Mode

Schuhmode
Auch die Schuhmode brachte viel Neues mit sich. Dadurch, dass die Kleider kürzer wurden, fielen die Schuhe auf besondere Weise auf. Hohe Absätze und Riemchen zierten Schuhe aus Materialien wie Schlangen- oder Krokodilleder sowie Samt und Satin. Straß, Perlen sowie Gold- und Siberapplikationen rückten die neuen Modell in den Fokus der Aufmerksamkeit.
Zu Abendkleidern, die übrigens wiederum durchaus feminin waren, trugen die Damen gerne Sandalen mit hohen Absätzen. Auch Pumps mit T-förmigen Riemchen, Spangenpumps oder Pumps mit Knöchelriemen hatten hohe Absätze. Zehenfreie Sandalen kamen auf und rot- und orangefarbene Nägel machten die Zehen zu einem besonderen Blickfang.
Außerdem erfreuten sich funktionale und bequeme Schuhe wie Schnürschuhe mit soliden Absätzen und Oxford- Halbschuhe mit mittelhohen großer Beliebtheit. Ab Mitte der 20er waren Pumps mit hohem Schaft und Stiefeletten zum Knöpfen oder Schnüren in Mode.

Das Makeup
In den frühen 20er Jahren verwendeten die Damen zur Mattierung des Gesichts meist creme- oder elfenbeinfarbene Gesichtspuder. Ab der Mitte der 20er griff man auf Töne zurück, die eher dem Naturfarbton entsprachen oder nur eine Spur heller waren. Das Wagenrouge war zunächst rosé oder himbeerfarben, später aber auch orange.
Die Lippen schminkte man dunkelrot, rotbraun, pflaume und orange, gegen Ende der 20er auch rosé, himbeerfarben und mittelrot. Dabei wurden die Lippen folgendermaßen übermalt:  in der Breite etwas verschmälert, dafür aber überhöht, sozusagen wie ein Kussmund geformt.
Beim Augenmakeup dominierten dunkle Farbtöne. Das ganze Auge wurde mit einem schwarzen Stift umrandet und die Ränder leicht verwischt. Der Lidschatten war dunkelgrau, türkis oder grün. Die Wimpern wurden schwarz getuscht. Die Augenbraunen waren dünn und nach unten gezogen, man verwendete dafür einen dunklen Augenstift.
Die Fingernägel wurden nur in der Mitte lackiert, der Halbmond und die Nagelspitzen blieben unlackiert.

Kindermode
Die Kleider der Mädchen wurden ebenfalls kürzer. Sie waren knielang gefertigt und aus zartem Stoff. Die Farbe Weiß war überall zu sehen, ebenso wurden auch Stoffe mit Blumen verarbeitet. Mädchen zogen statt der schwarzen Strümpfe nun weiße Socken oder Strümpfe an. Die Buben trugen lange Hosen, deren Stoff ebenfalls nicht mehr so schwer und dunkel war wie in den Anfängen des Jahrhunderts. Aus den Matrosen ähnlichen Jacken wurden schicke Blazer und Jacketts in meist hellen, freundlichen Farben.

Strickmode
In den 20er Jahren wurde das Stricken neu entdeckt. Man trug gerne Pullover mit V-Ausschnitt oder Rollkragen, einfarbig oder gemustert. Gestrickte Kleidung hat einerseits den Vorteil, dass sie nicht gebügelt werden muss, anderseits kann man die Kleidungsstücke, wenn sie nicht mehr passen oder fehlerhaft sind, auftrennen und die Wolle neu verwenden.
Wer sich oder seinen Kindern keinen teuren Mantel kaufen konnte, strickte der Tochter eine Weste oder einen Pullover und dem Sohn eine Jacke. Notfalls konnte man auch mehrere Strickjacken oder Pullover übereinander tragen.

Bademode
Die Bademode der 20er Jahre erregte vielfach die Gemüter. Zunächst löste das moderne Badetrikot die umständlichen, dunklen Badekleider der Monarchie ab. Der Schnitt wurde recht verwegen, die Damen zeigten wie die Herren ihre Knie. Zudem wurden die Badeanzüge heller und bunter. Ab 1928 kamen in den Vereinigten Staaten die ersten zweiteiligen Badeanzüge auf.
Erstmals traten sehr knappe Badehosen für Männer auf, sogenannte Dreiecksbadehosen, die vielfach als skandalös betrachtet wurden. Ältere und konservativere Herren bevorzugten Herrenbadeanzüge.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is´ heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006
Mode der 20er Jahre. Mode, Styles und Trends: Die Mode der 1920er Jahre
Wikipedia: Goldene Zwanziger
Was War Wann. Geschichte von 0000 bis gestern: Die Mode der 20er Jahre Kleidchen – Hängekleidchen passend zum Charleston
Wikipedia: Badebekleidung
Makeup Museum
Glamour Daze: The History of 1920s Makeup

Die Welt des Kindes

Die Bekleidung der Arbeiterkinder
Kinder von Arbeitern oder Arbeitslosen waren sehr einfach gekleidet, Kindermode war nur für besser Verdienende erschwinglich. Die Babies wurden in Wickeltücher eingehüllt, leider war es auch durchaus üblich, sie recht eng zu „wickeln“, so, dass sie kaum Bewegungsfreiheit hatten. Kleinkinder trugen eine Art Kittel, den die Mütter meist aus ihren alten Röcken selbst nähten. Diese Kittel wurden sowohl von Mädchen als auch von Buben getragen und an die jüngeren Geschwister weitergegeben. Je älter der Kittel wurde, desto mehr Flicken bekam er. Buben erhielten ihre erste kurze Hose oft erst, wenn sie in die Schule kamen.
Unter den Kitteln und Röcken trugen Kleinkinder, zumindest im Sommer, meist keine Unterwäsche. So sparte man sich einerseits das Waschen, andererseits gewöhnten sich die Kinder so schneller daran, die Toilette, den so genannten „Abort“ zu benutzen.
Sonntags oder zu besonderen Anlässen, wie z.B. bei einem Termin beim Fotografen, zogen Mädchen ihr Sonntagskleid an, während Buben den „zeitlosen“ Matrosenanzug trugen.

Unterhosen trugen die Kinder der Arbeiter, aber auch Bauernkinder erst, wenn sie in die Schule kamen. Diese Unterwäsche wurde aus einem groben Stoff namens „Kloth“ genäht. Praktisch waren so genannte „Schnellfeuerhosen“, das waren Kinderhosen mit herunterklappbarem Hinterteil.
Sowohl Mädchen als auch Buben trugen Strümpfe. Das war auch notwendig, denn Kinder hatten keine langen Hosen. Für Mädchen wäre es ohnehin sehr unschicklich gewesen, überhaupt Hosen zu tragen, sie trugen Röcke oder Kleider. Darüber zogen sie noch eine Schürze, um die Kleidung zu schützen. Außerdem man sollte ihnen ansehen, dass sie auch schon „fleißige Hausfrauen“ waren oder werden sollten.  Die Buben trugen kurze Hosen, erst wenn sie älter wurden oder für besondere Anlässe bekamen sie ihre erste lange Hose oder Knickerbocker geschenkt.

Weil Stoffe und Kleidung teuer waren, erhielten viele Kinder ihre Kleidung meist zum Geburtstag oder zu Weihnachten geschenkt. Wenn man sich gar keine Kleidung leisten konnte, wurde den Kindern entweder von der Gemeinde oder von gemeinnützigen Vereinen Kleider, Schürzen und Hosen zugeteilt. Aber auch den verschiedenen politischen Parteien war es ein besonderes Anliegen, die Ärmsten der Armen mit Kleidung zu versorgen, nicht zuletzt, weil Wohltätigkeit Wählerstimmen bringen konnte.
Sobald die Kinder in die Pubertät kamen, bekamen sie neue Kleidung: Mädchen erhielten ein neues Kleid und Burschen die erste lange Hose oder den ersten Anzug, wenn sie z.B. 15 Jahre alt wurden oder anlässlich ihrer Firmung bzw. Konfirmation.

Schuhe waren die teuersten Kleidungsstücke und wurden, um sie zu schonen, von armen Kindern nur im Winter getragen. In der Volksschule stellte das meist kein Problem dar, aber, wenn die Kinder in die Bürgerschule kamen, mussten sie dort Schuhe tragen. Dennoch zogen die Kinder die Schuhe zumindest auf dem Heimweg aus, um Sohlen zu sparen.
Wenn man geschickt war und Leder bzw. Leinen zur Verfügung hatte, konnte man seinen Kindern die Schuhe selbst anfertigen.

Schule
Vor allem Kinder, die auf dem Land lebten, hatten oft einen Schulweg, der länger als eine halbe Stunde dauerte und selbstverständlich zu Fuß zu bewältigen war. Die Straße war nicht überall gepflastert. Die Kinder mussten im Sommer oft im Staub oder bei Regen im Schlamm gehen und das nicht selten ohne Schuhe. Denn viele Kinder kamen aus armen Familien. Im Winter konnten manche sogar wochenlang nicht in die Schule gehen, weil sie keine Schuhe oder warme Kleidung hatten.
So wurden Schuhe oftmals nur bis April getragen, um sie vor Abnutzung zu schonen. Sogar wenn die Pfützen noch zugefroren waren, gingen Kinder schon barfuß in die Schule. Der Boden in der Schule war meist mit Öl eingelassen. So mussten sich die Kinder abends die schmutzigen und öligen Füße mit kaltem Brunnenwasser und Schmierseife sauber schrubben.
Manchmal blieb die Schule geschlossen, weil es nicht genug Kohle zum Heizen gab. Es wurden dann statt der Zentralheizung einige Öfen aufgestellt und nur wenige Klassen beheizt. Im Winter 1929 war es besonders kalt und die Schule musste, zur Freude der Kinder, für drei Wochen geschlossen werden.

