Der österreichische Film

Anfang der Zwanziger-Jahre gab es in Wien um die 20 Filmproduktionsfirmen. Diese erzeugten pro Jahr ca. 80 Filme, im Schnitt war das alle fünf Tage ein Film! Hinzu kamen noch jährlich an die 100 Kurzfilme.
Die Filmfabriken trugen Namen wie Fiat-Film, Eos-Film, Emge-Film, Sascha-Film, Schönbrunn-Film, Listo-Film, Mondial-Film, Pan-Film, oder Vitafilm. Zu den wichtigsten zählten die Dreamland Film Company, die Micco-Film und die Astoria-Film. Fast jede Woche stellten die Produktionsfirmen einen neuen Film vor.
Trotz des schnellen und lebhaften Aufschwungs der Filmwirtschaft, befand sie sich nach nur drei Jahren in der Krise. Während 1922 jährlich durchschnittlich 70 abendfüllende Filme erschienen, waren es 1923 nur noch 35. Nach dem Börsenkrach 1924 reduzierte sich die Zahl auf 16 und 1925 wurden überhaupt nur noch 5 Filme pro Jahr produziert.
Die Gründe für den schnellen Verfall waren vielfältig: viele Firmen waren aufgrund von Spekulationen gegründet worden, das Kapital war auf viele Einzelunternehmen zersplittert, die Sparte konnte der Verflachung der Konjunktur nicht entgegenwirken. Außerdem war es in Österreich fast unmöglich, die Herstellungskosten für einen Film wieder hereinzuwirtschaften, weil das auf 6 Millionen Einwohner geschrumpfte Land einfach zu klein war. 90% der Produktionskosten hätten durch Ausfuhr in andere Länder gedeckt werden müssen, was in einer Zeit, wo der US- Film durch wesentlich preiswertere Produktionen die europäischen auf dem Markt verdrängte, ein Ding der Unmöglichkeit war.
Auch die Inflation spielte eine Rolle: beliefen sich die Herstellungskosten für einen Film 1922 auf 80 Millionen Kronen, so waren 1924 schon 50 Milliarden erforderlich. Die schwache Krone jedoch begünstigte gegenüber den harten Valuten den Filmverkauf ins Ausland, die Einführung des Schillings bedeutete wiederum eine Erschwernis für die Filmwirtschaft.

Während also manch kleine Filmfabrik genauso schnell wieder verschwand, wie sie entstanden war, konnten zwei große Produktionsfirmen aus der Vorkriegszeit ihre Vormachtstellung im Filmgeschäft ausbauen und bewahren: Die Sascha-Film und die Vita-Film. Diese hatten auch firmeneigene Kinos, in denen die Filmpremieren gefeiert wurden. Zu diesem Anlass wurden die Kinos im Dekorationsstil der jeweiligen Filme geschmückt.
Die größte Filmproduktionsgesellschaft der Stummfilmzeit war die von Sascha Kolowrat gegründete Sascha-Filmindustrie AG, die seit 1912 als Sascha-Filmfabrik ihren Sitz in Wien hatte.  1918 fusionierte sie mit dem Filmverleiher Philip & Pressburger und nannte sich seither Sascha-Filmindustrie AG.

FILMPIONIERE

Sascha Kolowrat
1927 besetzte Kolowrat die Hauptrollen in Café Elektrik mit den vielversprechenden Jungschauspielern Willi Forst und Marlene Dietrich. Beide sollten zu großen Filmstars werden. Einmal mehr zeigte sich Sascha Kolowrats untrügerisches Gespür für junge Talente.
Kolowrat hinterließ ca. 150 Kurz- und Langspielfilme, Hunderte von Naturaufnahmen, IndustriefilmeN und Aktualitäten.
Für Sascha-Film arbeiteten Künstler wie Fern Andra, Raoul Aslan, Armin Berg, Maria Corda, Lily Damita, Marlene Dietrich, Lucy Doraine, Heinrich Eisenbach, Alphons Fryland, Fritz Kortner, Willi Forst, Karl Farkas, Alexander Girardi, Mary Kid, Ernst und Hubert Marischka, Joe May, Hans Moser, Nita Naldi,  Anny Ondra, Ossi Oswalda, Paul Richter, Magda Sonja, Igo Sym, Otto Treßler, Michael Varkonyi, Richard Waldemar und Gisela Werbezirk. Auch Schlüsselfiguren der österreichischen Filmgeschichte, darunter Artur Berger, Karl von Borsody, Fritz Freissler, Karl Hartl, Karl Freund, Michael Kertész, Alexander Korda, Walter Reisch, Hans Theyer, Gustav Ucicky und Conrad und Robert Wiene waren an seinen Produktionen beteiligt.
Erst nach dem Tod Kolowrats 1927 und dem Aufkommen des Tonfilms war die Erfolgsgeschichte der Sascha-Film zu Ende.

