Kunst und Architektur der Metropolen

Die 10er Jahre waren geprägt von innovativen künstlerischen Strömungen der Avantgarde. In den 20er Jahre wiederum begann eine Phase erneuter Vorsicht und aufkeimenden Konservatismus. In den großen Demokratien wie Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten waren konservative politische Kräfte an der Macht.  Auch in der Sowjetunion wurde das Verhältnis zwischen Avantgarde und den neuen Machthabern immer schwieriger. In Italien feierte Mussolinis Faschismus seinen Siegeszug und hatte eine Rückbesinnung auf die klassische Bildsprache und auf vermeintlich klassische Werte zur Folge.

Surrealismus
Sigmund Freuds populär gewordene Psychoanalyse nahm Einzug in die Kunst: 1924 gilt als das Geburtsjahr des Surrealismus. Dem Unbewussten der Seele wird größere Bedeutung beigemessen als dem bewussten Handeln. Vater der surrealistischen Bewegung ist André Breton (1896–1966). In seinem 1924 erschienen Manifest forderte er die Abkehr von traditionell ästhetischen Vorstellungen und moralischen Werten.

Die Weimarer Republik
Viele intellektuellen Konflikte spielten sich in der Weimarer Republik ab, jenem „Rumpfstaat“, der an die Stelle des 1919 vernichtend geschlagenen Kaiserdeutschlands getreten war. Entkräftet durch die Kriegsschuldzahlungen, die die Aliierten Siegermächte den Deutschen auferlegt hatten und geschwächt durch eine zersplitterte Parteienlandschaft, stolperte die Weimarer Republik von einer Krise in die andere, bis zum endgültigen Todesstoß durch die Weltwirtschaftskrise, die 1929 begann. Trotz der gesellschaftlichen Probleme entstand in dieser Zeit ein ganzheitlicher Ansatz in Bezug auf die bildende Kunst und ihren Stellenwert im 20. Jahrhundert. Diese Entwicklung stützte sich insbesondere auf die Aktivitäten des Deutschen Werkbunds in der Vorkriegszeit, in dessen Dunstkreis zahlreiche der inzwischen als führend anerkannten Künstler ihren Weg begonnen hatten. Der Werkbund stand für eine hohe Qualität und Effektivität in der deutschen Industrieproduktion. Ihre Nachfolgeinstitution war das Bauhaus. Seine Lehrenden galten überwiegend als Parteigänger der politischen Linken.

ARCHITEKTUR
Trotz der Verheerungen im Krieg konnte die bedeutendste Architektur der 20er Jahre in Europa entstehen. Die wegweisenden Architekten konnten nicht immer ihre visionärsten Pläne realisieren, aber sie schufen eine neue architektonische Formensprache.

Niederlande: Gruppe De Stijl
Ihr Begründer Theo Van Doesburg lebte ab 1922 in Weimar und beeinflusste dort das Bauhaus. Sein Grundprinzip war der Einsatz elementarer Formen auf Basis von Kreuzungen horizontaler und vertikaler Linien, diese Methode hieß Neoplastizismus. (Vorkriegsbeispiel: Fagus Werk von Gropius und Meyer)

Architekten: Gerrit Rietveld (das kleine Haus Schröder in Ütrecht) 1924

Gestaltungsprinzipien, die er schon für Möbel entwickelt hatte, wurden hier auf ein groß angelegtes Architekturprojekt übertragen. Dynamik und Offenheit blieb trotz der traditionellen Materialien Ziegel und Holz erhalten, das Obergeschoß wurde durch flexible Trennwände segmentiert.

J.J. P. Oud (Wohnsiedllung in Hoek van Holland) 1924–1927

Propagierte ein populäres und kostengünstiges Bauen, abweichend von De Stijls vorgegebenen Stilprinzipien wurden Terrassen mit abgerundete Ecken intergriert.

Die Moderne Architektur reagierte hier auf die Veränderung sozialer Bedürfnisse und dokumentierte die Pflicht des Architekten, Gebäude zu errichten, die diesem Wandel Rechnung trugen.