Schulreformen
Der sozialdemokratische Politiker und Pädagoge Otto Glöckel hatte bereits 1917 ein Schul- und Erziehungsreformprogramm entwickelt. Er forderte die Freiheit der Schule, die Trennung von Kirche und Schule, die Einheitsschule, die Förderung aller Begabungen, die Unentgeltlichkeit des Unterrichts und der Lernmittel. Außerdem erstrebte er eine zeitgemäße Gestaltung der Methodik im Sinne einer kindgemäßen Lebens- und Arbeitsschule und die Überwindung der Bürokratie im Schulwesen. Auch die vorgeschriebene Teilnahme am Religionsunterricht wurde abgeschafft. In den 20er Jahren konnte er immer mehr Reformen durchsetzen, besonders in Wien, wo Glöckel jahrelang Stadtschulratspräsident war. Unter seiner Organisation wurde das gesamte Wiener Pflicht-, Mittel- und Fortbildungsschulwesens neugestaltet.
Bundesweit sah das Reichsvolksschulgesetz nach der Volksschule den Besuch der dreijährigen Bürgerschule vor. 1927 wurde das Haupt- und Mittelschulgesetz erlassen, das die Bürgerschule durch die vierjährige Hauptschule ersetzte. Neben den öffentlichen Schulen gab es Schulen, in denen man Schulgeld bezahlen musste.

Kinderspiele
Schon um 1900 gab es vereinzelt wohltätige Organisationen und Arbeitgeber, die Spielplätze finanzierten, um Krankheit und „antisoziales“ Verhalten in der Arbeiterklasse zu bekämpfen. Doch erst die Sozialpolitik des „Roten Wien“ setzte neue Maßstäbe, die den Schwerpunkt auf die Kinder- und Jugendfürsorge legten. Ab 1919 entstanden Kindergärten, Horte und Kinderspielplätze – oft in den Gemeindebauten, die flächendeckend in allen Wiener Bezirken errichtet wurden.
Da viele Menschen in sehr beengten Verhältnissen in kleinen Wohnungen lebten, spielte sich das Leben ihrer Kinder meist auf der Straße ab. Zwar hatte man auch Gärten, aber das waren für gewöhnlich Nutzgärten, die nicht immer genug Platz zum Spielen ließen. Doch immerhin konnte man in so manchem Garten auf Bäume klettern oder in den Büschen „Versteckerl“ spielen.
In kleineren Gemeinden, Kleinstädten und auf dem Land gab es keine Kinderspielplätze. Die meisten Kinder spielten auf der Straße. Dort entzogen sie sich den kontrollierenden Blicken der Eltern und konnten sich frei fühlen. Und sie liefen nicht Gefahr, für irgendwelche Hausarbeiten eingespannt zu werden. Auf der Straße war es für die Kinder in Mödling in den 20er Jahren noch lange nicht so gefährlich wie heute. Automobile gab es noch sehr wenige,. Der Verkehr beschränkte sich meist auf Lieferfahrzeuge wie den Würstelwagen, den Ankerwagen oder den Bierkutscher. Auch der „Mülliwagen“ war nicht so häufig unterwegs wie die Müllabfuhr heute. Das Wichtigste aber war, dass sie sich die Kinder mit anderen Kindern treffen konnten.

Die gemeinsamen Spiele der Kinder waren je nach Geschlecht, Alter oder Wohngegend, verschieden. Spielsachen konnten sich viele nicht leisten, und so gab es eine große Auswahl an Spielen, für die man keine brauchte, z. B.  „Vater, Vater, leih ma d´Scher“, „Nachrennerl“ (=„Fangerl“), „Versteckerl“, „Tempelhupfen“, „Stoff verkaufen“ oder „Vögel verkaufen“.
Mit Reifen von alten Fahrrädern oder Kinderwägen spielte man „Reifentreiben“. Alte Kinderwägen konnte man zu „Rennwägen“, so genannten „Gicks“ umbauen. Zwei Kinder waren die Pferde und eines war der „Jockey“ und schon fand ein Wettrennen statt! Geschickte Väter bastelten ihren Kindern Tretautos aus Gerümpel und Abfallprodukten.

Einen Fußball hatten die Buben immer zu Verfügung, wenn auch als „Fetzenlaberl“. Aus Stoff- oder Lederresten konnte man sich so schon einen ganz passablen Fußball basteln. Große Bereiche der Städte waren noch nicht verbaut, so gab es statt vieler Häuser große Felder und Wiesen, wo die Kinder Völkerball oder Fußball spielen konnten.
Viele Straßen waren nicht an das Kanalnetz angeschlossen und wenn es regnete, lief das Wasser beiderseits der Straße durch die Straßengräben. Dort konnte man ganz wunderbar  mit dem Waschtrog „Schifferl fahren“.
„Aunipecken“ hieß es, wenn man mit Kugeln spielte. Auch „Kugel scheiben“ sagte man dazu. Meist spielten Buben dieses Spiel, aber auch Mädchen konnten sich beteiligen. Die Kugeln (Murmeln) gab es in verschiedenen Qualitäten und so hatten sie unterschiedlichen Tauschwert. „Lahmbatzn“ hießen die Kugeln aus Ton. Eine metallene Kugel z.B  „kostete“ 50 Tonkugeln,  eine Glaskugel konnte man gegen 25 Tonkugeln tauschen. Die Kugeln wurden in einem alten Strumpf aufbewahrt. Die Spielregeln wurden von den älteren Kindern an die jüngeren weitergegeben.

Zum Geburtstag oder zu Weihnachten bekamen die Kinder einfache Spielsachen geschenkt wie z.B. Wolferl, Diabolo, Jojo oder Bälle. Das „Wolferl“ oder „Stoßbudl“ war eine Art kleiner Flipper aus Holz.
Kinder des so genannten „Mittelstandes“, deren Väter z. B. Beamte oder Lehrer waren, hatten teurere Spielsachen wie Schaukelpferde, Tretautos oder sogar echte Eislaufschuhe oder eine Rodel. Wer sich keine Eislaufschuhe leisten konnte, verwendete so genannte „Schraubendampfer“. Eislaufen konnte man auf den zugefrorenen Teichen oder Sumpfwiesen.
Aber selbst Kinder, die keine Schuhe hatten, spielten im Schnee, indem sie sich die Füße mit Gamaschen umwickelten. Zu Hause wurden die Füße dann in eiskaltes Wasser gesteckt.
Gerne spielten die Kinder, v. a. die Buben, auch „Räuber und Gendarm“. Oder sie kletterten auf Felsen herum, wie dem Teufelsfelsen am Schwarzen Turm. Das war natürlich nicht ungefährlich, aber da die Kinder gewohnt waren, sich von klein auf im Freien zu bewegen, waren sie schon geübt, sehr geschickt und hatten auch weniger Angst.

Generell wurden Mädchen dazu angehalten, lieber mit den Puppen zu spielen und nicht so wild zu sein und auf Bäume oder Felsen zu klettern wie die Buben.
Für Mädchen gab es Puppen, manche sogar aus echtem Porzellan, andere aus Fetzen, aber auch Puppenwagen und Puppenhäuser.
Kartenspiele wie Quartett und schwarzer Peter sowie Brettspiele wie „Mensch ärgere Dich nicht“ spielten Mädchen und Buben gerne.
Für Kinder, die gerne lasen, gab es eine große Auswahl an Kinderbüchern und Kinderzeitschriften.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien,  2006
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Wien Geschichte Wiki: Spielplätze

Zu hause

Wohnen
Die Mietzinse für die neu umgebauten Arbeiterwohnungen in Mödling betrugen 1925 monatlich 74.000 Kronen (Obergeschoß) und 84.000 Kronen (Erdgeschoß). 1927 waren es monatlich 8 Schilling (Obergeschoß) und 9,50 Schilling (Erdgeschoß).
Für ein Zimmer in Wien musste man 1927 zwischen 40 Schilling (halbdunkles Zimmer mit Fenster zum Gang) und 70 Schilling im Monat bezahlen.

DER HAUSHALT
Waschtag
Für Menschen, die es gewohnt sind, die Wäsche ihren Waschmaschinen anzuvertrauen, ist es kaum vorstellbar wie mühevoll und langwierig das Wäschewaschen früher war. Es war Schwerarbeit für Frauen, denn sie waren für die Wäsche zuständig.
Zunächst wurde am Tag vor dem Waschtag die Wäsche eingeweicht. Dazu musste man zunächst Wasser aus einem Brunnen holen und in einen großen Bottich füllen. Dann Soda bzw. Henko (ein Einweich- und Enthärtungsmittel) dazugeben und einweichen lassen.
Am Waschtag musste man wieder Wasser holen, es in ein großes Gefäß, einen „Häfen“ füllen und auf dem Herd erwärmen.  Dann wurde die eingeweichte Wäsche aus dem Bottich herausgehoben und ausgewunden. Danach musste man die Wäschestücke in den Häfen heben und kochen. Anschließend gab man die gekochte und heiße Wäsche in einen Waschtrog. Dort wurde sie eingeseift und mit Soda oder Schichtseife gebürstet und danach ausgewunden. Dann brauchte man wieder frisches Wasser um die Wäsche mehrmals zu schwemmen und anschließend wieder auszuwinden.
Zum Trocknen wurden im Garten oder Hof Schnüre gespannt, auf die die Wäsche gehängt wurde. Wenn sie getrocknet war, wurde sie abgenommen, gespannt und gebügelt.
So ein Waschtag dauerte mehr als zwölf Stunden und oft mussten die Frauen schon um vier Uhr morgens aufstehen, um genug Zeit zu haben.  Größere Kinder mussten auch mithelfen.
Dennoch gab es ab Ende der Zwanzigerjahre einige Erleichterungen.  In den Gärten wurden so manche Schuppen zu Waschküchen umgebaut, die Waschmittel wurden wirkungsvoller und in immer mehr Wohnungen gab es fließendes Wasser.
Zum Bügeln verwendete man ein Holkohleneisen oder ein Stageleisen. Das Holzkohleneisen war zum Aufklappen und man füllte Holzkohle hinein. Damit die Kohle die richtige Temperatur beibehielt musste man ständig „wacheln“, also Luft zufächeln. Das Stageleisen hatte einen „Stagel“ einen abnehmbaren Teil, den man in den Ofen gelegt hat, bis er geglüht hat. Und dann wurde der Stagel in das Bügeleisen gegeben. Als Unterlage wurden Tische verwendet, Bügelbretter gab es nicht.