Sodom und Gomorrha- der erste österreichische Monumentalfilm
Der erste Film, der von Sascha-Film in den Studios am Laaer Berg gedreht wurde, war der Monumentalfilm Sodom und Gomorrha. 3000 Statisten wurden engagiert, viele Arbeitslose konnten sich vorübergehend über einen „Job“ freuen. Die Regie übernahm Regisseur Michael Kertész. Chefkameramann war Gustav Ucicky, der uneheliche Sohn Gustav Klimts. In den Hauptrollen spielten Lucy Doraine (Kertész´ Frau) und Walter Slezak, der sein Schauspieldebut gab. Unter den Komparsen befanden sich Schauspieler, die noch unbekannt waren, aber eine große Schauspielkarriere vor sich hatten: Paula Wessely, Willy Forst und Hans Thimig.
Da in Sodom und Gomorrha riesige heidnische Tempel und Statuen zum Einsturz gebracht werden sollten, wurde ein berühmter Filmarchitekt und Szenenbildner aus Berlin engagiert: Julius von Borsody. Er setzte eine spezielle Sprengtechnik ein. Auch für den Feuerregen, sowie Schwefel- und Ascheregen durch den die Komparsen „um ihr Leben laufen“ mussten, war er verantwortlich. Leider kam es während der Dreharbeiten bei den Sprengungen aber tatsächlich zu lebensgefährlichen Situationen: Bei dem „Untergang von Sodom und Gomorrha“, als die Kulissenstadt weggesprengt werden sollte, wurden einige Statisten schwerverletzt, einige kamen sogar zu Tode.
Sodom und Gomorrha wurde zum Welterfolg, sogar in den USA war der Film ein Kassenschlager!

Österreichs FilmpionierInnen Anton und Luise Kolm und Jakob Fleck
Die FilmemacherInnen Anton Kolm, Jakob Fleck und Luise Veltée/Kolm/Fleck waren die wahren Pioniere des österreichischen Films. Unter mühsamen Bedingungen, in der Zeit des Ersten Weltkrieges wurde von den FilmpionInnen Kolm, Fleck und Velté die ersten österreichischen Filme produziert. Während z. B in Frankreich, den USA, Italien, England, Spanien und Schweden die Filmproduktionen schon Ende des 19. Jahrhunderts einsetzten, geschah dies in Österreich erst 1906. Besonders schwierig war es sich gegen das Monopol der französischen Filmproduzenten in Wien durchzusetzen. Ab 1912 hieß die Kolm’sche Produktionsfirma Wiener Kunstfilm-Gesellschaft. Mit Anlehnung an den französischen Kunstfilm sollten österreichische Spielfilme mit Niveau produziert werden. Während Anton sich als Direktor den geschäftlichen Aufgaben widmete, führte Jakob Fleck gemeinsam mit Louise Kolm die Regiearbeit. Er war auch Kameramann und somit der künstlerisch-technische Leiter. Nach dem Tod Anton Kolms, der an Krebs erkrankt war, heiratete Louise Kolm Anton Fleck.

