„Der Rest ist Österreich!“

Im Jahr 1919  führten die Siegermächte Frankreich, Italien und Amerika den Vorsitz bei den Verhandlungen, die in diversen Vororten von Paris stattfanden. Die Delegationen der Verlierermächte, darunter Österreich, wurden nach Frankreich zitiert,  Österreich nach St. Germain, Ungarn nach Trianon und Deutschland nach Versailles. In St. Germain wurde der neue Staat Österreich konstruiert. Die Aufteilung der Gebiete der ehemaligen Habsburgermonarchie sah so aus:

  • Böhmen und Mähren kamen zur neu gegründeten Tschechoslowakei.
  • Ungarn wurde ein eigener Staat.
  • Die Bukowina fiel an Rumänien.
  • Südtirol kam zu Italien.
  • Kroatien und Bosnien kamen zu Jugoslawien, genauso Teile der Südsteiermark und Kärntens.

Die österreichische Delegation unter dem Bundeskanzler Dr. Karl Renner nahm nicht direkt an den Verhandlungen teil. Sie wurde in einem extra Gebäude separiert und schriftlich über die Entscheidungen der Verhandler informiert. Auf schriftlichem Weg konnten sie sich hierzu erklären. Österreich sollte so niedergeworfen werden, dass es nicht mehr gefährlich werden konnte.
Nach den Friedensverhandlungen in St. Germain 1919 war alles anders. Österreich war von nun an ein Kleinstaat und auf einen Bruchteil seiner früheren Größe geschrumpft. Der von Österreich angestrebte Anschluss an das Deutsche Reich, wurde von den Siegermächten verboten.
Das neue Europa, das konstruiert wurde, entpuppte sich als extrem krisenanfällige Institution. Das war der ideale Nährboden für die Ausbildung und die beste Voraussetzung für die Etablierung totalitärer Systeme, so auch in Österreichs unmittelbarer Nachbarschaft:
In Italien hatte sich Mussolini als Vorkämpfer des italienischen Faschismus installiert, in Deutschland verfolgte Hitler ähnliche Ziele. Während in Jugoslawien König Alexander I eine Militärdiktatur errichten wollte, herrschte in Ungarn der Reichsverweser Miklos Horty über ein entmachtetes Parlament.

Amtliche Dokumente
Statt dem heute üblichen Staatsbürgerschaftsnachweis gab es den so genannten Heimatschein.  Dieses Dokument existiere seit 1849. Es wurde erst unter den Nationalsozialisten im Jahr 1939 durch den „Staatsbürgerschaftsnachweis“ ersetzt, der dann in der 2. Republik beibehalten wurde. Der Heimatschein bekundete das Heimatrecht. Das war wichtig für die soziale Absicherung, denn die Heimatgemeinden hatten die Pflicht, für Waisen, Kranke, Arme, Alte und Gebrechliche zu sorgen, aber auch Kriminelle aufzunehmen. Man konnte also Gefahr laufen, in die Heimatgemeinde abgeschoben zu werden, wenn man sich eines Vergehens schuldig machte oder wenn man arm, obdachlos oder arbeitslos war. Nach dem Zerfall der Monarchie war der Heimatschein besonders begehrt. Das Heimatrecht funktionierte nach einem patriarchischen Grundprinzip: wenn eine Frau heiratete, erhielt sie das Heimatrecht in der Gemeinde ihres Mannes, ebenso wie die ehelichen Kinder. Seit 1901 war es jedem Staatsbürger möglich, nach zehnjährigem Aufenthalt in einer Gemeinde das Heimatrecht zu beantragen.
Nach der Verabschiedung der österreichischen Bundesverfassung im Jahr 1920 wurde 1925 auch das Heimatrecht novelliert. 1925 wurde das Staatsbürgergesetz erlassen, das zusätzlich zur Staatsbürgerschaft auch die Bundesbürgerschaft regelte, für die wiederum die Heimatberechtigung erforderlich war. Demnach konnte man durch Geburt und Verehelichung österreichischer Staatsbürger werden, oder aber nach vierjährigem, nachgewiesenem Aufenthalt die Staatsbürgerschaft beantragen.  Ehefrauen erhielten automatisch die Staatsbürgerschaft der Geehelichten.