Körperpflege
Die täglichen Reinigung fand im „Lavoir“ statt, einem großen emailierten Waschtrog. Das Wasser dafür wurde vom Brunnen geholt und auf dem Herd erwärmt. Wichtig war es vor allem, sich das Gesicht und die Füße zu waschen.
Das tägliche Zähneputzen wurde propagiert und von den Schulen und Gemeinden gefördert. Dafür wurden Schulzahnkliniken eingerichtet und Zahnhygieneunterricht erteilt.
Die Zahnputzmittel wurden besser und die Zahnpasta- Hersteller gaben Anweisungen, wie ihre Produkte anzuwenden waren.
Einmal in der Woche gab es einen Badetag. Dabei diente der Waschtrog als Badewanne und wieder mussten mehrere Kübel voll Wasser vom Brunnen geholt und auf dem Herd erwärmt werden.  Zumeist wurde in der Küche gebadet, im Sommer auch im Hof oder Garten.  Wenn das Badewasser bereitstand, konnte der Badespaß beginnen: zuerst kamen die Mädchen in die Wanne, dann die Buben. Alternativ konnte man eine Zinkbadewanne verwenden, die oftmals in der Waschküche aufgehängt war.
Nach dem Baden wurde der Waschtrog auf zwei Sessel gestellt und das Wasser in Eimer abgelassen und in den Garten getragen. Wenn man im Sommer draußen oder in der Waschküche baden konnte, war das schon eine Erleichterung, weil das mühevolle Wasser-Entsorgen entfiel. Das Haarewaschen konnte, besonders bei Mädchen wegen ihrer langen Haare, ziemlich mühsam sein.

Abwasch
Um das schmutzige Geschirr kümmerten sich die Frauen und Mädchen. In vielen Häusern oder Wohnungen gab es kein fließendes Wasser und so musste man sich seinen Wasservorrat von dem nächstliegenden Wasserhahn mit Becken, der sogenannten „Bassena“ holen. Die war oft in einem anderen Gebäude oder auch nur im Erdgeschoß, Garten oder Hof und so hatte man die Wasserkannen oder Kübel oft von weit her zu holen. Das Wasserholen war eine Tätigkeit, die man gern die Kinder verrichten ließ. Wenn man das Wasser dann mehrere Stockwerke hinauf geschleppt hatte, wurden die Wasserkannen auf ihren Platz in der Küche gestellt. Dort befand sich ein „Wasserbankel“, eine Holzbank, auf die man die Wasserkannen und ein „Schaffel“ stellen konnte. Es gab auch schon Abwaschhilfen wie Soda, Spülmittel oder Scheuerpulver namens „ATA“ oder „IMI“. Manchmal verwendete man auch zwei Schaffel, eines zum Abwaschen und eines zum Ausschwemmen. Das schmutzige Wasser wurde zur Toilette transportiert und dort ausgeleert, oder aber man schüttete es in den Hof. Das saubere Geschirr konnte man mit einem Tüchlein, dem „Hangerl“ zugedeckt, im  Schaffel trocknen lassen .
Alternativ konnte das Geschirr auch draußen in der Waschküche abgewaschen worden.  Dazu wurde es im Schaffel transportiert.

Quelle:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006

Frauenarbeit in Mödling

Lehrstellen waren rar gesät. Besonders für Mädchen war es schwierig, eine Stelle als Lehrling zu erhalten. Sie konnten mitunter in Fabriken unterkommen oder eine Stelle als Dienstmädchen annehmen. Diese Arbeit bestand aus Hilfsdiensten und war schlecht bezahlt. Es wurde aber als eine Art Lehre angesehen, durch die die Mädchen lernen konnten wie man einen Haushalt führt, denn das war schließlich die Bestimmung der meisten Frauen. Kochen, Waschen, Sparen, Ordnung halten – das musste früher oder später jede Frau beherrschen! Denn obwohl sich die Arbeitswelt für Frauen zu öffnen begonnen hatte, mussten sie sich „nebenbei“ noch um den eigenen Haushalt kümmern. Das umfasste auch die arbeitsaufwändige Betätigung im Garten, zumal viele ihre Familien nur durch Anlegen eines eigenen Gemüsegartens mit genügend Lebensmitteln versorgen konnten.
Eine Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen war, als Saisonarbeiterin in der Landwirtschaft tätig zu sein, etwa bei der Rübenernte oder bei den Schnittern. Beliebt waren Hilfstätigkeiten bei der Bahn, wie z.B. das „Ausgrasen“, d. h die Unkrautentfernung zwischen den Gleisen, weil das etwas besser bezahlt war.

Dienstmädchen
Um das Familienbudget aufzubessern, nahmen junge Mädchen oft eine Stelle als Dienstmädchen an. Die Bezahlung war nicht überragend und sie waren wirklich „Mädchen für alles“, d.h. Kochen, Putzen, Wäsche waschen, Gartenarbeit, Kinderbetreuung etc. Die Dienstmädchen waren jeden Tag von morgens bis abends beschäftigt. Sie hatten eine kleine Dienstmädchenkammer, meist im Parterre, und wohnten auch beim Dienstgeber. Ausgang hatten sie nur sonntags für einige Stunden. Manche Mädchen arbeiteten sogar nur für Kost und Logis und wurden gar nicht bezahlt. Sogar das stelte aber eine Erleichterung für so manche Familie dar, die einen Esser weniger zu versorgen hatte.

Durch den seit dem Krieg herrschenden Frauenüberschuss eroberten sich Frauen neue Berufsfelder. Nach dem Krieg jedoch überließen sie den Männern die Arbeitsplätze und nahmen ihre traditionelle Rolle als Hausfrau wieder an. Selbst wenn eine Frau eine Berufsausbildung machte, wie z. B. Lehrerin, übte sie den Beruf meist nur bis zu ihrer Heirat aus.  Ein beliebter Beruf war der der Schneiderin. Wenn man keine Anstellung fand, konnte man die erworbenen Fähigkeiten immer noch daheim nutzen und die Familie mit Kleidung versehen.
Viele Frauen verdienten sich ihr Geld mit Wäschewaschen, dem „Waschen gehen“. Diese Arbeit dauerte um die zwölf Stunden am Tag und brachte nur sehr wenig Geld ein.

Beim Aufforsten kahlgeschlagener Wälder kamen Kinder zum Einsatz, um Löcher zu graben und junge Bäumchen einzusetzen. Außer mit Geld wurden die Kinder zuweilen mit einem so genannten „Beerenzettel“ bezahlt. Das war eine Bestätigung dafür, dass sie in den Wäldern Beeren sammeln durften. Die gesammelten Beeren konnten die Kinder für ein paar Groschen verkaufen. Das war eine Arbeit für die Mädchen. Erdbeeren und Himbeeren gab es im Juli und im August, das heißt die Kinder taten dies in den Sommerferien. In den Villen der reichen „Sommerfrischler“ war das Einkochen ein beliebtes Hobby und so konnte man die Beeren dort sehr gut verkaufen.
Die Kinder sammelten überdies Pilze für die Mahlzeit zu Hause, allerdings erst, nachdem sie es von den Eltern oder größeren Geschwistern gelernt hatten, die Speisepilze von den Giftpilzen zu unterscheiden. Viele weitere Pflanzen wurden gesammelt: Waldfrüchte, Brennnesseln, Hühnerdarm, Ligusterbeeren, Weißdornfrüchte, Ebereschen, Hagebutten, Bergmispeln, Kastanien, Fallobst. Aber auch Schnecken, Käfer und andere Schädlinge mussten oft von Kindern von den Kulturpflanzen entfernt werden.
Nach der Getreide- und Zuckerrübenernte gingen die Mädchen mit ihren Müttern zum „Ährenklauben“ auf die Felder, denn es gab immer wieder einige Getreideähren und Zuckerrüben, die auf den Feldern stehen bzw. liegen geblieben waren. Diese wurden nachgelesen und aus den Weizenkörner Mehl gemahlen und aus den Gerstenkörnern Ersatzkaffee gemacht. Zuckerrübenreste verkochte man zu Sirup.
Auch das Tierfutter wurde von den Kindern besorgt, das war Arbeit für die Jüngsten. Den ganzen Sommer über mussten sie Futter für die Hasen sammeln. Da viele Menschen Hasen hielten, war es oft gar nicht so einfach, genug Futter zu finden. Für die Enten suchte man in den Teichen nach Muscheln. Statt Spinat pflückte man Brennnesseln, Burgunderrübenblätter, wilden Knoblauch und Vogerlsalat.

Quelle:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien,  2006

Wege zum Wohlfahrtsstaat vor dem Krieg

Bereits im 19 Jahrhundert war in Form des konservativen Sozialstaatmodells der Grundstein für den Sozial- und Wohlfahrtsstaat gelegt worden. Damals stand in erster Linie die Armutsproblematik im Vordergrund. Mit der steigenden Produktivität mussten die Rahmenbedingungen der Arbeiter an die kapitalistischen Produktionsbedingungen angepasst werden. So wurde 1888/89 die Kranken- und Unfallversicherung eingeführt. Zudem wurde die Arbeitszeit in den Fabriken auf elf Stunden gesenkt. Die Arbeit von Kindern und Jugendlichen wurde reguliert, der Staat begann mit der Regelung der Arbeitsbedingungen. Pensionsversicherung für Privatangestellte wurde eingeführt und auch die Ladenschlussregelung für Handelsangestellte. Durch den Ersten Weltkrieg setzten sich aber wieder regressive Tendenzen durch, z. B.  die Aufhebung der Maximalarbeitszeit.