Vita-Film
Die Vita-Film wurde 1919 von Anton und Luise Kolm gegründet und war die Nachfolgefirma der Wiener Kunstfilm-Industrie.
1923 errichtete die Vita Film die Rosenhügel-Filmstudios. Dort wurde 1922 der Monumentalfilm Samson und Delila produziert, die Kosten beliefen sich auf 12 Millionen Kronen. Im Gegensatz zur Sascha-Film, die das US-Kino zum Vorbild hatte, orientierte sich die Vita-Film an französischen und belgischen Vorbildern. So wurden auch Filme mit französischen Regisseuren produziert:

1923 Die sterbende Sonne, Regie: Germaine Dulac
Das Haus im Walde, Regie: Jean Legrand
Horoga, Regie: Severin Mars
Die Insel ohne Liebe, Regie: M. Liabel
Clown aus Liebe, Regie: Edouard-Emile Violet

1924 wurde Das Bildnis gedreht. Der belgische Regisseur Jacques Feyder, war einer der frühen Realisten. Das Drehbuch stammte von dem bekannten Schriftsteller Jules Romains. Dieser Film war die letzte Produktion der Vita-Film. Die Vita-Film ging pleite, wie die meisten anderen Filmproduktionsgesellschaften aufgrund der Konkurrenz preisgünstiger, aber hochwertiger US-Produktionen, die den Markt bereites überschwemmt hatten.

Die Rosenhügel-Studios der Vita-Film

Zeichnung der Vita-Film-Ateliers (Foto: via Wikimedia Commons)

Zwischen 1919 und 1923 entstand am Rosenhügel im Süden Wiens die damals größten und modernsten Filmstudios Österreichs. Schon vor der Entstehung der Studios wurden hier 1922 Dreharbeiten zu dem Monumentalfilm Samson und Delila durchgeführt, ein Film dessen Produktion 12 Millionen Kronen verschlang.
Die Fläche der Rosenhügelstudios betrug 25.000 Quadratmeter. Das größte Atelier war 90 Meter lang, 40 Meter breit und 70 Meter hoch und verfügte über ein Wasserbecken.  Für Außenaufnahmen stand ein 8000 Quadratmeter großes Podium bereit mit einer drehbaren Bühne mit 25 Metern Durchmesser. Dieses war notwendig, um das Set nach der Sonne auszurichten.

Filme, die in den 20ern am Rosenhügel produziert wurden, waren:
1921 Der tote Hochzeitsgast, Regie: Max Neufeld
1922 Samson und Delila, Regie: Alexander Korda
1923 Hoffmanns Erzählungen, Regie: Max Neufeld
1924 Hotel Potemkin, Regie: Max Neufeld
1925 Das Bildnis, Regie: Jacques Feyder, letzte Vita-Film-Produktion am Rosenhügel

Nachdem die Vita-Film 1924 in Konkurs gegangen war, standen die Studios bis 1933 leer.

SODOM UND GOMORRHA  (Österreich: 1922)
Untertitel: Die Legende von Sünde und Strafe
Teil 1: Die Sünde, Teil 2: Die Strafe
Produktion: Sascha-Filmindustrie AG, Wien
Produzent: Alexander Kolowrat
Verleih (Österreich): Vereinigte österreichische Filmleihanstalten G.m.b.H.
Regie: Michael Kertész
Drehbuch: Michael Kertész, Ladislaus Vajda
Kamera: Gustav Ucicky
Musik: Giuseppe Becce
Bauten: Julius v. Borsody (Chefarchitekt), Hans Rouc, Stephan Wessely
Besetzung:
Lucy Doraine (Miss Mary Conway, Sarah – das Weib des Lot, Lia – die Königin von Syrien)
Walter Slezak (Mr. Eduard Harber, Sohn von Jackson Harber, Student am Cambridge Lyzeum, ein Goldschmied von Galiläa), Filmdebüt
Erika Wagner (Mrs. Agatha Conway, Mutter von Mary)
Kurt Ehrle (Harry Lighton – Bildhauer, Lot)
Paul Askonas, Julius Szöreghy, Franz Herterich und mehr als 3000 Komparsen (unter ihnen Willi Forst, Paula Wessely, Hans Thimig, Béla Balázs)
Drehort: Wien (Sascha-Filmstadt am Laaerberg, Innenstadt, Schönbrunn, Hermesvilla), Laxenburg bei Wien, Steiermark (Erzberg)
Herstellungsjahr: 1921/22
Uraufführung: 13. Oktober 1922 (Teil 1: Die Sünde). 20. Oktober 1922 (Teil 2: Die Strafe), Wien

Der zweiteilige Film wurde in einen einteiligen umgearbeitet und ist am 11. Mai 1923 herausgekommen.
Zensur: Schulverbot

Die Dreharbeiten zu diesem Monumentalfilm dauerten ein Jahr. Der „Tempel der Astarte“ war einer der größten Filmbauten aller Zeiten.