Eine besonders wichtige Rolle für Menschen, die auf Arbeitssuche waren, spielte das Arbeitsbuch. Die Vorlage des Arbeitsbuches, bei den Arbeitern und Handwerkern auch „Wanderbuch“ genannt, war Voraussetzung dafür, überhaupt eine Arbeit zu erhalten. Es war strafbar, Menschen ohne Arbeitsbuch einzustellen.
Da so etwas wie „Datenschutz“ unbekannt war, konnten Arbeitgeber sich bei den Behörden über die Familien- und Vermögensverhältnisse der Arbeitsuchenden Auskunft geben lassen.

Deutschösterreich
Unmittelbar nach Kriegsende wurde am 12. November 1918 in Österreich die allererste Republik ausgerufen. Man bezeichnete sich als „Republik Deutschösterreich“. Alle drei Parteien, das heißt sowohl die Christlichsozialen als auch die Sozialdemokraten und Deutschnationalen, hatten den Anschluss an das Deutsche Reich beschlossen. Niemand glaubte zunächst, dass dieser Kleinstaat, dieses „Restösterreich“ alleine überlebensfähig war. Zu groß waren die Wunden, die der Krieg hinterlassen hatte. Über eine Million Kaisersoldaten waren gefallen, die Infrastruktur und Wirtschaft zusammengebrochen, man hungerte.
Der Zerfall der Monarchie hatte viele Menschen staaten- und heimatlos gemacht. Viele Orte Deutschösterreichs, erhielten unzählige Bewerbungen um das Heimatrecht, besonders von Menschen aus anderssprachigen Gebieten, die sehr darum bemüht waren, ihr Deutschtum hervorzuheben.
Deutsch ist nicht dies oder jenes: sondern deutsch ist ein unermeßlich und herrlich Gemeinsames, das letztlich unsäglich bleibt. Deutsch ist nicht Luther, nicht Kant, nicht Goethe, nicht Bismarck allein: sondern sie alle zusammen sind es noch nicht, denn es ist nur das völlige Eins aller Deutschheiten; aber jede hat, wenn sie recht zur Idee strebt, für ihren Teil das Wesen des Einigen.
(Felix Braun: Deutsche Geister. Aufsätze von Felix Braun. Leipzig: Nikola, 1925, S.)

Deutschsein war also durchaus positiv besetzt. Dennoch flackerte innerhalb des Deutschen die ausgeprägte österreichische Identität durch:
[…] Immerhin haben wir österreichische Deutsche durch die jahrhundertelange Zwangsgemeinschaft mit Slawen, Italienern, Magyaren, Rumänen usw. gelernt und sind bei allem Deutschtum ein übernationaler Typus geworden, der vielleicht eine höhere Form des deutschen Menschen bedeutet. Wir haben keinen Grund, diese höhere Form deutschen Menschentums aufzugeben, um uns neuerlich in die Wirren des militanten Nationalismus zu stürzen. Fast möchte ich sagen, wir können in unserer staatlichen Selbständigkeit, in ihrer durch den Beschluß der ganzen Welt garantierten Unabhängigkeit dem Deutschtum mehr leisten, denn als Appendix eines Reiches, in dem wir den höchst unverdienten Ruf von sentimentalen Schlappschwänzen haben […]
(Anton Wildgans an Hermann Kienzl (Berlin) am 27. März 1924).

Das Anschlußverbot änderte nichts daran, daß sich eine Großzahl der Österreicher dem Deutschen Reich verbunden fühlten und sich auf einen in Zukunft stattfindenden Anschluß vorbereiteten. Angleichungen fanden auf mehreren Ebenen statt, so auf der juristischen und technischen Ebene, aber auch durch eine quasi gemeinsame Hymne: „Sei gesegnet ohne Ende“-lautete der Text von Ottokar Kernstock für die neue „alte“ Hymne 1930, denn die Melodie, war die der ehemaligen Monarchie, der von Joseph Haydn komponierten Kaiserhymne. Selbige war zu dieser Zeit schon die deutsche Nationalhymne.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006
Braun, Felix: Deutsche Geister. Aufsätze von Felix Braun. Leipzig: Nikola, 1925
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Wildgans, Anton: Ein Leben in Briefen Band 3 (1917–1924) Wien: Wilhelm Frick, 1947
Demokratiezentrum Wien: Entwicklung der Staatsbürgerschaft in Österreich
Demokratiezentrum Wien: Politische Entwicklung in Österreich 1918–1938
Austria-Forum: Die Entwicklung des österreichischen Bundeswappens
Andreas Novak und Wolfgang Stickler: Krisen, Morde, Bürgerkriege. Edition ORF Doku, 2014