Nach dem Krieg
Die erste Republik war gekennzeichnet durch den Ausbau der Sozialpolitik. Nach dem ersten Weltkrieg wurden im Rahmen des Arbeitsrechts folgende Maßnahmen gesetzt: Einführung des Achtstundentages, Einführung des Arbeiterurlaubs, Betriebliche Mitbestimmung, Regelung der Kollektivverträge
1920: Einführung der Arbeitslosenversicherung, Regelungen betreffend Angestellte und Land- und Forstarbeiter

Und die Frauen wieder zurück an den Herd
Während die Männer im Krieg waren, hatten vielfach Frauen ihr Plätze eingenommen. Sie waren nun berufstätig und konnten ihre Familien erhalten. Als die Männer aus dem Krieg zurückkehrten, beanspruchten diese aber wieder ihre früheren Arbeitsstellen. Die Arbeitslosenpolitik unterstützte sie dabei, sie zielte nicht darauf ab, auch Frauen in der Berufswelt zu integrieren. Viele Frauen bedauerten es, die Rolle der Familienerhalterin zu verlieren und an den heimischen Herd zurückkehren zu müssen.

Pazifisten und neue Helden
Nach dem Krieg wollte zunächst niemand mehr etwas vom Militär wissen.  Sogar Antikriegsbewegungen bilden sich: die ersten „Hippies“ Europas treffen sich und propagieren Freikörperkultur und freie Liebe, so etwa am Monte Verita am Lago Maggiore, wo sich eine Künstlerkolonie ansiedelt.
Doch der Pazifismus der ersten Nachkriegsjahre zerbrach in den wirtschaftlichen und politischen Krisen danach. Auf den Straßen Österreichs fand ein Kampf der Ideologien statt, der von Feindbildern geprägt und von Angst geschürt wurde. Es war der Kampf, der die Zwischenkriegszeit Europas prägte: der Kampf zwischen Kommunismus und Nationalismus.
Immer öfter und immer stärker wurde ein neues Soldatentum propagiert. Neue Heldenbilder wurden generiert. Verklärende Kriegsbiographien in Buchform oder tapfere Einzelkämpfer in Bergfilmen prägten ein Bild von „neuen Helden“ und hatten starken Einfluss auf viele junge Menschen.

Quellen:
Emmerich Tálos/Marcel Fink: Der Österreichische Wohlfahrtsstaat: Entwicklung und Herausforderungen (2001).
Andreas Novak und Wolfgang Stickler: Krisen, Morde, Bürgerkriege. Edition ORF Doku, 2014 (online bei You-Tube einsehbar).

„Der Rest ist Österreich!“

Im Jahr 1919  führten die Siegermächte Frankreich, Italien und Amerika den Vorsitz bei den Verhandlungen, die in diversen Vororten von Paris stattfanden. Die Delegationen der Verlierermächte, darunter Österreich, wurden nach Frankreich zitiert,  Österreich nach St. Germain, Ungarn nach Trianon und Deutschland nach Versailles. In St. Germain wurde der neue Staat Österreich konstruiert. Die Aufteilung der Gebiete der ehemaligen Habsburgermonarchie sah so aus:

  • Böhmen und Mähren kamen zur neu gegründeten Tschechoslowakei.
  • Ungarn wurde ein eigener Staat.
  • Die Bukowina fiel an Rumänien.
  • Südtirol kam zu Italien.
  • Kroatien und Bosnien kamen zu Jugoslawien, genauso Teile der Südsteiermark und Kärntens.

Die österreichische Delegation unter dem Bundeskanzler Dr. Karl Renner nahm nicht direkt an den Verhandlungen teil. Sie wurde in einem extra Gebäude separiert und schriftlich über die Entscheidungen der Verhandler informiert. Auf schriftlichem Weg konnten sie sich hierzu erklären. Österreich sollte so niedergeworfen werden, dass es nicht mehr gefährlich werden konnte.
Nach den Friedensverhandlungen in St. Germain 1919 war alles anders. Österreich war von nun an ein Kleinstaat und auf einen Bruchteil seiner früheren Größe geschrumpft. Der von Österreich angestrebte Anschluss an das Deutsche Reich, wurde von den Siegermächten verboten.
Das neue Europa, das konstruiert wurde, entpuppte sich als extrem krisenanfällige Institution. Das war der ideale Nährboden für die Ausbildung und die beste Voraussetzung für die Etablierung totalitärer Systeme, so auch in Österreichs unmittelbarer Nachbarschaft:
In Italien hatte sich Mussolini als Vorkämpfer des italienischen Faschismus installiert, in Deutschland verfolgte Hitler ähnliche Ziele. Während in Jugoslawien König Alexander I eine Militärdiktatur errichten wollte, herrschte in Ungarn der Reichsverweser Miklos Horty über ein entmachtetes Parlament.

Amtliche Dokumente
Statt dem heute üblichen Staatsbürgerschaftsnachweis gab es den so genannten Heimatschein.  Dieses Dokument existiere seit 1849. Es wurde erst unter den Nationalsozialisten im Jahr 1939 durch den „Staatsbürgerschaftsnachweis“ ersetzt, der dann in der 2. Republik beibehalten wurde. Der Heimatschein bekundete das Heimatrecht. Das war wichtig für die soziale Absicherung, denn die Heimatgemeinden hatten die Pflicht, für Waisen, Kranke, Arme, Alte und Gebrechliche zu sorgen, aber auch Kriminelle aufzunehmen. Man konnte also Gefahr laufen, in die Heimatgemeinde abgeschoben zu werden, wenn man sich eines Vergehens schuldig machte oder wenn man arm, obdachlos oder arbeitslos war. Nach dem Zerfall der Monarchie war der Heimatschein besonders begehrt. Das Heimatrecht funktionierte nach einem patriarchischen Grundprinzip: wenn eine Frau heiratete, erhielt sie das Heimatrecht in der Gemeinde ihres Mannes, ebenso wie die ehelichen Kinder. Seit 1901 war es jedem Staatsbürger möglich, nach zehnjährigem Aufenthalt in einer Gemeinde das Heimatrecht zu beantragen.
Nach der Verabschiedung der österreichischen Bundesverfassung im Jahr 1920 wurde 1925 auch das Heimatrecht novelliert. 1925 wurde das Staatsbürgergesetz erlassen, das zusätzlich zur Staatsbürgerschaft auch die Bundesbürgerschaft regelte, für die wiederum die Heimatberechtigung erforderlich war. Demnach konnte man durch Geburt und Verehelichung österreichischer Staatsbürger werden, oder aber nach vierjährigem, nachgewiesenem Aufenthalt die Staatsbürgerschaft beantragen.  Ehefrauen erhielten automatisch die Staatsbürgerschaft der Geehelichten.

Eine besonders wichtige Rolle für Menschen, die auf Arbeitssuche waren, spielte das Arbeitsbuch. Die Vorlage des Arbeitsbuches, bei den Arbeitern und Handwerkern auch „Wanderbuch“ genannt, war Voraussetzung dafür, überhaupt eine Arbeit zu erhalten. Es war strafbar, Menschen ohne Arbeitsbuch einzustellen.
Da so etwas wie „Datenschutz“ unbekannt war, konnten Arbeitgeber sich bei den Behörden über die Familien- und Vermögensverhältnisse der Arbeitsuchenden Auskunft geben lassen.

Deutschösterreich
Unmittelbar nach Kriegsende wurde am 12. November 1918 in Österreich die allererste Republik ausgerufen. Man bezeichnete sich als „Republik Deutschösterreich“. Alle drei Parteien, das heißt sowohl die Christlichsozialen als auch die Sozialdemokraten und Deutschnationalen, hatten den Anschluss an das Deutsche Reich beschlossen. Niemand glaubte zunächst, dass dieser Kleinstaat, dieses „Restösterreich“ alleine überlebensfähig war. Zu groß waren die Wunden, die der Krieg hinterlassen hatte. Über eine Million Kaisersoldaten waren gefallen, die Infrastruktur und Wirtschaft zusammengebrochen, man hungerte.
Der Zerfall der Monarchie hatte viele Menschen staaten- und heimatlos gemacht. Viele Orte Deutschösterreichs, erhielten unzählige Bewerbungen um das Heimatrecht, besonders von Menschen aus anderssprachigen Gebieten, die sehr darum bemüht waren, ihr Deutschtum hervorzuheben.
Deutsch ist nicht dies oder jenes: sondern deutsch ist ein unermeßlich und herrlich Gemeinsames, das letztlich unsäglich bleibt. Deutsch ist nicht Luther, nicht Kant, nicht Goethe, nicht Bismarck allein: sondern sie alle zusammen sind es noch nicht, denn es ist nur das völlige Eins aller Deutschheiten; aber jede hat, wenn sie recht zur Idee strebt, für ihren Teil das Wesen des Einigen.
(Felix Braun: Deutsche Geister. Aufsätze von Felix Braun. Leipzig: Nikola, 1925, S.)

Deutschsein war also durchaus positiv besetzt. Dennoch flackerte innerhalb des Deutschen die ausgeprägte österreichische Identität durch:
[…] Immerhin haben wir österreichische Deutsche durch die jahrhundertelange Zwangsgemeinschaft mit Slawen, Italienern, Magyaren, Rumänen usw. gelernt und sind bei allem Deutschtum ein übernationaler Typus geworden, der vielleicht eine höhere Form des deutschen Menschen bedeutet. Wir haben keinen Grund, diese höhere Form deutschen Menschentums aufzugeben, um uns neuerlich in die Wirren des militanten Nationalismus zu stürzen. Fast möchte ich sagen, wir können in unserer staatlichen Selbständigkeit, in ihrer durch den Beschluß der ganzen Welt garantierten Unabhängigkeit dem Deutschtum mehr leisten, denn als Appendix eines Reiches, in dem wir den höchst unverdienten Ruf von sentimentalen Schlappschwänzen haben […]
(Anton Wildgans an Hermann Kienzl (Berlin) am 27. März 1924).