Handlungsebene 1: Die schöne junge Mary Conway soll den reichen und skrupellosen, wesentlich älteren Börsenmagnaten Harber heiraten und ihren Geliebten, den Bildhauer Harry verlassen. Ihre geld- und luxusgierige Mutter rät ihr dazu. Als Mary dies Harry ohne Umschweife mitteilt, versucht dieser, sich umzubringen. Mary’s Reaktion darauf sind wilde Flirtanfälle mit dem eben aus dem Internat zurückgekehrten Eduard, dem Sohn Harbers. Dessen Erzieher, ein Priester, möchte den jungen Mann vor der liederlichen Mary beschützen und beginnt, eine Gleichnis zu erzählen:
Handlungsebene 2: (spielt im alten Orient): Die Königin von Syrien (Mary) knechtet ihre Untertanen. Ein junger Goldschmied (Eduard) verehrt sie und verteidigt sie sogar, als sie einen Aufstand seiner Klasse brutal niederschlägt. Daraufhin verurteilt sie den jungen Goldschmied aus einer Laune heraus zum Tode.
Handlungsebene 1: Mary lernt nichts aus dem Gleichnis. Sie verabredet sich für den Abend sowohl mit Eduard, als auch mit seinem Vater im Gartenpavillon. Mary, die als erste dort eintrifft, legt sich auf einen Diwan, schläft ein und beginnt zu träumen.
Sie träumt, dass Eduard und Mr. Harber im Pavillon aufeinandertreffen und eine Rauferei beginnen, bei der der Vater zu Tode kommt. Daraufhin wird Mary wegen Anstiftung zum Mord eingesperrt. Im Gefängnis sitzend und auf ihre Hinrichtung wartend erscheint der Priester bei ihr und erzählt wieder ein Gleichnis.
Handlungsebene 3:  Sarah (Mary), die Frau des Lot (Harry) verehrt die heidnische Göttin Astarte (Gigantische Kultzeremonien werden inszeniert). Da steigt der Engel des Herrn (Priester) herab und möchte, dass diesem Treiben Einhalt geboten wird, doch niemand hört auf ihn. Daraufhin schickt er Feuer und Schwefel, um das Böse zu vernichten, Sodom wird zerstört. Der gläubige Lot bittet um Gnade für seine Frau und so werden die beiden verschont. Allerdings ist ihre Rettung an eine Bedingung geknüpft: auf dem Weg aus der Stadt darf sich Sarah nicht umdrehen. Sie tut es dennoch und erstarrt zu einer Salzfigur. Auch Mary ist verloren und wird zur Hinrichtung geführt.
Handlungsebene 1: Nun wacht Mary im Pavillon wieder auf. Sie hat sich durch den Traum gewandelt und erkennt nun, wie selbstsüchtig und gemein sie war. Unverzüglich fährt sie zu Harry ins Krankenhaus, um ihm Lebensmut zu geben.

Der Erfolg von Sodom und Gomorrha ist weniger auf die Handlung zurückzuführen, als vielmehr auf die opulente Inszenierung der Gleichnis-Szenen.

Quellen:
Markus Nepf: Die ersten Filmpioniere in Österreich. Die Aufbauarbeit von Anton Kolm, Louise Veltée/Kolm/Fleck und Jakob Fleck bis zu Beginn des Ersten Weltkriegs. In: Elektrische Schatten. Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte. Wien: Filmarchiv Austria, 1999
Günter Krenn: Der bewegte Mensch-Sascha Kolowrat. In: Elektrische Schatten. Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte. Wien: Filmarchiv Austria, 1999
Elisabeth Büttner-Christian Dewald: Michael Kertész. Filmarbeit in Österreich bzw. bei der Sascha- Filmindustrie A.-G., Wien, 1919-1926.In: Elektrische Schatten. Beiträge zur Österreichischen Stummfilmgeschichte. Wien: Filmarchiv Austria, 1999