Berlin
Ein neues Modell des Zusammenlebens entstand, Berlin sollte komplett erneuert werden. Die Entwürfe waren wirtschaftlich, ehrgeizig und detailversessen, alle Notwendigkeiten wurden ausgelotet, sogar wie viel Kubikmeter Raum ein Schlafzimmer haben sollte, damit die Luft gut war. Damit die Wohnungen leistbar waren, durfte kein Platz „verschenkt“ werden. Zwischen 1924 und 1930 wurden in Berlin 140.000 Wohnungen gebaut. Zuletzt die Waldsiedlung Onkel Toms Hütte. Alle sollten gleichberechtigten Zugang zu Licht, Sonne, Luft und Natur haben. Diese Neuerungen waren aus hygienischer und medizinischer Sicht sehr wichtig. Verglichen mit den Mietskasernen des 19. Jahrhunderts war das ein riesiger Fortschritt.

Berlin war in 2 Lager gespalten: Bruno Taudt, Stadtbaurat Martin Wagner, Bauhausleiter Walter Gropius und Miess van der Rohe, gründen 1926 die Vereinigung der Ring für ein modernes funktionales Bauen mit Flachdacharchitektur. Diese neue Architektur prägte die Berliner Stadtlandschaft nachhaltig. Ihnen gegenüber stand eine Gruppe unter Führung des Architekten Paul Schmithenner, die nach dem Vorbild des Goethe Hauses in Weimar die traditionalistische Architektur vertrat. In diesem Lager befand sich auch Alber Speer („Hitlers Architekt“: Flughafen Tempelhof). Sie lehnte Flachdächer als „fremdartig, undeutsch und falsch“ als „Verkörperung kommunistischer Ideen“ ab. Dieser Kampf „Spitzdach versus Flachdach“ wird als der „Dächer-Krieg“ bezeichnet. Gegenüber den Wannseevillen wurde 1927 ein Strandbad für Familien mit niedrigem Einkommen eröffnet. Die Siedlungen der Berliner Moderne sind heute Unesco Weltkulturerbe.

Die Bauhaus-Architekten
Der große Bedarf nach preiswerten Wohnraum brachte ein Umdenken in der Architektur mit sich:
Walter Gropius wirkte als berühmter Architekt am Bauhaus, es wurde jedoch zunächst eine eher handwerkliche Ausrichtung verfolgt.
Die Wirtschaftskrise in Deutschland bewirkte einen Wandel. Das Handwerk wurde nun nicht mehr als eine Tätigkeit um seiner selbst Willen gesehen, sondern als Vorstufe zum Design im Rahmen der industriellen Massenproduktion. Van Doesburg hatte diesen Richtungswechsel mit herbeigeführt. In einem 1923 erschienenen Aufsatz plädierte er für Verträge zwischen dem Bauhaus und Industrieunternehmen mit dem Ziel „gegenseitiger Stimulanz“. Als das Bauhaus aus politischen Gründen von Weimar nach Dessau übersiedeln musste, wurde dort eines radikal neues Gebäude erschaffen: das Dessauer  Bauhaus.

Ludwig Mies van der Rohe: Wohnblöcke für die Werkbundausstellung in Stuttgart 1927. Insistieren auf Flachdächer; Deutscher Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona, 1929

Frankreich: Le Corbusier (Charles Edouard Jeanneret, 1887–1965)
Vom Geist des Deutschen Werkbunds beeinflusst, arbeitete Le Corbusier mit Eisenbeton und schuf Gebäude für wohlhabende und fortschrittliche Auftraggeber. In der 3 Millionen Metropole Paris plante Le Corbusier 26 Bürobauten mit kreuzförmigen Grundrissen im Herzen der Stadt. Dies sollte eine Anpassung an den Aufschwung des Dienstleistungssektors und den Automobilverkehr darstellen. Das Denken in neuen Dimensionen sollte angeregt werden, Altes sollte weg. Diese weit auseinanderstehenden und sehr hohen Gebäude wurden allerdings nicht realisert.

Robert Manet Stevens schuf geometrische Skulpturen durch Verschachtelung verschiedener Formen und verband den französichen Geschmack mit den neuen Formen der Moderne.

Architektur in den Vereinigten Staaten
Trotz seiner wirtschaftlichen Hochblüte hinkte Amerika stilistisch den Entwicklungen in Europa hinterher. Ausnahmen bildeten Rudolf Schindler (1887–1953) und Richard Neutra (1892–1970), die Privathäuser konzipierten. Sie hatten ihre Ausbildung in Wien absolviert und waren beeinflusst von Otto Wagner und Adolf Loos. Ähnlich Le Corbusier, aber irregulärer Rhythmus, wirke ihre Architektur eher expressionistisch.