Das Anschlußverbot änderte nichts daran, daß sich eine Großzahl der Österreicher dem Deutschen Reich verbunden fühlten und sich auf einen in Zukunft stattfindenden Anschluß vorbereiteten. Angleichungen fanden auf mehreren Ebenen statt, so auf der juristischen und technischen Ebene, aber auch durch eine quasi gemeinsame Hymne: „Sei gesegnet ohne Ende“-lautete der Text von Ottokar Kernstock für die neue „alte“ Hymne 1930, denn die Melodie, war die der ehemaligen Monarchie, der von Joseph Haydn komponierten Kaiserhymne. Selbige war zu dieser Zeit schon die deutsche Nationalhymne.

Quellen:
Bienert, Christine: „Die Kolonie war halt das tiefste in Mödling. Des is heut nimmer“. Alltag in der Mödlinger Kolonie seit 1873. Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie aus dem Fachgebiet Volkskunde, eingereicht an der Universität Wien, 2006
Braun, Felix: Deutsche Geister. Aufsätze von Felix Braun. Leipzig: Nikola, 1925
Portisch, Hugo: Österreich I. Die unterschätzte Republik. Wien: Kremayr und Scheriau, 1989
Wildgans, Anton: Ein Leben in Briefen Band 3 (1917–1924) Wien: Wilhelm Frick, 1947
Demokratiezentrum Wien: Entwicklung der Staatsbürgerschaft in Österreich
Demokratiezentrum Wien: Politische Entwicklung in Österreich 1918–1938
Austria-Forum: Die Entwicklung des österreichischen Bundeswappens
Andreas Novak und Wolfgang Stickler: Krisen, Morde, Bürgerkriege. Edition ORF Doku, 2014

Kinofilm

Die Stummfilmzeit – in Bezug auf abendfüllende Spielfilme – umfasste die Jahre 1913 bis 1927. Der Begriff Stummfilm wurde erst Ende der 20er Jahre mit Aufkommen des Tonfilms geprägt, um Filme ohne und mit Ton voneinander abzugrenzen. Davor sprach man einfach vom Film oder Kinofilm. Die Bezeichnung Stummfilm ist irreführend, denn der Film war auch ohne Tonspur alles andere als „stumm“. In den 20er Jahren befand sich der Film in seiner Blütezeit.

Musik
Während der Filmvorführungen wurden die Filme von Live-Musik begleitet, entweder von einem Klavier oder einem Kammermusik-Ensemble. Es gab auch Kino-Orgeln. Sogar das billigste Kino leistete sich meist einen Klavierspieler und einen Geiger. Immer besser werdende Filme forderten auch ein „Aufrüsten“ bei der Musikbegleitung, sodass eben auch größere Ensembles eingesetzt wurden. Oft beruhte der Ruf eines Lichtspielhauses auf seinem Orchester, manche Menschen gingen sogar wegen der Musik ins Kino. Ein gutes Orchester konnte schließlich selbst den langweiligsten Film erträglich machen. Es gab sogar Filme, für die eigens Musik komponiert wurde. Gerne bediente man sich z.B. auch der Werke von Grieg, Schubert und Weber.
Die Kino-Orgeln waren eine kostengünstigere Variante, weil sie ein Orchester ersetzen konnten. Außerdem konnte man mit ihnen zusätzlich Effekte erzeugen wie Donner, Schüsse oder den Pfiff einer Lokomotive.
Es gab aber auch Geräuschemacher, die hinter der Leinwand standen und etwa das Klappern von Hufen oder Pistolenschüsse simulierten.

Farbe
Stummfilme waren nicht nur schwarz-weiß. Verschiedenartige Szenen wurden auf dem Filmstreifen mit diversen Farbtönen eingefärbt, eine Technik, die man Virage nennt. Normale Tagesaufnahmen erhielten die Farbe Orange, Feuer-Szenen waren rot, Szenen am frühen Morgen goldfarben. Es gab eine weite Palette an Farbtönen für verschiedene Situationen, beispielsweise pfirsichfarben für Kerzenlicht oder Sonnenuntergänge. Nachtszenen wurden blau viragiert.

Ausdruck
Das wichtigste Ausdruckselement des Filmschauspielers im Stummfilm war seine Körpersprache und Gebärdensprache. Während aber in den Filmen der Zehnerjahre die Schauspieler sich oft mit übertriebenen Gesten artikulierten, bildete sich in den Zwanzigern eine modernere Art der Körpersprache heraus. Die Schauspieler entwickelten intuitiv eine natürliche Spielweise, die authentischer wirkte.

Zwischentitel
Zu guter Letzt wurden auch Textsequenzen in die Filme eingefügt, so genannte Zwischentitel. Dies war stellenweise notwendig, damit das Publikum der Handlung folgen konnte. Gut formulierte Zwischentitel an der richtigen Stelle einzufügen und sie optisch anzugleichen war eine wahre Kunst. Technisch wäre es zwar auch möglich gewesen, den Text – wie heutige Untertitel – in die Szenen einzublenden, das war allerdings sehr aufwändig, weil die Szenen noch einmal kopiert und dann noch einkopiert hätten werden müssen. Man machte das nur bei besonders wichtigen und spannenden Szenen, in denen der Bewegungsfluss nicht gestört werde durfte.

Filmgenres
Neben den Monumentalfilmen prägten vor allem von der Literatur der Romantik inspirierte dunkle und märchenhafte Sujets die Filme der 20er Jahre, vor allem Filme des deutschen Filmexpressionismus, wie etwa Das Kabinett des Dr. Caligari (1919, Regie: Robert Wiene), Der Golem (1919, Regie: Paul Wegener und Carl Boese), Nosferatu (1922, Regie: Friedrich Wilhelm Murnau) oder Metropolis (1926, Fritz Lang)

Darüber hinaus war die Vielfalt der Filmgenres breit gefächert in Agenten- und Kriminalfilme, Liebes- und Gesellschaftsdramen, Komödien und Berg- und Actionfilme.
In den späteren 20er Jahren setzte sich die Neue Sachlichkeit beim Film durch, Dramaturgie und Spielstil änderten sich. Am Ende dieser Entwicklung wurde 1929 Vagabund von Fritz Weiß gedreht, der als Experiment angesehen werden kann, bei dem sich dokumentarische Szenen mit inszenierten abwechseln (Produktion: Firma Neuer Film).

Quellen:
Kevin Brownlow: Pioniere des Films. Vom Stummfilm bis Hollywood. Basel: Stroemfeld, 1997
Béla Balázs: Der sichtbare Mensch oder die Kultur des Films. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001 (Ersterscheinung 1924 im Deutsch-Österreichischen Verlag)

Milchfrau

22. Juni 1926 (Straßenbild im Arbeiterviertel)
[…] Die breite Straße ist voll von Kindern und Weibern. Besonders charakteristisch für die Straßen in den Wiener Arbeitervierteln sind die verschiedenfarbigen Federbetten, die beinahe aus jedem Fenster hängen, und die Frauen, die an den Fensterbrettern lehnen und sich gegenseitig lange Gespräche über die Gasse zuschreien. Überall schlendern Arbeitslose herum, eifrig debattierend.

18. Oktober 1926 (Die Tierliebe der Wiener)
„Ach, welches Unglück“ antwortete sie (=eine Kundin der Milchfrau) mit Tränen in den Augen. „Ein Spatz hat sich in der Dachrinne verfangen und das arme Tier kann nicht heraus. Jetzt haben sie die Feuerwehr verständigt; hoffentlich kommt sie nicht zu spät.“[…]
Wenn das bei uns in Rußland geschehen wäre, würde es kaum jemandem eingefallen sein, sich um das Tierchen zu bekümmern. Wenn sich schon jemand gefunden hätte, hätte man ihn sicher ausgelacht. Und hier in Wien? Ein Automobil mit einer langen Leiter, mit einem Dutzend Feuerwehrleuten saust heran, mit ernsten, wichtigen Gesichtern macht sich alles an die Arbeit, teilnehmend folgt die Menge den Feuerwehrleuten mit den Blicken, und lange noch, nachdem der Vogel befreit ist, stehen die Leute in Gruppen beisammen und sprechen darüber, was geschehen wäre, wenn es nicht gelungen wäre, den Sperling zu retten.
Auch ich war ganz gerührt und es kam mir vor, als ob mir heute die österreichischen Menschen mit ihrer grenzenlosen Liebe zu den Tieren um ein gutes Stück näher gekommen ist[….]

13. November 1926 (Schaulust)
Bald da, bald dort ist, wie die Wiener sagen, „etwas los“. Sofort bleiben einige Vorübergehende stehen, andere laufen zum Telephon, in einer Sekunde sind schon einige Polizisten da, und es dauert kaum fünf Minuten, so umlagert bereits eine unübersehbare Menschenmenge den Ort, an dem das Ereignis eingetreten (ist). […] Was mich am meisten interessiert, ist, daß sich die Leute nicht nur versammeln und zusehen, sondern, daß sie mit einer Aufregung und einem Eifer alles, was vorgeht, begleiten, als ob es sich um die ureigensten Angelegenheiten dieser Menschen handelte.
Noch ein Unterschied zwischen Rußland und Österreich, der mir tief zu denken gibt. Kaum zieht der Polizist sein Büchlein aus der Tasche, um seine Notizen zu machen, so drängen sich auch schon die Leute an ihn heran, die alles gesehen haben wollen, um ihrer Bereitwilligkeit Ausdruck zu geben, Zeugenschaft abzulegen. Bei uns in Russland sucht alles das Weite, wenn irgendetwas „los“ ist, denn jedermann hat Angst davor, als Zeuge einvernommen zu werden.

