zu denken gibt. Kaum zieht der Polizist sein Büchlein aus der Tasche, um seine Notizen zu machen, so drängen sich auch schon die Leute an ihn heran, die alles gesehen haben wollen, um ihrer Bereitwilligkeit Ausdruck zu geben, Zeugenschaft abzulegen. Bei uns in Russland sucht alles das Weite, wenn irgendetwas „los“ ist, denn jedermann hat Angst davor, als Zeuge einvernommen zu werden.

21. April 1927 (Frauen und Männer beim Brot kaufen)
Die meisten der hiesigen Frauen stellen sich ganz merkwürdig an, wenn sie einen halben Laib Brot kaufen. Immer ersuchen sie, die beiden Hälften abzuwiegen, und wählen natürlich den größeren Teil für sich. Aber nur, wenn sie allein im Geschäft sind. Wenn andere Kundinnen anwesend sind, so beschränken sie sich meist drauf, die beiden Teile mit den Blicken abzumessen, wobei sie äußerlich ganz ruhig erscheinen wollen, während man ihnen doch an ihren glänzenden Augen die Aufregung und die konzentrierte Gedankenarbeit ablesen kann. [….] Ganz anders als die Männer. Wenn man ihnen die Auswahl läßt, so wählen sie entweder den kleineren Teil oder sie erklären, daß es ihnen ganz gleich sei, und warten geduldig, bis man ihnen eine der Hälften gibt. Wenn man ihnen die größere hinlegt, bemühen sie sich, wenigstens so zu tun, als ob sie dies überhaupt gar nicht bemerken würden. Die Frauen sind alle wirtschaftlicher, genauer und unverschämter als die Männer.

Zitiert aus:
Alja Rachmanowa: Milchfrau in Ottakring. Tagebuch aus den dreißiger Jahren (sic!). Mit einem Vorwort von Dietmar Grieser. Wien: Amalthea, 1997