Neutra: Lovell House, 1927–1929, Fertigteilstruktur mit Flügelfenstern aus Stahl, die in ein Stahlskelett eingepasst sind: In nur 40 Stunden errichtet.

Wolkenkratzer in New York, moderne Idealstadt. Mit Art Deco Ornamenten verziert. Chrysler Building 1928-1930, Entwurf: William van Alen. (1883-1934); hochaufragende Aluminiumspitze

CHRONIK: KUNST und ARCHITEKTUR
1920

1922

  • Semana de Arte Moderna in São Paulo, Brasilien
  • Pablo Picasso: Laufende Frauen am Strand
  • Eröffnung des Akron Art Museum in Ohio
  • Marc Chagall und Wassily Kandinsky kommen aus Rußland nach Deutschland

1923

  • Große Berliner Kunstausstellung
  • In Weimar beginnt die erste Ausstellung des Bauhaus mit einem Vortrag des Architekten Walter Gropius. Die Lehrenden, unter ihnen  Wassiliy KandinskyPaul Klee und Lyonel Feininger, stellen eine Auswahl ihrer Arbeiten vor. Das in diesem Zusammenhang errichtete Musterhaus Am Horn veranschaulicht das neue architektonische Denken.
  • Max Beckmann Das Trapez
  • Marcel Duchamp: Die Neuvermählte, soeben von ihren Junggesellen entkleidet

1924

  • Erstes surrealistisches Manifest von André Breton
  • Stuart Davis: Odol
  • Leger führt Regie bei Le Ballet mécanique

1925

  • Das Bauhaus in Weimar löst sich aufgrund eines Beschlusses der konservativen Landesregierung in Thüringen auf und siedelt nach Dessau über. Vorausgegangen sind Anfeindungen der Rechtspresse, die das Bauhaus als „kommunistische Zentrale sowjetischer Aufmachung“ diffamierten.
  • Eröffnung der Ausstellung Neue Sachlichkeit in der Kunsthalle Mannheim
  • Eröffnung der ersten großen Kollektivausstellung der Surrealisten in der Pariser Galerie „Pierre“
  • Mario Sironi: Einsamkeit

1926

  • Erste Novecento- Ausstellung in Rom
  • Große Retrospektive des im Juli 1925 verstorbenen Malers Lovis Corinth in der Berliner Nationalgalerie
  • In Berlin wird die Architektenvereinigung Der Ring gegründet. Ihr gehören auch Walter Gropius und Mies van der Rohe an
  • Das neuerrichtete Bauhaus von Gropius in Dessau wird eingeweiht. Neben dem Neubau der Hochschule ist auch eine Mustersiedlung entstanden
  • Paul Klee: Florentinisches Villenviertel
  • Georg Grosz: Die Stützen der Gesellschaft

1927

  • In Stuttgart wird die Architekturausstellung Die Wohnung vom Deutschen Werkbund eröffnet. Unter Ludwig Mies van der Rohe ist auch die Weißenhofsiedlung mit 60 Wohneinheiten von führenden europäischen Architekten errichtet worden.
  • Eröffnung des Paula Modersohn- Becker Museums in Bremen
  • Der Leiter des BauhausesWalter Gropius, bittet um die vorzeitige Entlassung aus seinem Amt. Er begründet diesen Schritt mit seinem verstärkten Engagement für neuere Bauvorhaben. Nachfolger von Gropius wird der Schweizer Architekt Hannes Meyer .
  • René Magritte: Der bedrohte Mörder
  • Ernst Barlach: Güströwer Ehrenmal

 

1928

  • Tarsilia do Amaral: Abaporu
  • André Breton veröffentlicht Le Surréalisme et la Peinture
  • Johannes Brinkmann und L.C. van der Vlugt, Tabakfabrik Van Nelle, Rotterdam

1929

  • Piet Mondrian: Foxtrot B
  • Charles Sheeler: Oberdeck
  • Das Museum of Modern Art in New York wird eröffnet

Quellen:
Edward Lucie Smith, Bildende Kunst im 20. Jahrhundert, Köln: Könemann, 1999
Frederic Wilner: Nachbarschaftsgeschichten. Vierteilige Doku-Reihe. Iliade Pruduction, Frankreich, 2015
http://www.was-war-wann.de
http://www.dhm.de/lemo/jahreschronik/