21. April 1927 (Frauen und Männer beim Brot kaufen)
Die meisten der hiesigen Frauen stellen sich ganz merkwürdig an, wenn sie einen halben Laib Brot kaufen. Immer ersuchen sie, die beiden Hälften abzuwiegen, und wählen natürlich den größeren Teil für sich. Aber nur, wenn sie allein im Geschäft sind. Wenn andere Kundinnen anwesend sind, so beschränken sie sich meist drauf, die beiden Teile mit den Blicken abzumessen, wobei sie äußerlich ganz ruhig erscheinen wollen, während man ihnen doch an ihren glänzenden Augen die Aufregung und die konzentrierte Gedankenarbeit ablesen kann. [….] Ganz anders als die Männer. Wenn man ihnen die Auswahl läßt, so wählen sie entweder den kleineren Teil oder sie erklären, daß es ihnen ganz gleich sei, und warten geduldig, bis man ihnen eine der Hälften gibt. Wenn man ihnen die größere hinlegt, bemühen sie sich, wenigstens so zu tun, als ob sie dies überhaupt gar nicht bemerken würden. Die Frauen sind alle wirtschaftlicher, genauer und unverschämter als die Männer.

Zitiert aus:
Alja Rachmanowa: Milchfrau in Ottakring. Tagebuch aus den dreißiger Jahren (sic!). Mit einem Vorwort von Dietmar Grieser. Wien: Amalthea, 1997

Weltwirtschaftskrise

Wallstreet ist das Symbol einer Welt, die für den Dollar lebt und stirbt, ist das Fanal einer ungeistigen und unbeseelten Herrschaft der Nutznießer über die Schaffenden […] es ist das Sinnbild der Finanzaristokratie der Neuen Welt.
(L.D. Dunin: Wallstreet (Berlin, 1929).

Jener Tag, an dem die New Yorker Börse im Jahr 1929 zusammenbrach, ist in den USA als der „Black Thursday“ bekannt. In Europa ist es wegen der Zeitverschiebung der „Schwarze Freitag“. Dieser 25. Oktober fiel aber gar nicht so sehr durch besonders starke Kursverluste auf, doch an diesem Tag erreichte die Nachricht über den Börsenkrach in der Wall Street Europa. Der Aktienindex Dow Jones war am Tag zuvor rapide abgestürzt. Dies war der Beginn der Weltwirtschaftskrise, denn der Crash hatte schwerwiegende Folgen für Unternehmer und Anleger auf der ganzen Welt.

Die Ursache des Börsenkrachs
In den „goldenen Zwanzigern“ war die Wirtschaftslage in den USA vielversprechend. Der Dow Jones Index war von 100 Punkten 1923 rasch auf den Rekordstand von 331 Punkten gestiegen. Voller Zuversicht begannen die Menschen ihr Geld in den verschiedensten Aktien anzulegen, um an dem Börsenboom teil zu haben. Viele setzten auf zukünftige Gewinne und nahmen extra Kredite bei den Banken auf, um investieren zu können. Der allgemeine Optimismus war so groß, dass diese Kredite auch ohne größere Sicherheiten vergeben wurden. So kam es, dass immer mehr Unternehmer und Private ins Börsengeschäft an der Wall Street einstiegen. Im Oktober 1929, als der Dow Jones Index plötzlich still stand, kam dann der große Stimmungsumschwung, der, als der Index ins Bodenlose stürzte, in helle Panik umschlug. Alle Anleger versuchten gleichzeitig, ihre Anteile wieder los zu werden, egal um welchen Preis. Da jeder seine Wertpapiere verkaufte, um nicht noch mehr Geld zu verlieren, brach der Handel zusammen. Es gab noch keine Börsenaufsicht oder gesetzliche Regelungen, die den Börsenkrach hätten verhindern können. Allerdings konnte durch das Eingreifen einiger Banken wenigstens der totale Absturz abgewehrt werden.
Als nun die Nachricht über den Zusammenbruch der New Yorker Börse Europa erreicht, stieg der Index wieder leicht an, weil man glaubte, dass die Amerikaner nun in den europäischen Markt investieren würden. Doch der Abwärtstrend in den USA setzte sich fort.

Die Weltwirtschaftskrise hatte eine lange Vorgeschichte. Großbritannien unterschied sich durch seine Commonwealth Struktur vom Rest der Welt. Es verband seine Dominions mit dem Mutterland durch Schutzzölle und Meistbegünstigungsverträge.
Die Umstellung der Wirtschaft von Kriegswirtschaft auf Friedensproduktion und die Entstehung neuer Industriegebiete, die zuvor Importeure gewesen waren, sowie die Verschiebung des Schwergewichts rüttelten am Welthandelsgefüge. Zwei riesige Reiche, Russland und China, schieden als Konsumenten aus. Nach dem ersten Weltkrieg wurden die USA zum „Bankier der Welt“. Amerika erlebte ein Jahrzehnt des Wohlstands.
Zur Zeit ihrer großen Krise war die Weltwirtschaft ein dicht verflochtenes Netz, das sich im Zeitalter des Imperialismus und der Technik gebildet hatte. Während der Weltwirtschaftskrise 1929–1933 wurden z. B. ganze Kaffeeladungen ins Meer geschüttet, um das Angebot künstlich niedrig zu halten.
Eine Zigarette kostete 2 Pfg und wurde für 5-8 Pfg verkauft. Für 1 kg Bohnenkaffee erhielt der Plantagenbauer in Brasilien 30 Pfg, in Deutschland zahlte der Verbraucher 6–10 Mark dafür. Der Liter Benzin kostete in der Herstellung 2–4 Pfg und wurde für 40–50 Pfg verkauft. Der Bauer erhielt 1,50 Mark für ein Kilo Weizenmehl, der Verbraucher zahlte 12 Mark. Die Differenz ging zu einem Großteil als indirekte Steuer an die Staaten, als Dividenden an Trust und Konzerne.
Um die Preise hoch zu halten, wurden Baumwollernten in den Lagern zurückgehalten oder Fabriken stillgelegt. In Kanada machte man aus Bergen von Weizen Briketts für die Eisenbahn, indem man sie mit Teer übergoß. Gleichzeitig kochte man in Europa Malzkaffee und die Arbeiter sammeln Zigarettenstummel zusammen.

Monopole
Die Spekulanten hatten die Produktion längst unter ihre Kontrolle gebracht, die Monopolwirtschaft, der Kampf um die Alleinherrschaft, hatte ihren Siegeszug begonnen.
Norwegen und England beherrschen den Walfang (Tranversorgung der Welt).
Vier Kolonialreiche (Briten, Franzosen, Niederlande, Belgien) beherrschten 97 Prozent des Palmöls (Grundstoff für Margarine und Seife).
Ein einziger Trust, der Unileverkonzern, hat die Verteilung der lebenswichtigen Fette in der Hand.
Italien und USA haben das Monopol auf Schwefel (Grundlage der chemischen Industrie).
Sowjetrussland, Kanada und Columbien haben das Monopol auf auf Platin.
Standard Oil und Royal Dutch Shell beherrschen fast alle Ölquellen und somit alle Verbrennungsmotoren weltweit.
(A. Zischka: Wissenschaft bricht Monopole, Leipzig, 1936).

Quellen:
Otto Zierer: Bild der Jahrhunderte. Einundzwanzigstes Buch. Das Bild unserer Zeit. Vom ersten Weltkrieg bis ins Jahr 1933
Wikipedia: Schwarzer Donnerstag
Was ist Was: Der schwarze Freitag 1929 der Beginn der Weltwirtschaftskrise

Schattendorf am 30. Jänner 1927

Schattendorf ist ein kleiner Ort im Burgenland, der sich unmittelbar an der ungarischen Grenze befindet.  Im Jahr 1927 ist Schattendorf eine rote Gemeinde: im Gemeinderat sitzen 9 Sozialdemokraten und 6 Christlichsoziale. Die Quartiere der beiden gegnerischen Parteien sind nur knapp 500 Meter voneinander entfernt. Das Gasthaus Moser ist Hauptquartier des republikanischen Schutzbundes und das Gasthaus Tscharmann ist Treffpunkt und Versammlungsort der Frontkämpfervereinigung.

Eine Marschkolonne des republikanischen Schutzbundes, der „Privatarmee“ der sozialdemokratischen Partei, geht durch die Ortschaft Schattendorf.  Durch Schüsse aus dem Fenster des Gasthauses Tscharmann werden zwei Menschen getötet: der achtjährige Josef Grössing, der zufällig am Straßenrand steht und dem Aufmarsch zusieht,  und Matthias Csmaritz, ein 40jähriger Kriegsinvalide und Angehöriger des republikanischen Schutzbundes. Ein Volk von 6 Millionen Menschen ist von da an in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Das Land steht am Rande des Bürgerkrieges, der 7 Jahre später auch ausbrechen wird.

DIE HINTERGRÜNDE ZU DEN VORFÄLLEN IN SCHATTENDORF

Die Politische Situation in Österreich im Jahr 1927
Das politische Klima im Lande wird von Hass und Angst geschürt. Das Bürgertum, das zu einem großen Teil um seinen sozialen Status gebracht wurde, fürchtet seinen Zusammenbruch und wird von der Inflation bedroht. Es ist bestrebt, von der glanzvollen Vergangenheit zu retten, was noch zu retten ist.
Die austromarxistische Ideologie findet großen Anklang und dies macht den Rechten besonders zu schaffen: man befürchtet, dass die „Linke“ die bolschewistische Revolution nachholen will. Die „Linken“ wiederum mit dem Wiener Bürgermeister Seitz an der Spitze haben Angst davor, die mühsam erkämpften Errungenschaften für die Arbeiterschaft zu verlieren, u.a. Arbeiterfürsorge, Krankenkassen und Mieterschutz. Die von Dr. Karl Renner gebildete erste Koalition der Gemäßigten scheitert an diesem Gegensatz. Statt Renner und Fink sind nun der katholische Prälat Dr. Ignaz Seipel (CS) und der marxistische Ideologe Dr. Otto Bauer (SD) an den Parteienspitzen. Seit 1920 regiert eine bürgerliche Koalition den Staat gegen eine nur um einige Mandate schwächere Linksopposition. Das Misstrauen wird immer größer….

1927 –Ein Wahljahr für die junge Republik
Das Wahljahr 1927 ist großer Hoffnungsträger für die Sozialdemokraten. Schon zwei Mal verloren sie die Wahl gegen die Christlichsozialen und erhofften bzw. erwarteten es geradezu, in diesem Jahr die Mehrheit zu erlangen und ihr Dasein als bloße Oppositionspartei beenden zu können.
So haben die Sozialdemokraten voller Optimismus ihr Parteiprogramm und ihren Parteitag bereits im Jahr 1926 auf diese Machtübernahme ausgerichtet. Im Sommer 1926 hielt ihr Parteichef und Chefideologe Otto Bauer eine flammende Rede am Parteitag in Linz. Diese Rede zeugt einerseits von der Siegesgewissheit der Parteiführung. Andererseits ist ihr Inhalt so formuliert, das er leicht missgedeutet werden kann. Dadurch führen diese Worte zu einer folgenschweren Auslegung:
Nur wenn die Arbeiterklasse wehrhaft genug sein wird, die demokratische Republik gegen jede monarchistische oder faschistische Gegenrevolution zu verteidigen, nur dann wird die Bourgeoisie es nicht wagen können, sich gegen die Republik aufzulehnen.

Diese Warnung wird von den politischen Gegnern als Gewaltandrohung interpretiert. Heimwehrer und Frontkämpfer rüsten sich in Vorbereitung auf die blutige Auseinandersetzung. Die erste Kraftprobe findet in Schattendorf statt.

Wie es dazu kam: die Chronologie der Ereignisse des 30. Jänners 1927
Schauplatz 1: Der Bahnhof
Auf dem 2 km von der Ortschaft befindlichen Bahnhof werden Frontkämpfer von außen erwartet. Die 30 Personen umfassende Schattendorfer Gruppe soll durch ankommende Gruppen verstärkt werden. Sogar der Anführer der Frontkämpferverbände, Oberst Hiltl aus Wien, hat seinen Besuch angekündigt. Der 70 Mann starke Schutzbund setzt genau an diesem Sonntag ebenfalls demonstrativ ein Treffen an und fordert Verstärkung aus Baumgarten, Drassburg, Klingenbach, und Loipersdorf an. Es werden also alle Vorbereitungen getroffen, um einen Konflikt heraufzubeschwören.
Gegen Mittag marschieren die Schutzbündler zum Bahnhof, um die Verstärkung ihrer Feinde, der Frontkämpfer entsprechend „in Empfang zu nehmen“

Schauplatz 2: Das Gasthaus Tscharmann
Eine Handvoll Schutzbündler nimmt das Gasthaus Tscharmann, den Treffpunkt ihrer Widersacher, auf unblutige Weise ein. Sie besetzen die durch den Hof zugängliche Gaststube und bestellen ein Viertel Wein. Ein Frontkämpfer schmettert ihnen seinen Gruß „Heil“ entgegen, worauf die Schutzbündler ihrerseits mit dem Gruß „Freundschaft“ antworten.
Hieronimus Tscharmann, der zum Zeitpunkt der Ereignisse 22 Jahre alt und somit der jüngste der 1927 in Schattendorf Angeklagten war, schildert in einem Interview aus dem Jahr 1967 (also 40 Jahre nach den Ereignissen in Schattendorf) die Vorfälle rückblickend so:
…sagt mein Vater zu mir, heast Hieronymus, heute is a Versammlung, Du musst obakumma und musst ma helfn im G´schäft, im Wirtshaus. No, i kumm obe um zwa am Nochmittog, na es dauert net long, (…) de Frontkämpfer waren schon versammelt, da haßts, die Schutzbündler kommen, do is was los. Kumman zwa oder drei eine und sogn „de Tier zu! Niemand derf hinaus.“ Na mei Bruder und sei Chef, (…) san zufälligerweise aussikumman bei der Tier. Und der Bruder ist dann aufi ins Zimma und hat dann, er hat nicht gwusst, was er tun soll und hat dann beim Fenster raus und dann zwa Schuss g´mocht von dem Fenster auf d´nächste Mauer. Und dann ist der Gendarmerieinspektor kommen (…) und hat dann die Schutzbündler vertrieben vom Haus.

Der Bruder, von dem hier die Rede ist, soll aber schon zuvor einen Kameraden aufgefordert haben, sein Gewehr mitzubringen. Danach spielten die Frontkämpfer weiterhin Karten in der Gaststube und im Dorf ging das Sonntagsleben zunächst ungestört weiter.

Am Bahnhof gegen 14 Uhr
40 Frontkämpfer sind zum Bahnhof unterwegs, um Oberst Hiltl und seine Begleitung aus Wien zu empfangen. Vor dem Bahnhof stehen zu diesem Zeitpunkt allerdings schon 200 Schutzbündler bereit, um die unerwünschte Verstärkung ihrer Gegner „abzuholen“.  Die Frontkämpfer ziehen sich dann angesichts dieser Übermacht nach einer kurzen Schlägerei Richtung Loiperbach zurück. Dann rollt der erwartete Zug in den Bahnhof ein. Allerdings steigt nicht der erwartete Oberst Hiltl aus, sondern nur ein Hauptmann Seifert mit 8 Mann.
Die Rauferei begann.
Es gibt nur 2 Gendarmen und die fordern über die Fahrdienstleitung Verstärkung aus Mattersburg an. Die Schutzbündler drängen die Frontkämpfer inzwischen an die Bahnhofsmauer und schlagen mit Schulterriemen und Gürtelschanallen auf den Gegner ein bis Hauptmann Seifert kapituliert. Er erklärt sich bereit, nicht an der Versammlung teilzunehmen und zu Fuß Richtung Mattersburg zu gehen. Daraufhin setzen sich die Schutzbündler nach Schattendorf in Marsch, um im Gasthof Moser gegen 16 Uhr ihre „Siegsfeier“ abzuhalten. In 4 Marschblocks zieht der Schutzbund die Dorfstrasse entlang, während sich die Frontkämpfer immer noch im Gasthof Tscharmann befinden.

Wieder zurück im Dorf
Das Unglück geschieht, während der letzte Block der Schutzbündler am Gasthof Tscharmann vorbei zieht.
Hieronimus Tscharmann: Ich habe ghört, am Bahnhof sind die Frontkämpfer von den Schutzbündlern überfallen worden und da ist ist ein Frontkämpfer von Schutzbündlern angeschossen worden. Weiteres weiß ich vom Bahnhof überhaupt nix. Nun sind die Schutzbündler zu unserem Haus und dann is losgangen. Einige Schutzbündler sind eingedrungen und haben meine Mutter in Ruckn g´steßn und allerhand is vorkommen. Dann sind die losgestürmt, und was sollen wir machen, die haben g´schossn und jetzt hamma halt a gschossn. Wo ma hingschossen haben, wiss ma ja nicht. Wos gscheh´n is, wiss ma a net.

Am 14. Juli sagt Josef Tscharmann zu seiner Verteidigung:
Bitt´ schen, was hätt´ma machen sollen?  Es waren doch so gefährliche Leute darunter.

Gegen 16 Uhr drängen die letzten der vorbeimarschierenden Schutzbündler zum Lokal der Frontkämpfer. Die Frontkämpfer Josef und Hieronimus Tscharmann und Johann Peter stürzen darauf durch die Gasthaustür über den Hof in das Schlafzimmer des verwandten Gastwirts. Und während sich draußen vor dem Gebäude die Schutzbündler ansammeln, fallen aus dem Fenster des Schlafzimmers mehrere Schüsse.

Josef Tscharmann vor den Geschworenen:
Da habe ich von der Strasse schiessen gehört und da habe ich auch vom vorderen Zimmer einen Alarmschuss abgegeben. Mein Schwager ist links beim Fenster gehockt und hat einen Schuss nach rechts abgegeben.

Dazu Hieronimus Tscharmann 1967:
Wir haben keine Kugel mehr g´habt und gor nix. Die Gwehr warn durtn, die Jogdwehrn und die hob ma gnumma und haben hoit a umanondagschossn und wegen was ma gschossn wiss ma überhaupt nimmamehr in der Aufregung. Gschossn ist draussn wurdn und drinnen is gschossn wordn. Ich wor domois 22 Joar oilt, ich hob mich um solche Sachn überhaupt net kümmert und ich hob hoit gonz einfach nur g´schossn und wohin und wo und wos was i a net.

Der Augenzeuge Alois Schmiedl, der damals gegenüberstand und einer von den verletzten Schutzbündlern war, erklärte wiederum in einem Interview 1967, das die Schutzbündler keine Waffen gehabt hätten und auch nicht in das Haus hinein hätte können, weil es abgesperrt war.
Die Frage, aus welchen Gewehren die tödlichen Schüsse abgegeben worden sind, bleibt später auch vor Gericht unbeantwortet. Bei der imposanten Trauerfeier der beiden Getöteten nehmen Tausende Sozialdemokraten teil.

DER JUSTIZPALASTBRAND AM 15. JULI 1927

Die politische Lage im Juli 1927
Wahljahr 1927: Im April wird gewählt

Am Sontag, den 24. April ist Wahltag.  Der Opposition fehlen etwa 300.000 Stimmen zur Mehrheit.
Die bewaffneten Selbstschutzverbände des Bürgertums stehen unter Verdacht, sie wären so genannte „5 Schilling Mandl“. Es wird ihnen nachgesagt, dass jeder Heimwehr-Mann pro Aufmarsch 5 Schilling bezahlt bekäme. Doch auch diese Negativpropaganda nützt den Sozialdemokraten wenig. Sie verlieren zum dritten Mal seit Ausrufung der Republik die Wahl gegen die Christlichsozialen. Bürgerliche Mehrheit: 94 gegen 71 sozialdemokratische Abgeordnete.
Der Prälat Dr. Ignaz Seipel bleibt Bundeskanzler. Karl Hartlieb wird Vizekanzler und wird Innenminister, Polizei und Gendarmerie unterstehen ihm. Er muss mit den säbelrasselnden Privatarmeen fertig werden.

14. Juli 1927: Ein schwerwiegendes Urteil wird gefällt
Im Juli 1927 findet im Schwurgerichtssaal des Wiener Landesgerichts ein Prozess statt. Drei Männer sind angeklagt:
Josef Tscharmann, 31 Jahre, Gastwirtssohn
Hieronymus Tscharmann, dessen Bruder, 22 Jahre
Johann Peter, der Schwager der beiden, 26 Jahre, Müllergehilfe

Anklage: Verschuldung des Todes von 2 Menschen am 30. Jänner 1927 in Schattendorf als Mittäter in gemeinsamem Einverständnis mit anderen durch aus Bosheit begangene Handlungen und zwar dadurch, dass sie auf einen durch die Dorfstraße mündenden Fenster des Tscharmann-Hauses, während sich eine Menschenmenge auf der Straße befand, Schüsse aus Jagdgewehren abfeuerten […]

Nach acht Verhandlungstagen geht der Prozess am Abend des 14. Juli zu Ende. Nach fast vierstündiger Beratung verkündet der Obmann der Geschworenen das Urteil: Drei Geschworene stimmen mit „schuldig“, neun stimmen mit „nicht schuldig“

Dieser Wahlspruch bedeutete den Freispruch für die Angeklagten.
12 Stunden später ist Wien in offenem Aufruhr. Weitere vier Stunden später brennt der Justizpalast. In der Folge gibt es Dutzende Tote und hunderte Verwundete.

12 Geschworene: 11 Männer und eine Frau. Die Angeklagten bestritten nicht, geschossen zu haben und es konnte nicht nachgewiesen werden, dass die Schutzbündler bewaffnet waren. Dennoch wurden die Angeklagten freigesprochen.

DIE CHRONOLOGIE DER EREIGNISSE DES 15. JULI 1927
Augenzeuge Chef des republikanischen Schutzbundes, Dr. Julius Deutsch, einst Staatssekretär für Heerwesen berichtet:
Der Permanenzdienst, der in der Redaktion der Arbeiterzeitung war hatte Julius Deutsch um drei Uhr morgens verständigt, dass die Betriebswerke des Elektrizitätswerkes einen Streik beschlossen hätten. Das würde zur Stilllegung von vielen Betrieben führen. Er fuhr also sofort mit dem Taxi in die E-Werke, um dort mit den Betriebsräten zu verhandeln. Dort angekommen waren diese schon weg und Deutsch erfuhr, der Beschluss wäre nicht mehr zu ändern. Nach einem Telefongespräch mit Bürgermeister Karl Seitz fuhr er ins Parteisekretariat und beriet sich mit Mitgliedern des Parteivorstands. Es war dann schon morgens und Demonstranten zogen vor das Parteihaus und verlangten, dass die Partei was unternehmen sollte. Der Parteivorstand hatte Bedenken, dass die Partei gegen die Entscheidung eines Geschworenengerichtes öffentlich etwas unternehmen sollte, denn das Geschworenengericht war ja eine Errungenschaft der Demokratie.

Es stellt sich heraus, dass die Delegation mit den Chefredakteur Austerlitz gesprochen hat und er gerade dabei war, einen Artikel über die Ereignisse dieses Tages zu schreiben. Friedrich Austerlitz, Chefredakteur der Arbeiterzeitung schreibt einen flammenden Leitartikel in der AZ: Die Mörder von Schattendorf freigesprochen! Der Artikel soll aber nicht Aufruf zur Demonstration sein, sondern nach seinen Angaben als „Ventil“ dienen sollen. Massen, die sonst gewohnt waren auf Aufforderung zu marschieren, marschieren nun ohne ausdrückliche Aufforderung. Nur der Schutzbund marschiert nicht. Sonst ist er immer mobilisiert worden, um Demonstrationen im Rahmen zu halten. Der wird aber nicht aktiviert, weil nicht der Anschein erweckt werden soll, dass die Partei selbst einen Demonstrationszug gegen das Geschworenengericht macht.

Kurz nach Arbeitsbeginn legt ein Großteil der Wiener Arbeiterschaft aus Protest gegen das Urteil des Schattendorfer Prozesses die Arbeit nieder und marschiert in ungeordneten Haufen in die Innere Stadt.

  • 7 Uhr: Betriebsbeginn in der E-Werkszentrale in der Mariannengasse. Streikbeschluss, erster Zug der Demonstranten setzt sich in Bewegung
  • Am Ring nächst dem Rathausplatz und dem Schmerlingplatz sind Tausende Arbeiter versammelt.
  • 9 Uhr: erste Zusammenstöße mit der Polizei bei der Universität
  • Arbeiter der städtischen Baustellen auf Lastwagen unterwegs.
  • Gleichzeitig Telefongespräch Deutsch-Schober. Polizei mit berittener Truppe sei vor dem Parlament.
  • 10 Uhr: 5000 Demonstranten in der Stadiongasse zwischen Parlament und Rathaus. Neuer Demonstrationszug von Gemeindeangestellten ist vom Rathaus her im Anmarsch.

In der Reichsratsstrasse 1 steht an diesem Tag ein Baugerüst. Berittene Polizei kommt, um die Straße zu räumen. Den Arbeitern ist sie ein verhasstes Symbol bürgerlicher Machtdemonstration. Beim Parlament ist die Straße aufgegraben, Pflastersteine werden so zu Wurfgeschossen! Baugerüst mit Brettern, Latten und Pfosten. Demonstranten werfen mit Steinen nach den Polizisten. Steinhagel geht nieder. Reiter attackieren mit gezogenem Säbel. Demonstranten werden zum Rathauspark abgedrängt. Neues Ziel der Wut der Massen: Der Justizpalast auf dem Schmerlingplatz. Zuerst werden nur Aktenbündel aus dem Fenster geworfen, dann aber wird Feuer gelegt, Möbelstücke werden angezündet.

  • Um 12.28 erreicht die erste Brandmeldung an Feuerwehrzentrale.
  • Vier Minuten später entdeckt der erste Feuerwehrmann die Brandstelle, aber zwischen der Feuerwehr und dem brennenden Gebäude sind tausende Demonstranten. 5 Reihen von Barrikaden sperren der Feuerwehr am Ende der Lerchenfelderstrasse den Weg ab.
  • Löschwägen werden von der demonstrierenden Menge aufgehalten.
  • Bürgermeister Seitz ist auf einen der Löschwägen hinaufgestiegen und versucht, die Menge zu beruhigen und die Bahn für die Feuerwehr freizumachen.
  • Daraufhin umstellt der Schutzbund die Löschwägen, Deutsch steigt auf einen auf und gibt den Befehl: Vorwärts! Tatsächlich war ein Vorankommen möglich.
  • Meldung, dass bewaffnete Polizei gegen die Stadt zieht.
  • Telefongespräch mit Schober, dass das nicht mehr nötig sei. Polizeioffizier soll der Polizei entgegenreiten, um beschlossenen Abbruch der Polizeiaktion zu verhindern.
  • Deutsch wiederum schickt den Abgeordneten Albert Sewa zum Polizeioffizier, er möge Halt machen und weitere Befehle des Polizeipräsidenten abwarten.
  • Doch beide erreichen den Offizier nicht, während Deutsch wieder auf den Löschwagen gestiegen ist, und den Befehl zum Löschen gegeben hat, geht schon die erste Salve der 150 mit Militärgewehren bewaffneten Polizisten los.
  • Es ist 14.30. Schober rechtfertigt den Angriff damit, dass der Weg frei geräumt werden musste, damit die Feuerwehr Menschen aus dem brennenden Gebäude retten konnte.
  • Der Branddirektor Anton Wagner erklärte in einem Interview, dass, als sie löschen wollten, Gewehrsalven ertönten und Panik entstand.
  • Feuerleute und Löschgeräte werden überrannt. Unzählige Einschüsse in den Löschgeräten.
  • Die letzten Polizisten verlassen zwischen 14 Uhr und 14.15 erschöpft den Justizpalast.
  • Um 17 Uhr fallen die letzten Schüsse.

Vormittags war die Partei nicht mehr Herr der Lage, nachmittags war die Polizei nicht mehr Herr der Lage. Justizpalst brennt bis in die Nacht hinein.
Unterdessen: Zusammenbruch des ganzen Staates. Generalstreik legt den Verkehr lahm, Italien droht mit Besetzung des Inntals, falls die Brennerstrecke nicht intakt bleiben sollte. Auch in Prag und Budapest werden Vorbereitungen für eine militärische Intervention getroffen.

Am 17.Juli wieder halbwegs normale Verhältnisse.
Sozialdemokratische Führer, besonders Bürgermeister Seitz, versuchen vergeblich die Massen zu beruhigen. Der Wiener Polizeipräsident lässt, im Einvernehmen mit Innenminister Karl Hartleb, von der Schusswaffe Gebrauch machen, nachdem die berittene Polizei nicht mehr Herr der Lage war und viele Polizeischüler, die kurzfristig eingesetzt worden waren, Verletzungen erlitten hatten. Im Laufe des Tages kommt es zu weiteren Demonstrationen und Ausschreitungen in ganz Wien. Die traurige Bilanz des Tages: 89 Tote, 600 Schwerverletzte und fast 1000 Leichtverletzte. Die materiellen Schäden sind ebenfalls schwer: wertvolle Akten aus der Zeit der Monarchie und große Teile des Grundbuches gehen zugrunde.

Quellen:
15. Juli 1927. Ein Film von Hellmut Andics aus dem Jahr 1967. Mit Unterstützung des Instituts für Zeitgeschichte. Regie: Walter Davy. Ein Fernsehfilm des österreichischen Rundfunks. ORF: 1967 (online bei You-Tube einsehbar).
Kleindel: Österreich. Daten. Zahlen. Fakten. Salzburg: Andreas& Müller, 2007